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„Strike Bike“: Eine Belegschaft schrieb Geschichte

Eine kritische Nachbetrachtung zu einem einzigartigen Arbeitskampf - Diese kritische Nachbetrachtung versteht sich als ein Rechenschaftsbericht, der den Verlauf, Kritik und Erfahrungen der Betriebsbesetzung mit selbstverwalteter Fahrradproduktion der Bike Systems GmbH-Kolleg/innen in Nordhausen / Thüringen im Jahre 2007 nachzeichnet. 115 Tage dauerte dieser verzweifelte Kampf gegen die Plattsanierung einer ostdeutschen Fahrradfabrik, die in einer »Woche der Anarchie« Ende Oktober 2007 endete. Weil die Arbeiter/innen durch die Aushebelung der kapitalistischen Besitzverhältnisse selbstverwaltet und eigenmächtig die Produktionsanlagen zur Herstellung von 1.800 knallroten »Strike Bikes« mit der fauchenden Katze, dem Symbol des »wilden Streiks« und der Rebellion, wieder anwarfen, schrieben sie Klassenkampf-Geschichte in Deutschland und Europa, die bis heute nachwirkt. Weil einige wenige Fahrradwerker im südlichen Harz noch immer ihren Kampf, ihre Autonomie und Würde nicht aufgeben wollen und weiter Faharräder zusammenbauen und neue Modelle entwickeln – die »Black Edition Strike Bike 2.0« ist weiter in Arbeit – verdient dieser »Übermut« und diese Zuversicht in die eigene Kraft unseren Respekt und unsere Solidarität.

Autor: Folkert Mohrhof

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Das »Strike-Bike« aus Nordhausen

Eine rebellische Belegschaft wird abgewickelt

vom Widerstand der Fahrradwerker gegen die kapitalistische Logik. Ein Rechenschaftsbericht


Zum Hintergrund

Am 7. November 2005 verkaufte die Biria AG ihre zwei Fahrradwerke im sächsischen Neukirch und thüringischen Nordhausen – zusammen über 400 Arbeiterinnen und Arbeiter – ohne Arbeitsplatzgarantie für 11,5 Mio. Euro an den amerikanische Finanzinvestor Lone Star mit Filialen in Brüssel und Frankfurt/Main. Eingefädelt hatte diesen Deal der damalige Biria-Generalbevollmächtige Gerhard Urbannek. Der zweitgrösste deutsche Fahrradhersteller des Besitzers Mehdi Biria mit einem jährlichen Umsatz von einer halben Million Rädern und 75 Millionen Euro gibt damit »freiwillig« aus Altersgründen auf. Um die eigene Marktstellung im Fahrradgeschäft zu strärken, verlaibte sich der Marktführer, die MIFA – Mitteldeutsche Fahrradwerke AG im sachsen-anhaltinischen Sangerhausen, den Konkurrenten Biria ein. Wie wird so etwas gemacht? Da kein eigenes Kapital zur Übernahme der Biria AG vorhanden war, bediente sich die MIFA-Geschäftsführung um die Herren Wicht und Lehmann der Dienste der Lone Star-»Plünderer« (»Raider« nennen die Amerikaner Hedgefonds-Firmen) aus Texas. Ihre Spezialiät besteht darin, »notleidende Kredite« von Banken aufzukaufen und Firmen auszuschlachten, zu „filetieren, abzuspalten, auszupressen und weiterzuverkaufen“, wie der Spiegel es ausdrückte. Sie kaufen alles, was ihnen unter die Nägel kommt. Allein in Deutschland verfügt Lone Star »über notleidende Kredite in einem Nominalvolumen von ca. 9 Milliarden Euro« (2005/06 zusammengekauft) – die Biria AG war da nur ein klitzekleiner Fisch, so jedenfalls sieht es aus. Im Jahre 2005 wurde die Lone Star Funds 5 European Holding I SCA mit Sitz in Brüssel gegründet. Diese wickelt die europäischen Plünderungen des Lone Star Funds V ab; ingesamt verfügt dieser Fonds über 5 Milliarden US-Dollar, um in »financial and real estate assets on a global basis, focusing on investments in secured and corporate unsecured debt, portfolios of distressed real estate and financially-oriented operating companies« zu investieren. Über die gattus 233. GmbH in Berlin kaufte Lone Star sämtliche Wirtschaftsgüter (Asset Deal) der Biria AG auf und »parkte« hier alle Vermögenswerte der Werke Neukirch und Nordhausen – vor allem aber die Aufträge als »immaterielle Vermögenswerte«. Ende Dezember 2006 erläuterte Michael Kolbeck, Vice President Lone Star Germany GmbH, in einem Interview wie der Wert von Biria nun gesteigert werden soll: »Kurzfristig werden wir das Unternehmen stabilisieren. Durch die Lösung der akuten finanziellen Probleme werden das Vertrauen der Kunden und Lieferanten sowie die Motivation der Mitarbeiter wieder gestärkt. Dies bringt das Unternehmen in eine hervorragende Ausgangsposition, um im zweiten Schritt die notwendigen Veränderungen des deutschen und europäischen Fahrradmarktes aktiv zu gestalten.« Als das Neukircher Werk Ende 2005 dicht gemacht wurde, gingen ohne nennenswerten Widerstand auch die Lieferverträge für die gelben Posträder an die MIFA über. Das »Aus« von Nordhausen war zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen. Durch einen perversen Lohnfertigungsauftrag vom 5. Dezember 2006 mussten die Nordhäuser bis zu 30.000 Fahrrädern monatlich für die MIFA produzieren, Kunden waren u.a. Aldi, Metro und Penny. So steht es im Wertpapierprospekt: »Die monatliche Nettovergütung beträgt unabhängig vom Bestellvolumen € 204.000.« Pro Drahtesel also nur 6,80 €. Dieses bewusste Ausbluten gehört zur Strategie der Lone Star-Advisors, die dann lauthals verkünden, dieser Betrieb sei nicht mehr konkurrenzfähig, denn er würde nicht mehr rentabel produzieren. Die Insolvenz der Nordhäuser Bike System GmbH erledigen die Manager der Hudson Advisors Germany (HAG), die die Drecksarbeit für die Kreuzzüge der Lone Star machen, sie fegen die Reste zusammen, wickeln die Konkurse ab, regeln sämtliche Verhandlungen.

