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Anarchismus in St. Petersburg

In St. Petersburg, Russland, hat sich seit den 80ern eine bewegte anarchistische Szene entwickelt. Sichtbarer Ausdruck davon ist ein anarchistisches Treffen (Festival/Kongress), das jeden November stattfindet (heuer 6.-8.11.). Dieser Artikel fasst die Ereignisse der letzten Jahre kurz zusammen.
Von der sozialrevolutionären Journalistin bis zum Bahnhofspunk, von der Antifa bis zur Landkommune findet Ihr im heutigen Russland, besonders in den Metropolen Moskau und St. Petersburg, im Prinzip alles, was Ihr auch aus dem Westen kennt (einschließlich Problemen wie Sexismus und Drogen und entsprechender Diskussionen). Es gibt Demos, Hausbesetzungen, Straßenaktionen wie "Food Not Bombs", "Critical Mass" oder "Reclaim the Streets", Infoläden, Zeitschriften, Radiosendungen, Graffiti und viele Bands. Linke Skins und Hools jagen Nazis, anarchistische KünstlerInnen provozieren im öffentlichen Raum, UmweltaktivistInnen besetzen Kraftwerksschornsteine, WissenschaftlerInnen veranstalten jährliche Bakunin-Gedenkkongresse, HIV-Infizierte kämpfen gegen Diskriminierung, und nachts brennt immer wieder mal eine Bullenwache...

Seit 2004 findet jeden November unter dem Titel "Tschorny Pjetrograd" ("Schwarzes Petersburg") ein anarchistisches Festival statt. Die Anfänge waren dabei klein, bescheiden und bedroht - 2004 war die Organisation so chaotisch, dass für das Abschlussplenum kurzerhand ungefragt das Memorial-Zentrum gesquattet werden musste! Außerdem wurde damals ein Squat, in dem viele der TeilnehmerInnen untergebracht waren, von Faschos u. a. mit einem Molotowcocktail angegriffen. 2005 wurde Timur Katscharawa auf dem Weg von einer Food Not Bombs-Aktion (kostenlose Essensverteilung in der Stadt) zum Konzert von Neonazis erstochen, die damals in Petersburg noch allgegenwärtig waren ( http://de.indymedia.org/2005/11/132648.shtml); eine ernstzunehmende antifaschistische Bewegung kam damals gerade erst auf.

Spätestens seit dem Petersburger G8-Gipfel im Juni 2006, der von einer intensiven (wenn auch eher zahnlosen) Repression begleitet war, fand das Geschehen in dieser Stadt innerhalb der internationalen anarchistischen Bewegung immer mehr Aufmerksamkeit. So wurde auch beschlossen, das Festival nicht aufzugeben. Es gelang der Antifa, die rechten Schläger zurückzudrängen. Zum "Tschorny Piter 2006" reisten AnarchistInnen aus verschiedenen Ländern der ehemaligen Sowjetunion an. Das Festival blieb dennoch hauptsächlich als Massenbesäufnis in Erinnerung, und am Rande gab es zahlreiche gewaltsame Konfrontationen mit Neonazis.

Die 2007er-Ausgabe mauserte sich dann so langsam zu einem ernstzunehmenden internationalen Treffen. Nicht dass der Spaßfaktor mit Party und Konzerten reduziert worden wäre, aber es gab auch zahlreiche politische Aktionen in der Stadt und eine Art Konferenz mit Workshops, Filmen und Vernetzungsarbeit. Positiv auch zu vermerken, dass die Faschos diesmal keine Angriffe mehr wagten. Einen Bericht findet Ihr unter  http://projekte.free.de/schwarze-katze/texte/a77.html.

Im folgenden Sommer wurde nach einer militanten Antifa-Aktion die Petersburger Punkszene zwei Monate lang von allen verfügbaren staatlichen Verfolgungsorganen auseinandergenommen, Alexej Bytschin befindet sich seither (und vermutlich noch für vier weitere Jahre) in Haft. Die Antirepressionsarbeit scheint dem Organisationsgrad der Petersburger AnarchistInnen aber gut getan zu haben, die 2008er-Ausgabe des Festivals soll die vorige um Längen getoppt haben. Weniger Chaos, mehr Straßenaktionen, interessantere und besser organisierte Workshops und viel mehr TeilnehmerInnen sind die Stichworte, die dazu von BesucherInnen zu hören waren (wobei wegen der Vielzahl der gleichzeitig stattfindenden Aktivitäten niemand in der Lage ist, halbwegs realistische Besuchszahlen zu geben, aber es müssen ein paar hundert Leute gewesen sein).

