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改道 Gǎidào: Anarchismus in Skandinavien – ein Überblick

Vorbemerkung: "Skandinavien" ist ein nicht klar bestimmter Begriff, der sowohl geographisch als auch Teil kulturell verschiedentlich definiert wird. In diesem Artikel bezeichnet er die oft als "nordischen Länder" zusammengefassten Staaten Europas, also Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island.
Im 19. Jahrhundert gab es im skandinavischen Raum einige Literaten und Künstler, die antiautoritäre Anschauungen propagierten. Beispiele sind der Norweger Marcus Thrane, der um 1850 die von Pierre-Joseph Proudhon beeinflusste Thrane-Bewegung, die erste norwegische Arbeiterbewegung, gründete, sein Landsmann Hans Jæger, der prominenteste Vertreter der Kristiania Bohème, die in den 1880er Jahren für sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat, sowie der Däne Jean Jacques Ipsen, der sich an Max Stirner orientierte. Die erste explizit anarchistische Gruppe bildete sich 1877 um die anarchokommunistische norwegische Zeitschrift Fedraheimen, die bis 1891 bestand.

Für die Geschichte des organisierten Arbeiteranarchismus des 20. Jahrhunderts waren jedoch Entwicklungen in Schweden entscheidend. Dort spaltete sich 1908 der radikale Flügel der Jungsozialisten von der Sozialdemokratischen Partei ab. Diese Gruppe, deren prominentester Vertreter Hinke Bergegren war, gründete daraufhin die Jungsozialistische Partei, die außerparlamentarisch wirksam und stark anarchistisch geprägt war. Unter dem Einfluss der Gruppe entwickelte sich auch die 1898 gegründete Zeitschrift Brand zu einer immer deutlicher anarchistischen Zeitschrift. Brand erscheint heute viermal pro Jahr und ist eine der ältesten anarchistischen Zeitschriften der Welt.

1910 gründete sich in Schweden die vorwiegend anarchosyndikalistisch geprägte SAC, die "Zentralorganisation schwedischer ArbeiterInnen" (Sveriges Arbetares Centralorganisation). Zur Gründung der SAC kam es vor allem aufgrund der Enttäuschung vieler ArbeiterInnen mit der zurückhaltenden Vorgangsweise des schwedischen Gewerkschaftsbundes (Landsorganisationen, LO) während des schwedischen Generalstreiks 1908. Die SAC orientierte sich am Syndikalismus der damaligen Confédération Générale du Travail (CGT) und der Industrial Workers of the World (IWW). Letztere hatten eines ihrer legendärsten Mitglieder in dem aus Schweden stammenden Joe Hill (geb. Joel Emmanuel Hägglund), der nach einem höchst zweifelhaften Mordverfahren 1915 in Utah hingerichtet wurde.

Die SAC war – trotz ihres irreführenden Namens – immer stark föderalistisch geprägt. Der deutsche Anarchist Augustin Souchy, der während des Ersten Weltkriegs ins schwedische Exil flüchtete, war lange in der SAC engagiert. In den 1920er Jahren zählte die Organisation beinahe 40.000 Mitglieder und wurde zu einem nicht zu ignorierenden Faktor im politischen Leben des Landes. In den 1950er Jahren, als der deutsche Syndikalist Helmut Rüdiger zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten innerhalb der SAC aufstieg, kam es zum Bruch mit der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die der SAC einen zunehmend reformistischen Kurs vorwarf. Die Beziehungen zwischen der IAA und der SAC sind bis heute gespannt, auch wenn einzelne IAA-Mitgliederorganisationen mittlerweile wieder Verbindungen zur SAC pflegen.

sac00001Obwohl die Mitgliederzahl der SAC heute auf knapp 6.500 gesunken ist, bleibt die Organisation eine reale Kraft in den Arbeitskämpfen des Landes. Das Prinzip der direkten Aktion wird nach wie vor konsequent verfolgt, was SAC-AktivistInnen oft den Vorwurf von "Mafiamethoden" seitens der Arbeitgeber einbringt, wie auch zuletzt anlässlich der lang anhaltenden Blockaden des Nobellokals Berns in der Stockholmer Innenstadt. In diesem Konflikt kämpft die SAC für die Rechte undokumentierter ArbeiterInnen, die von Berns, wie von vielen anderen schwedischen Betrieben, regelmäßig ausgebeutet werden. Die Organisierung undokumentierter ArbeiterInnen ist gegenwärtig eines der Hauptarbeitsgebiete der SAC.

SAC-Mitglieder sind auch immer wieder Ziele rechter Gewalt. 1999 wurde Björn Söderberg ermordet, nachdem er sich am Arbeitsplatz gegen die Wahl eines organisierten Rechtsextremen in den Betriebsrat engagiert hatte. 2008 kam es zu einem Brandanschlag auf eine dreiköpfige SAC-Familie, die sich nur durch Glück über den Balkon ihrer im dritten Stock gelegenen Wohnung retten konnte.

Innerhalb der gegenwärtigen anarchistischen Szene in Schweden, und in Skandinavien im Allgemeinen, wird die SAC von einigen als Repräsentant der einzig wahren anarchistischen Tradition der Region gesehen und von anderen als bürokratisches Fossil abgelehnt. 2010 verdeutlichten sich diese unterschiedlichen Perspektiven im Konflikt um die seit 1922 von der SAC herausgegebenen Zeitschrift Arbetaren, die seit einiger Zeit wieder einem streng syndikalistischen Kurs folgt. Dies verbitterte viele, auch frühere MitarbeiterInnen, die Arbetaren als breites linkes Publikationsorgan sehen wollen. Letzten Endes veranschaulicht der Konflikt die anhaltenden Spannungen zwischen einem klassen- und arbeitskampforientierten Anarchismus und breiteren kulturellen Auslegungen anarchistischer Politik und Aktivität.