Umstrukturierung des europäischen Fahrradmarktes

Die »notwendigen Veränderungen des deutschen und europäischen Fahrradmarktes« beginnen bereits einen Tag nach Abschluß des
Knebelvertrages. Am 6. Dezember 2006 beschließt der MIFAVorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrats, »100 Prozent der Geschäftsanteile an der gatus 233. GmbH von Lone Star Funds zu erwerben. Die gatus 233. GmbH hat zuvor Vorräte und Lagerbestände der Biria-Gruppe sowie Kundenverträge der Biria-Gruppe übernommen. Vorangegangen war ein Beschluss der Biria-Gruppe, den Betrieb in Neukirch stillzulegen.« Die Integration der gatus 233. GmbH brachte der MIFA »immaterielle Vermögenswerte« von 6,43 Mio. Euro ein – gekauft für 8 Millionen Euro. Die Begründung für die Plattsanierung der Produktionsstätte in Nordhausen wird auch geliefert: »Aber auch die Übernahme der neuen Produkte mit Sonderteilen und erhöhtem Kommissionierungsaufwand beanspruchten zusätzliche Ressourcen und hatten Einfluss auf die Produktivität. Insbesondere die Fertigung an den zwei Produktionsstandorten in Nordhausen und Sangerhausen bis zur Mitte des Berichtsjahres verursachte insgesamt eine Sonderbelastung i. H. v. 2,6 Mio. EUR. Diese setzen sich im Wesentlichen aus den Lohnfertigungskosten, den Transport- und Logistikaufwendungen sowie zusätzlichen Lagerkosten zusammen. (...) Die Produktion wurde im Geschäftsjahr durch die Zusammenführung der beiden Produktionsstandorte nach Sangerhausen wesentlich beeinflusst. In der ersten Jahreshälfte wurden noch Aufträge in der Nordhäuser Fabrik abgearbeitet. Danach erfolgte die Zusammenlegung der Roh-, Hilfs- und Betriebstoffe, des Warensortiments und der entsprechenden Aufträge. Dies führte zu den bereits erwähnten Sondereffekten im Wirtschaftjahr 2007.« Zusätzlich zur »Sonderbelastung« durch die Lohnfertigung in Nordhausen (hier arbeiete niemand für den Monatslohn von 780 €uro wie in Sangerhausen!) kommen weitere satte 1,6 Millionen Euro Kosten für Provisionen, die an die Lone Star Germany GmbH gezahlt wurden, wie aus dem Geschäftsbericht 2007 der MIFA ersichtlich ist: »Darüber hinaus wirkten sich die Provisionen i. H. v. TEUR 1.600 für die Übernahme laufender Aufträge von Kunden als sofort abziehbarer jedoch nicht Cash-wirksamer Aufwand negativ auf das Jahresergebnis aus. Somit belasteten einmalige Sondereffekte insgesamt i. H. v. 4,2 Mio. EUR das Jahresergebnis 2007.« Allerdings zahlt Lone Star noch ein Aufgeld für den Erwerb der 2 Millionen Aktien in Höhe von 6 Mio. Euro, die als Kapitalrücklage jedoch nicht zum haftenden Eigenkapital gehören.

Welche Strategie verfolgt Lone Star mit seinem Engagement bei der MIFA?

Die Nachfrage nach Fahrrädern wird für Deutschland auf bis zu 4,5 Millionen Räder jährlich geschätzt. Ein riesiger Markt. Lone Star will die MIFA möglicherweise in eine reine Vertriebsgesellschaft ohne eigene Produktion für Billig-Fahrräder aus China und Fernost umwandeln. Dadurch steigt die Profitrate und ihre Rendite; die Drahtesel würden weiter als »Made in Germany« vermarktet werden können. Dies wird allerdings erst dann funktionieren, wenn die Frachtraten für ein in China vollständig zusammengebautes Fahrrad unter die aktuellen Kosten von 20-25 Euro sinkt: »Genau das ist die Spanne, die der Mifa-Chef nutzen muss, wenn er den Kampf gegen chinesische Billiglohn-Räder gewinnen will.« Möglich auch, dass Lone Star die MIFA zu einer europäischen Fahrradmarke ausbauen will. Das war allerdings ein Teil der von Biria und Urbannek geplanten Projekte. Das zweite Ziel haben die neuen Eigentümer der Biria AG bereits verwirklicht: statt eines Standortwechsels innerhalb Sachsens haben sie auch noch das Werk in Nordhausen stillgelegt.