Darum wird dieses anarchistische Festival auch heuer wieder stattfinden. Das "Schwarze Petersburg 2009" steigt vom 6. bis 8. November 2009. Laut einer vorläufigen Ankündigung sind bisher folgende Arbeitsgruppen, Workshops und Diskussionen geplant:


- Alternative Bildung / Arbeitsgruppe mit der St. Petersburger "Straßenuniversität" und dem Minsker Netzwerk für gegenseitiges Lernen / Anarchistische Elternschaft
- Linuxkurs (Copyright-Verletzungen durch Besitz von Microsoft-Raubkopien dienen in jüngster Zeit immer häufiger als Vorwand für Durchsuchungen bei russischen Oppositionellen)
- "Reclaim the City"-Arbeitsgruppe mit Critical Mass (Fahrraddemo), Food Not Bombs (Essenverteilung), Psychogeografie und Wiederaneignung städtischer Räume, Hausbesetzung in St. Petersburg
- Anti-Sexismus-Arbeitsgruppe
- Arbeitsgruppe "anarchistische Kritik und Theorie" mit Seminaren über die Neue Rechte, Sexismus in der Antifa, Diskussion über Bewegungen an den Rändern der Gesellschaft, Postanarchismus / Poststrukturalismus
- Anarchistisches Handwerk (von Kochen für Food Not Bombs über Selberbrauen bis zur Zeitschriftenproduktion)
- Anti-Kriegs-Arbeitsgruppe mit Tipps zur Vermeidung des Militärdiensts
- Diskussion zum "Krieg gegen Drogen"
- Arbeitsgruppe Antirepression: Anarchist Black Cross, Kampagnen gegen Polizeibrutalität, gegenseitige Hilfe und neue Kampagne gegen die "E"-Abteilung der Polizei ("Zentrum für Gegenmaßnahmen gegen den Extremismus")

Außerdem soll es u. a. Ausstellungen aktueller, radikaler und politischer Kunst (Graffiti und Samisdat-Presse) geben sowie eine anarchistische Tischtennismeisterschaft, eine alternative Stadtführung durch St. Petersburg, Filmvorführungen und Konzerte (von Liedermaching bis Punkrock und... lasst Euch überraschen). OK, dann wären da noch die Technix:

* Falls Ihr den Schwarzen Peter besuchen wollt:
EU-BürgerInnen benötigen ein Visum für Russland. Das ist in Deutschland für 50-90 Euro innerhalb von zwei Wochen zu kriegen (gilt dann gleich für 30 Tage). Trotzdem solltet Ihr Euch baldmöglichst drum kümmern, denn das gibt's nicht überall, und wenn Ihr einfach selbst auf die Botschaft oder ein Konsulat rennt und ein Visum beantragt, zahlt Ihr Euch dumm und dappich an den Schmiergeldern, ehe Euer Antrag bearbeitet wird. Als Reisezweck würde ich "Besuch eines anarchistischen Treffens" nicht empfehlen, "Tourismus" macht sich da schon besser. Fragt am besten ein paar RussInnen (in Deutschland).
Mit allen Fragen, die den Aufenthalt im Land betreffen (z. B. Anlaufstellen, Pennplatzsuche und wo genau das ganze dann am 6.11. startet) könnt Ihr Euch (auf Englisch oder Russisch) an rush83 >ATPUNKT< net wenden. Dass Ihr am besten warme Klamotten und halbwegs wasserdichtes Schuhwerk mitnehmen solltet, kann ich Euch aber gleich sagen - um diese Jahreszeit fährt man nun mal nicht an die Ostsee, um das schöne Wetter zu genießen.

* Falls Ihr selber was organisieren wollt:
Vorschläge für Seminare und Diskussionen bitte ebenfalls an die genannte E-Mail-Adresse. Formuliert das Thema, schreibt, wieviel Zeit Ihr dafür braucht und ob Ihr einen Beamer benötigt. Wenn Ihr eigene Filme zeigen wollt, gebt an, ob der Film auf Russisch ist oder russische Untertitel hat, und wie lang er ist.


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