In keinem anderen der skandinavischen Länder konnte die syndikalistische Tradition in gleichem Maße Fuß fassen wie in Schweden. Zwar beherbergte der Norwegische Syndikalistische Verbund (Norsk Syndikalistisk Forbund), eine Nachfolgeorganisation der 1916 gegründeten Norwegischen Syndikalistischen Föderation (Norsk Syndikalistisk Føderasjon, NSF), von 2001 bis 2007 das Sekretariat der IAA, doch ist der Einfluss der Organisation auf das politische Leben in Norwegen vergleichsweise gering. Ähnliches gilt für die meist kurzlebigen anarchosyndikalistischen Organisationen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in Dänemark und Finnland bildeten. In Island ist von einer anarchosyndikalistischen Tradition kaum zu sprechen.

Auch dem Aufbau breiterer anarchistischer Organisationen und Föderationen in Skandinavien war wenig Erfolg beschieden. Die meisten Ansätze konnten sich nicht entfalten und waren von kurzer Dauer. Gegenwärtig versuchen die Gruppe Motmakt in Norwegen und die Libertären SozialistInnen Dänemarks (Libertære Socialister), anarchokommunistische Organisationsstrukturen zu etablieren.

Im Allgemeinen sind die gegenwärtigen anarchistischen Szenen Skandinaviens stark subkulturell geprägt. Die meisten haben ihren Ursprung in den Protestbewegungen der 1960er Jahre, die sich in den darauf folgenden Jahrzehnten vor allem in Kommunenprojekten und Hausbesetzungen manifestierten. Christiania in Kopenhagen ist hier das bei weitem bekannteste Beispiel, doch reichen entsprechende Ansätze bis zum Viertel Svartlamon im nordnorwegischen Trondheim. Weltweite Schlagzeilen machte 2007 der Kampf um Kopenhagens Ungdomshuset.

Der bekannteste individuelle Vertreter des sich in den 1960ern etablierenden "neuen" Anarchismus war der norwegische Autor Jens Bjørneboe, dessen Aufsätze "Anarchismus als Zukunft" (1969) und "Anarchismus … heute?" (1971) auch über die Grenzen des anarchistischen Milieus hinaus LeserInnen fanden. Bjørneboe vertrat jedoch einen stark individualistisch, manche sagen auch nihilistisch, geprägten Anarchismus. Als beständigste Zeitschrift der zu jener Zeit gegründeten Publikationsprojekte behauptete sich Norwegens Gateavisa, das seit 1970 erscheint.

Das Etikett "anarchistisch" wird meist sehr vage verwendet und reicht von jugendlichen Punks über radikale TierbefreierInnen bis zu Open-Software-AktivistInnen. Eine gemeinsame Identität ist oft schwer auszumachen und oft fehlt es an Kontakten und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen anarchistischen Gruppen.

Besondere Entwicklungen gab es in den letzten Jahren in Finnland und Island, beides Länder ohne starke anarchistische Traditionen.

In Finnland entwickelte sich vor allem in Tampere, einer traditionell linken Hochburg, eine radikalökologische, zum Teil auch primitivistisch orientierte Bewegung, welche die anarchistische Szene des Landes gegenwärtig am stärksten prägt. Im traditionell alternativen Stadtteil Pispala gibt es mehrere anarchistische Kommunen, und jährlich wird dort das Musta-Pispala-Festival organisiert. Die Zeitschrift Takku – auch ein Webportal – ist das wichtigste Publikationsorgan der AktivistInnen der Stadt.

IslandIn Island war die 2004 gestartete ökologische Kampagne Saving Iceland stark von anarchistischen Ideen beeinflusst. Es entwickelte sich eine antiautoritäre und basisdemokratische Protestkultur, die besondere Bedeutung erhielt, als Island im Jahr 2008 stark von der weltweiten Finanzkrise betroffen war und es zu heftigen Protesten gegen die Regierung kam. AnarchistInnen spielten in diesen eine wesentliche Rolle und mehrere AnarchistInnen waren unter den neun Angeklagten, die sich in einem langen Gerichtsprozess für die Störung einer Parlamentssitzung im Dezember 2008 verantworten mussten und mit Haftstrafen von bis zu sechzehn Jahren bedroht waren. Erst im Februar 2011 wurden die Hauptanklagepunkte fallengelassen. Gegen vier der Angeklagten wurden mehrmonatige Haftstrafen auf Bewährung sowie Geldbußen verhängt.

Ironisch ist in vielerlei Hinsicht, dass sich angesichts der neoliberalen Entwicklungen, die auch vor sozialdemokratischen Parteien nicht Halt machen, die Verteidigung des Wohlfahrtsstaates in den letzten Jahren zu einem Fokus anarchistischen Aktivismus in Skandinavien entwickelt hat. Wie sich dieser Widerspruch in Zukunft auflösen wird, wird sich zeigen.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass die skandinavischen Länder eine Hochburg anarchistischer Aktivität sind. Gleichzeitig gibt es mit der SAC eine der traditionsreichsten Organisationen anarchistischer Prägung in Europa und zudem in allen Ländern engagierte Gruppen und Projekte. Die anarchistische Buchmesse in Stockholm 2010 hatte AusstellerInnen aus zahlreichen Ländern und über 1000 BesucherInnen. Dies ermutigt insofern, als es vor allem eine stärkere Vernetzung ist, die für die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven und gemeinsamer Stärke notwendig scheint.


Webinfos


Anarchistische Buchmesse Stockholm

Libertære Socialister (Dänemark)

Motmakt (Norwegen)

Reykjavik Nine (Island)

SAC (Schweden)

Takku (Finnland)


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