Die längste Betriebsbesetzung – Betriebsversammlung Deutschlands

An 20. Juni wurden der Belegschaft der Bike Systems GmbH & Co. KG Thüringer Zweiradwerk KG in Nordhausen die Betriebsschließung zum 30. Juni 2007 bekanntgegeben. Bis zum letzten Tag wurde hier noch im Schichtbetrieb mit 135 Festangestellten und bis zu 160 Zeitarbeiter/innen aus der Region gearbeitet; die »verlängerte Werkbank der MIFA« wird nun nach Sangerhausen verlagert. Am 9. Juli 2007 wurde bei den Verhandlungen um einen Sozialplan zwischen Betriebsrat und dem Lone Star-Geschäftsführer Müller deutlich, dass die Plattsanierung so billig wie möglich vonstatten gehen sollte. Den 135 Mitarbeiter/innen wurde auf der am 10.7.2007 einberufenen Betriebsversammlung mitgeteilt, dass die Firma keinerlei finanzielle Reserven mehr hätte, um die Kündigungsfristen einzuhalten, um einen Sozialplan aufzustellen und auch kein Geld mehr für eine Beteiligung an einer Auffanggesellschaft vorhanden sei, lediglich 828.000 Euro wurden angeboten. Die Kolleginnen und Kollegen beendeten daraufhin einfach die Betriebsversammlung nicht und verlegten sie ab 14 Uhr auf den Werkshof und den Bürgersteig, der Betrieb war damit praktisch in ihrer Hand, besetzt. Sie bauten aus Paletten ein kleines Streiklokal auf. Sie wollten sich nicht so abspeisen lassen wie die in Neukirch (hier zahlte Lone Star nur 660.000 Euro an Abfindungen). Sie fordern die Aufstellung eines Sozialplanes, Einrichtung einer Auffanggesellschaft und die Prüfung des Erhalts der Arbeitsplätze durch neue Investoren. Ihre Parole lautet: »Wer nicht kämpft, der hat schon verloren!« Einige haben bereits seit 1986 in diesen Fabrikhallen Fahrräder hergestellt, damals gehörte ihr Betrieb noch zur Konsumgüterproduktion der IFA-Motorenwerke. Dreiviertel der Belegschaft sind Frauen, die überwältigende Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen ist über vierzig Jahre alt. Viele haben also Kündigungsfristen von sieben Monaten und ihre fianziellen Rechtsansprüche beliefen sich auf mehr als 1,123 Millionen Euro. Der Geschäftsführer scheiterte am 12. Juli mit seinem Versuch, mit einem Arbeitsgerichtsbeschluss das Werksgelände räumen zu lassen. In der Region spricht sich der Protest der Belegschaft und die Nachricht von dem besetzten Betrieb schnell herum - und die Solidarität ist gross im südlichen Harz. IG Metall und DGB unterstützen die Besetzer von Anfang an auf ihre Weise.

Wie kam es zur »Strike-Bike«-Kampagne?

Die ersten Meldungen über die Besetzung in Nordhausen wurden bundesweit am 11.7. veröffentlicht, ein Artikel aus der Thüringer Allgemeinen wurde verbreitet und das Netzwerk der GewerkschaftsLinken, labournet.de brachte erste Berichte aus Nordhausen. Im Laufe der Zeit besuchten viele solidarische Kolleginnen und Kollegen das Nordhäuser Fahrradwerk. In Hamburg haben wir im Café Libertad Kollektiv, einer selbstverwalteten Genossenschaft die zapatistischen Kaffee aus Chiapas importiert, als Zeichen unserer Solidarität mit der Fabrikbesetzung Filterkaffee an die Belegschaft geschickt. Wie immer, legten wir natürlich Informationsmaterial über den Charakter unseres Projekt und einige Plakate bei. Der Gewerkschaftslinke Dieter Wegner vom Jour Fixe Hamburg schreibt über seinen Besuch in Nordhausen am 31.7.: »Mit der Post wird ein grosses Paket mit Kaffee (Marke Störtebeker) gebracht, mit dem Versprechen, bei Bedarf ein weiteres Paket zu schicken. Absender ist ein Hamburger Kollektiv.« Auf Nachfrage lieferte das Café Libertad Kollektiv weiteren Soli-Kaffee nach Nordhausen. In der Nacht vom 23. auf den 24. August haben dann zwei Genoss/innen von Café Libertad (die auch Mitglieder der FAU Hamburg sind) das besetzte Werk zum ersten Mal besucht. Bei ihrem zweiten Besuch am 27.  August wurde die Idee einer möglichen Produktion angesprochen: wie wohl ein Fahrrad ankäme, das in einer besetzten Fabrik produziert wird? Kurze Zeit später – am 4. September – meldete sich der Anwalt der Besetzer/innen, Jürgen Metz, der schon während der Kali-Betriebsbesetzung in Bischofferode 1993 den hungerstreikenden Bergleuten half, bei Café Libertad und erklärte, dass eine Produktion im besetzten Werk prinzipiell möglich sei. Am 6. September fand in Frankfurt/Main eine von der IG Metall organisiert Protestkundgebung der Bike Systems-Kolleg/innen vor der Lone Star-Zentrale statt. Hier kam es erneut zu einem kurzen Gespräch zwischen FAU-Genossen und einigen Fahrradwerkern. Da die IGM auf eine sofortige Rückfahrt nach Kundgebungsende drängte, blieb nicht viel Zeit zum Kennenlernen. Dies wurde am 8. September nachgeholt. Es kam zu einem vertraulichen Gespräch zwischen zwei Abgesandten der FAU – einem Genossen aus Frankfurt und Hannover – und einem Dutzend Mitarbeiter/innen zusammen mit ihrem Rechtsbeistand Jürgen Metz über die Rahmenbedingungen einer Streik-Produktion im Betriebsratsbüro in Nordhausen. Erst seit diesem Zeitpunkt wurde eine Unterstützungs-Kampagne innerhalb der FAU vorbereitet. Es mussten in Nordhausen weitere rechtliche Dinge geklärt und natürlich die Zustimmung der Belegschaft abgewartet werden. Die Berliner Radspannerei Kreuzberg wurde von Café Libertad angesprochen, um in Zusammenarbeit mit den Nordhäusern ein Soli-Rad zu entwerfen. Wir kannten die Kolleg/innen von einer gemeinsamen Veranstaltung in Berlin und als unsere Kunden – und die haben dann auch begeistert das »Strike-Bike«-Modell mitgestaltet. Die vielen Einzelkomponenten mußten die Besetzer/innen auf dem Markt einkaufen. Der Solidaritätskreis »Strike-Bike« der FAU startete seine Kampagne mit dem Ansprechen von vermeintlich alternativen Fahrradläden und Fahrrad-Kollektivbetrieben in vielen Städten im Bundesgebiet. Die Resonanz auf das Arbeitersolidaritäts-»Strike-Bike« war leider nicht besonders groß, obwohl sich die Betriebsbesetzung in den Informationskanälen der Branche blitzschnell herumgesprochen hatte.

Aus der 1. Pressemitteilung der FAU-IAA vom 19.9.2007:
Was haben Lone Star und wicht, Lehmann und Brüning vor?
»Wir klagen öffentlich an, dass diese offensichtlichen Zusammenhänge verschwiegen wurden, vielmehr wurde die global operierende multinationale Lone Star auserkoren, damit das Geheul von den Arbeitsplatz fressenden ausländischen „Heuschrecken“ ertönen konnte. Das profitgierige Konsortium besteht aber neben der Lone Star auch aus einheimischen Kapitalisten wie Peter Wicht, der Hyrican aus Kindelbrück, der auf einen Streich 355 Arbeitsplätze seiner Konkurrenz vernichtet hat, um seinen Profitrate zu steigern. Will er nun zusammen mit der Lone Star seine beiden Firmen für fertigproduzierte Computer und Fahrräder aus Korea (Samsung ist der Hauptlieferant) sturmreif schießen? Diesem abgekarteten Spiel kann nur durch internationale Solidarität begegnet werden, die FAU wird ihre internationalen Schwester-Gewerkschaften in der IAA um Solidarität bitten, um dem Arbeitsplatz fressenden Durchmarsch der Wicht-Lehmann-Gruppe und der Lone Star auf dem europäischen Computer- und Fahrrad-Markt Widerstand entgegen zu setzen.«

»Strike-Bike« – Synonym für Widerstand
Das wichtigste Standbein jeder Kampagne ist die Öffentlichkeitsbzw. Pressearbeit, die nach anfänglicher Startschwierigkeit eine weltweite Resonanz fand. Die Idee der selbstverwalteten Produktion und die mutige Verweigerung einer sang- und klanglosen Abwicklung wurde sofort verstanden. Mittlerweile ist »Strike-Bike« ein Synonym für Widerstand und Selbstbehauptung. Am späten Nachmittag des 19. September gab es dann endlich den Startschuss für die mit Nordhausen abgestimmte Kampagne, um 19.45 Uhr ging die erste Pressemitteilung um den Globus. Erst kurz vorher wurden die Verfügbarkeitszusagen für alle benötigten Einzelkomponenten des zu bauenden »Strike-Bike« bestätigt. Das hatte länger gedauert als geplant, denn ein Teil der kapitalistischen Lieferanten wollte kein »besetztes Fahrradwerk« beliefern oder nur gegen Vorkasse. Dehalb musste auch die sofortige Anzahlung für die bestellten Räder gefordert werden – abgesichert durch eine »Geldzurück-Garantie« über ein Rechtsanwaltskonto. Parallel wurde von den Kolleginnen und Kollegen der Verein »Bikes-in-Nordhausen« gegründet, der die Produktion abwickeln und die Interessen der beteiligten Fahrradwerker vertreten soll. Zuerst griff natürlich die lokale Zeitung, die nnz – die Neue Nordhäuser Zeitung, unsere Pressemitteilung am 20.9. auf: »Es
könnte losgehen ...«. Kein Wort über die IG Metall, nur über die FAU und das »Strike-Bike«. Einen Tag später titelte das Neue Deutschland einen großen Artikel: »Aufmüfiges Kollektiv sucht Kunden«. In einer eigenen Pressemitteilung vom 21.9. erklären die WeiterbauerInnen noch einmal ihr Anliegen: »Mit dieser Aktion wollen die Mitarbeiter der Bike Systems GmbH weiterhin auf Ihre
Situation aufmerksam machen und gleichzeitig ein Zeichen setzen, dass man auch weiterhin nicht bereit ist, Ihre Abschiebung in die
Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen sozialen Abstieg hinzunehmen.« Am 26.9. fand in Hamburg eine Veranstaltung der FAU und von Jour Fixe mit 4 Kollegen aus Nordhausen statt, die auch den ersten Prototypen des »Strike-Bike« unter viel Beifall mitbrachten. Eine
»Besucherin« dieses Info-Abends berichtet dann auf indymedia: »Ärgerlich ist Störfeuer von Seiten einiger DGB Funktionäre. Es sieht ganz so aus, als ob die grossen Gewerkschaften neidisch auf den Erfolg der Kampagne sind und sich nun ärgern, dass es zu spät ist die Kampagne in ihrem Sinne zu übernehmen. Bei der Belegschaft wächst anscheinend auch immer mehr Hoffnung den Laden auch über die Kampagne hinaus in Selbstverwaltung weiterführen zu können, zumal sich die „Hoffnung“ auf Übernahme durch einen neuen Investor als immer unwahrscheinlicher erweist.« Am 27. September kam die nnz-Mitteilung, dass es »bei der Bike Systems GmbH – vorsichtig ausgedrückt – undurchsichtig« werde. Denn der vorläufige Insolvenzverwalter ließ »über seinen Kanzlei-Chef ausrichten, das Nordhäuser Unternehmen werde geschlossen. Es gebe keinen Investor. Nach nnz-Informationen ist das so nicht richtig ...« Tagsdarauf berichtet dann auch Spiegel-online, dass es »zur Weiterführung der Produktion ... dieses Interessenten-Trio um Gerhard Urbanek immer noch« gäbe. »Mehr noch: Sie könnten (...) am 1. März 2008 mit der Fahrrad-Produktion loslegen. Bestellungen für 77.000 Räder sollen die Herren Urbanek & Co. in der Tasche haben.« Am 28. September dann der endgültige »Durchbruch« – die ARD-tagesthemen senden einen Kurzbericht. Jetzt ist Nordhausen bundesweit ein Thema.

Die Internationale Solidarität
Unterschiedlichste Hilfe und Solidarität kommt von Fahrrad-Kollektiven und anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsgruppen wie der CNT-AIT Spaniens aus Sevilla, Valencia, Teruel und dem Baskenland, dem Allgemeinen Syndikat aus Wien, der sibirischen SKT, der Betriebsgruppe der CGT bei Airbus in Madrid, FAU-Ortsgruppen, Metaller-Kolleginnen und Kollegen, anderen linken Gewerkschafter/innen; Post kommt aus Kairo, Tel Aviv, Johannesburg, Argentinien und Australien, Kanada, Polen, Slowenien, Ungarn, Sibirien, Brasilien, Bolivien, von den Wobblies der Starbucks-Gewerkschaft in den USA und Schottland. Aus Moskau, Finnland, Kanada und anderswo kommen Interviewanfragen, Radio- und Fernsehsendungen berichteten rund um den Erdball. Und vor allen Dingen: es wurden über 1.800 Fahrräder bestellt!

Die Rolle der IG Metall
Die Industriegewerkschaft Metall des DGB hat die Kolleginnen und Kollegen in Nordhausen im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt. Diese Behauptung ist zutreffend, denn neben der sozialpartnerschaftlichen Abwicklung des Interessenausgleichs für den Arbeitsplatzverlust hatte die IGM keinerlei Ratschläge oder Ideen, um den Kampf der Fahrradwerker zu unterstützen. Sie wiegelte vielmehr ab. Das ist ihre Aufgabe innerhalb dieser Gesellschaftsordnung – die Aufgabe der Gewerkschaft ist nur die eines Reparaturbetrieb und Kontrollorganisation über die Arbeiterklasse im Kapitalismus. Aus diesem Grunde hat sich die IGM auch nicht an den Planungen des »Strike-Bike« beteiligt; sie hätte damit eine Verantwortung übernommen, die ihre Arbeitskampf-Richtlinien nicht vorsehen und für die die lokale Verwaltungsstelle niemals das »Okay« aus der Frankfurter Zentrale bekommen hätte. Natürlich wird es stimmen, dass am 27.9.2007 alle Aufruf zur IGM-Pressekonferenz nur wenige Stunden vor der FAU-Konferenz am 2. Oktober um 15 Uhr Funktionär/innen der IG-Metall bundesweit informiert wurden, wo das »Strike-Bike« bestellt werden kann. Nur, warum hat die IGM nicht finanziell geholfen oder gar die gesamte Solidaritäts-Produktion aufgekauft? Dann hätte sie es als ihr »IGM-Rad« vermarkten können und die FAU hätte nur (wutschnaubend) zusehen können. Möglichkeiten hat es also genug gegeben – sie wurden nicht genutzt, weil es nicht zu den Aufgaben der Metall-Gewerkschaft gehört, eigenständige Wege von kämpferischen Kolleg/innen zu unterstützen. Die 1. Bevöllmächtigte der IG Metall Nordhausen, Astrid Schwarz-Zaplinski, begleitet die Werksbesetzung vom ersten Tag an. Dass sie dabei auf eine »Konkurrenz-Gewerkschaft« trifft, stört sie nicht: »Hauptsache, die Beschäftigten geben sich nicht geschlagen.« (zitiert nach indymedia, 25.9.2007) Trotzdem gab es keinerlei Kontakt zwischen FAU-Genoss/innen und den Funktionären der IG Metall. Wir wurden keines Gesprächs für würdig befunden, vielmehr denunzierte in einem junge Welt-Interview der 2. Bevollmächtigte Klaus-Dieter Schmidt die FAU, als »eine Organisation sei, die vom Verfassungsschutz überwacht würde ...« Am 4. Oktober druckte die Jungle World dann das erste Mal unsere Kritik an der IGM: »Was wir als Mini-Gewerkschaft bekommen haben, ist internationale Solidarität«, wird der Pressesprecher des »Solidaritätskreises Strike-Bike« der FAU zitiert. »Es ist eine absolute Sauerei, von der IG Metall kommt überhaupt nichts. Wieso kaufen die eigentlich keine Strike-Bikes? Die hätten die Möglichkeit zu einer Großbestellung.« Konkret auf die  Unterstützung der »Strike-Bike«-Produktion angesprochen, brachte es die erste Bevollmächtigte Astrid Schwarz-Zaplinski nur zu dem Eingeständnis: »Einzelne Kollegen und Kolleginnen der IG Metall werden sicherlich bestellen.« Ein Kollegen der Radspannerei Kreuzberg soll hierzu zitiert werden: »als nachtrag noch einen kleinen wermutstropfen. die ig-metall, welche die belegschaft mehr als zwei monate hingehalten hatte, sie vielmehr noch zu überreden versuchte, den kampf aufzugeben im hinblick auf die konsequenzen, sozusagen angstmacherei betrieb, und die eigentlich in ihrer funktion selbstverständliche unterstützung versagte, sprang erst wieder auf den zug auf, nachdem die ‚tagesthemen’ der ard einen bericht über die werksbesetzung gesendet hatte. sie warb um die 65 noch nicht-mitgliederinnen ihrer organisation, bot ihnen, um die entscheidung zu erleichtern, zinslose darlehen an. 30 der jetzigen vereinsmitglieder vom bikes aus nordhausen e. v. traten ein. der mitgliedsbeitrag von 30,- € wurde ihnen umgehend vom konto abgezogen, jedoch wurde bis heute kein einziges darlehen gezahlt. statt dessen wurden wimpel und ig-metall-girlanden aufgehängt, plakate gedruckt, die kaum erfüllbare forderungen an die heuschreckengesellschaft „lonestar“ richtet, welche in den usa residiert, und die unvermeidliche, weithin sichtbare ig-metall-flgge gehisst.« Und die Jungle World vom 18.10.2007 berichtet: »Vor der Fabrik stehen drei Fahnenmasten. An einem hängt die Fahne der IG Metall, am zweiten die der FAU, der anarcho-syndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, der dritte ist nicht bestückt.« Die metall, Zeitung der IGM, brachte es dann fertig, ein »Strike-Bike« als Lösungs-Prämie für das Kreuzworträtsel in der November-Ausgabe zu verlosen. Eine Erklärung, welche Bewandnis es denn mit dem knallroten Fahrrad aus Nordhausen überhaupt hat, wurde nicht geliefert, das übernahmen dann vielerorts informierte Metaller-Kolleg/innen in den Betrieben. Die Angst vor Nachahmern muß groß sein.

Die Abwehr der NPD-Aktivitäten ...
... gelang durch junge FAU-Genossen, die sich mit kreativen Mitteln der NPD-Seiten bemächtigten und statt nationalistischer Nazi-Propaganda für den Kauf »deutscher Fahrräder« entsprechende antifaschistische Links auf deren nationale WebSeiten verlinkten. Eine gelunge Aktion!

»Bike Systems: Gerechte Lösung« ?
Auch politisch brachte es die FAU als »linksextremistische Anarcho-Gewerkschaft« bis in die Aktuelle Stunde des Landtags von Thüringen.
Am 11. Oktober 2007 sorgte sie in einer wilden Aussprache, die in ihrer Belang- und Hilflosigkeit nicht mehr zu überbieten war, für den Zündstoff, der die CDU-Riege in Rage brachte. »Eine schöne Aktion, die das Herz erwärmt und die auch die Solidarität betrifft mit einer Anarcho-Gewerkschaft, die sich am Ende des Weges nicht einbringen wird, wie es weitergeht, oder sagt, es lässt sich im Augenblick eine effektive Produktion mit Fahrrädern dort nicht gewährleisten, denn dann müssen sie 200.000 Stückmindestens haben.« (CDU-Kretschmer)
»Haben Sie sich denn schon mal gefragt, ob die Produktion von Fahrrädern in besetzten Räumlichkeiten und unter Einsatz von Anlagen, die zur Insolvenzmasse gehören, rechtlich wirklich unbedenklich ist?« Reinholz, Minister für Wirtschaft, Technologie und Arbeit (CDU-Regierung)
»Wenn Sie sagen, warum die IG Metall dort nicht auftritt, die kommt nicht zu Fuß, weil das eine andere Entwicklung genommen hat. Gehen Sie mal auf die Internetseite und schauen Sie mal bei Bike Systems. Da ist Ruhe. Aber gehen Sie mal auf die Internetseite „Strike-Bike“, da sehen Sie eine Betätigung in dem Internet, linksextremistisch und was für Truppenteile, da wird mir als ehemaligem DDR-Bürger angst und bange, wenn ich das sehe. Ich sage Ihnen nur mal, Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, die haben plötzlich ein feld
entdeckt, wo sie mal Klassenkampf spielen können auf den Schultern der Arbeitnehmer. Das will ich Ihnen deutlich sagen. Wenn Sie nur mal hineinschauen - und deshalb wundert es mich, warum Sie jetzt in dieser Schiene so verafhren -, was diese freie Gewerkschaft oder Anarchogewerkschaft sagt: „Betriebe und Ausbildungsstätten sind zentrale Orte unseres widerstandes.“ Jetzt, Herr Matschie, wieder in Ihre Richtung: Der DGB - das ist nun mal eine Gewerkschaft, die ich auch sehr schätze - ist für uns keine neue Heimat. Wir halten es für aussichtslos, mit dem DGB Revolution , Klassenkampf, Organisation machen zu wollen. Das ist das Umfeld und das beklage ich. In der
zeitung steht es: Sie sind falschen Propheten hinterhergelaufen.«
(CDU-Abgeordneter Kretschmer)
» ..., daß heißt, die Leute haften bis zum letzten Schnürsenkel mit ihrem privaten Hab und Gut für das, was eventuell dort passieren kann, ganz abgesehen davon, dass sie auf Maschinen und Anlagen produzieren, die zur Insolvenzmasse gehören, dass der Mietvertrag für das Hochregallager lange ausgelaufen ist und dass lediglich die Produktionsanlagen Bike Systems gehören, nicht mal das Gebäude, das gebäude gehört Biria. Das muss man den leuten auch mal deutlich machen. Das hat doch nichts mit Einschüchterung zu tun, Herr Haushold.«
(CDU-Minister Reinholz)
Nebenbei erfuhr die Öffentlichkeit, dass Lone Star bzw. die MIFA als Nutznießer vertraglich bis Ende des Jahres 2007 die dauerhafte Sicherung von 242 Arbeitsplätzen zugesagt hatte. Die vorzeitige Insolvenz bzw. Schließung des Werkes in Nordhausen ist also ein klarer Verstoß gegen Auflagen für die gezahlten Fördergeldes des Landes Thüringen aus der Gemeinschaftsaufgabe Ost und EUGeldern. Keiner der Redner der SPD oder der Linken forderte die Rückzahlung der staatlichen Beihilfen – immerhin über 25 Millionen Euro flossen als stille Beteiligung und als Bürgschaften an die Biria-Gruppe. Mit Urteil der EU-Kommssion vom 24.1.2007 wurde die Bundesrepublik »zur Rückforderung der der Biria-Gruppe gewährten rechtswidrigen Beihilfen in Höhe von 5,2 Mio. EUR« aufgefordert. Das selbe Elend also wie im Landtag von Sachsen, ein Offenbarungseid der »Politik« in Sachen Wirtschaftsförderung und Steuergeldveruntreuung. Die Neue Nordhauser Zeitung vom 18.10. berichtete dann, dass der Insolvenzverwalter Wutzke 900.000 für Weiterbildung und Umschulung bezahlt und sich dann die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) um neue Arbeitsplätze für die Fahrradwerker »kümmern« soll. »Wir haben eine Lösung gefunden, mit der man angesichts der Gegebenheiten leben kann«, sagte Jürgen Metz gegenüber der Thüringer Allgemeine. Der Anwalt des Bike Systems-Betriebsrates hatte mit dem Insolvenzverwalter Wolfgang Wutzke »hart, aber gerecht« verhandelt. Anstelle der anfangs in Aussicht gestellten 828.000 Euro sollen nun etwa zwei Millionen Euro aus der Insolvenzmasse für Transfermassnahmen zur Verfügung stehen. Die Einzelheiten der Vereinbarung sollten dann mit dem Betriebsrat besprochen und anschliessend die Betriebnsvereinbarung unterschrieben werden. Der Anwalt widersprach Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU), der von »unseriösen Interessenten« für das Fahrradwerk gesprochen hatte. »Das ist blanker Unsinn“, so Metz. Es gebe einen Interessenten, der sich am Montag wieder melden wolle.«

Die Rolle der Anwälte
Der Rechtsanwalt Wutzke ist in Ostdeutschland längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er »liquidierte« u.a. die Magdeburger SKET-Belegschaft von 2.000 Metallarbeitern 1996. Die Berliner Zeitung qualifizierte ihn damals als »Hyäne unter den Rechtsanwälten. Er wird gerufen, wenn ein Unternehmen schon ein wenig nach Kadaver riecht.« Die Spezialiät des Bremers sei »eine unangenehme Sache: Konkurse« Dieser feine Herr versuchte noch, die »Strike-Bike«-Produktion mit juristischen Mitteln zu verhindern, es gelang ihm aber nicht.

Die Produktion - »Eine Woche der Anarchie« ?
Ab Dienstag, dem 23. Oktober beginnt um 7 Uhr morgens die Produktion von letztlich 1.837 »Strike-Bikes« mit der fauchenden Katze auf dem Lenkkopf (dem Symbol der amerikanischen Wobblies und des wilden Streiks). Es wird darüber erneut weltweit berichtet und viele Unterstützer/innen sind dabei – sie erleben die Stimmung der Kolleginnen und Kollegen, den Presserummel hautnah. Der MDR berichtet live vom Produktionsbeginn und moderiert die sendung unter dem Titel »Nordhausen - eine Woche der Anarchie«. Natürlich wäre das sehr hübsch gewesen, aber es wurde gearbeitet - mehr und längere Pausen gemacht, aber das Band lief knapp eine Woche lang. Vier Tage später, am Freitag um 11:50 Uhr verläßt das letzte Rad das Produktionsband.

Kritik und Abgesang durch sehr fixe GewerkschaftsLinke
Kaum hatte die »Strike-Bike«-Produktion begonnen, da »bilanzierte« die Jour Fixe-GewerkschaftsLinke aus Hamburg auf labournet bereits den Kampf der Nordhäuser Fahrradwerker. Dieter Wegner lobte einerseits die FAU für ihr Engagement, aber die Kritik ist schärfer. Als »unnütz und irritierend« wird moniert, dass sie »die geplante Produktion von 1800 limitierten Fahrrädern in der Öffentlichkeit als Perspektive und möglichen Beginn einer Weiterproduktion in Eigenregie« dargestellt hätte. Der »symbolische Akt« der als kleine sensation von den bürgerlichen Medien vermarktet wurde, sei nicht »das politisch Bedeutsame, sondern der Akt des Wehrens, 115 Tage durchgehalten zu haben«. Die Betriebsbesetzung (die ja eigentlich »nur« eine unendliche Betriebsversammlung war) steht also über der selbstverwalteten Produktion, die ja erst den medialen Schub brachte, der Lone Star/MIFA zu erheblichen finanziellen Zugeständnissen zwang. Auch wird nicht reflketiert, was denn passiert wäre, wenn das bis zur »Strike-Bike«-Produktion nur »bewachte« Betriebsgelände durch die Polizei geräumt worden wäre und ob die Besetzer/innen überhaupt bis zum Ende der dreimonatigen Insolvenz-Frist ausgehalten hätten. Andererseits wurde der Vergleich mit dem französischen »LIP 1973« im Vorfeld nicht gescheut.

Wie geht’s weiter in Nordhausen?
Am letzten Oktober-Wochenende fand ein Abschiedsfest mit auswärtigen Besuchern und vielen offenen und versteckten Tränen statt. Am Sonntag, dem 31.10.07, wurde aufgeräumt – und versäumt, noch Werkzeug und transportfähiges Material auf die Seite zu schaffen. Das verhinderte die gute Erziehung – zum Dieb wollte keiner werden. Am Monatg, dem 1. November mussten alle aus dem Betrieb raus sein, denn jetzt übernahm der Insolvenzverwalter Wutzke das Regiment über die riesige ehemalige IFA-Fabrikanlage. Er tauschte sofort die Schlösser aus und liess alle Maschinen, Werkzeuge und Material in Container verstauen und verkaufte die gesamte Produktionsanlage an einen Maschinenhändler in Ungarn. Damit hatte er die ehemalige MIFA-Konkurrenz in Nordhausen endgültig zerschlagen, die Fabrik vollständig »ausgeschlachtet«. Lediglich eine alte, manuell betriebene Bandstrasse konnte für 300 Euro vor dem Abtransport gerettet werden. Am 23.11. ist der Betrieb leer, zurück bleiben ein Haufen Müll und Dreck. Die Begründung klingt schlicht wie einfach: Lone Star hatten mit dem alten Besitzer Mehdi Biria die Übergabe leerer Hallen vereinbart, so daß für jeden Tag der Nichträumung der Insolvenzverwalter Schadenersatz hätte zahlen müssen. Diese Vertragsstrafe von 500 € täglich sind für den Insolvenzverwalter der „Sachzwang“ für die eilige Räumung, denn er darf vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens keine weiteren Schulden machen. Ab dem 5. November wurden die verbliebenen ca. 100 Kolleg/innen für 8 Monate in eine Transfergesellschaft zu Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen verfrachtet. Organisiert hat auch diese Maßnahme wieder der umtriebige ehemalige DGB-Arbeitsrechts-Anwalt Metz: durchgeführt wurde die Auffanggesellschaft durch seine eigene Firma – die Eranus Consulting + Service GmbH in Erfurt, die zusammen mit der i.b.s. human resources des Dipl. Theol. Thomas Mahlau aus Göttingen eine weitere Firma mit der Durchführung betraute –dem Innovationszentrum EC-BIC in Nordhausen. Eine i.b.s.-Spezialität ist übrigens das »Outsourcen« von Mitarbeitern oder ganzen Belegschaften sowie die Umstrukturierung von Firmen mithilfe des eigens entwickelten »FLEXnetT hr-managment 4.0«-Progamms, in dem »der ‚Faktor Mensch’ einen wesentlichen Produktivitätsfaktor darstellt« ... Dem steht Rechtsanwalt Metz in nichts nach: »Grundlegende Entscheidungen führen regelmäßig zu Restrukturierungsmaßnahmen, die Betriebsteilschließungen, Konzentration auf die Kerngeschäftsfelder oder Trennung von kleineren oder größeren Teilen der Belegschaft bedeuten können. Im Extremfall kommt es zur Betriebsschließung. In allen Fällen stehen der Betriebsfrieden, die Funktionsfähigkeit der verbleibenden betrieblichen Einheiten und Einzelexistenzen auf dem Spiel.« Mehr geht wirklich nicht aus kapitalistischer Sicht. Dennoch nutzten einige aktive StrikeBiker die Maßnahme, um über die Zukunft einer eigenständigen, selbstverwalteten Fahrradproduktion
nachzudenken und sie konkret zu planen. Mitglieder des Verbund Selbstverwalteter Fahrradbetriebe e.V. (VSF) hatte ebenso Interesse
an einer Abnahme von bis zu 20.000 Fahrrädern hoher Qulität signalisiert und – auch das »Strike-Bike«-Arbeiter-Solidaritäts-Fahrrad sollte in weiteren Versionen eine konkrete Chance haben. Das erste Gespräch fand am 20. Dezember in Hessisch-Oldendorf mit ganz konkreten Planungen statt. Hier wurde auch die Idee diskutiert, das neue Rad »Volksrad« zu taufen. Die direkte Unterstützung der Solidaritäts-AG der FAU wurde mit dem Auslaufen der »Strike-Bike-Kampagne« beendet, einige lokale Gruppen und Einzelpersonen haben den Kolleg/innen ihre weitere Hilfe angeboten, die leider viel zu wenig angenommen wurde. Es muss auch gesagt werden, dass die Gründung einer GmbH mit der geplanten Anstellung eines externen Geschäftsführers in unseren Reihen nicht auf besonders große Gegenliebe stieß. Dass die in Konkurs gegangene Firma Bikes Systems GmbH in Nordhausen zu diesem Zeitpunkt rechtlich rückwirkend zum 1. Januar in die MIFA eingegliedert war, interessierte nicht einmal mehr bei den Verhandlungen um die Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 22. Januar 2008 in Erfurt. Die Hoffnung, dass hier dem Insolvenzverwalter Fehler vorgeworfen würden erwies
sich als trügerisch, es kam lediglich heraus, dass der Verkauf der Produktionsanlagen 84.000 Euro eingebracht hatte. Am 2. und 3. Februar treffen sich in Berlin und Hamburg zu zwei Gesprächsrunden einige FAU-Genossen mit aktiven StrikeBikern, die die Wiederaufnahme der Fahrradproduktion mit allen Mitteln versuchen wollen. Zur Zusammenarbeit wurde nochmals betont, wie wichtig die Hilfe der FAU für sie war und dass sie nie geglaubt hätten, dass so etwas wie die »Strike-Bike«-Sache möglich wäre und das es mit der IGM derzeit keine Zusammenarbeit gäbe. Am 22. Februar 2008 stimmt dann der Verein Bikes-in-Nordhausen e.V. der Gründung einer selbstverwalteten Strike Bike GmbH zu und stellt die verbliebenen Gewährleistungsgelder von ca. 60.000 Euro zur Verfügung. Später erfahren wir, dass neben drei Kollegen (mit jeweils 4.400 Euro) und dem Bikes-in-Nordhausen e.V. (7.500 Euro) auch die Eranus GmbH des Rechtsanwaltes Metz mit 4.400 Euro an der Strike Bike GmbH beteiligt ist – sieht so eine »selbstverwaltete« Fahrradmanufaktur aus?

Nachtreten
Am 5. März wurde dann wohl seitens IG Metall-naher Kreise über die lokale Zeitung noch einmal kräftig nachgetreten. Angeblich wurde mit der »zwischen Resignation und Hoffnung« schwankenden ehemaligen Belegschaft der Bike Systems GmbH Schindluder getrieben, es ging »in erster Linie um mißbrauchtes Vertrauen,« schreibt die nnz, fügt aber sofort ein »Angeblich ...« hinterher. Zu Recht, denn was jetzt folgte war eine Lüge nach der anderen. Zuerst wird die Geschichte der Spaltung des Betriebsrates aufgewärmt, die jedoch älter als die Besetzung ist. Obwohl nach außen immer die heile Welt einer »Familie« erklärt wurde, gab es immer eine IGM-hörige Fraktion und andere, die eigene Wege gehen wollte, um die Arbeitsplätze in Nordhausen zu sichern. Das ging nach Ansicht der Kolleg/innen um die Betriebsratsvorsitzende Heidi Kirchner nicht immer nach der Nase der IG Metall – und natürlich führte die Betriebsratsvorsitzende »ständig die Verhandlungen mit Rechtsanwalt Jürgen Metz«, wer denn sonst? Dann werden die Fakten verdreht: »Nun nehmen sowohl IG Metall als auch ein großer Teil der Mitarbeiter an, daß die komplette Aktion zwischen der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU und Akteuren in Nordhausen von langer Hand vorbereitet wurde. Entsprechende Unterlagen konnte die nnz in den zurückliegenden Tagen einsehen. Nicht von der Hand zu weisen war allerdings der mediale Effekt, der mit dem Strike-Bike erreicht wurde und der bis in die Gegenwart nachwirkt.« Diese öffentliche Manipulation seitens der IG Metall wird dadurch deutlich, dass an den angeblichen »Geheimverhandlungen« mit der FAU über eine mögliche »Strike-Bike«-Produktion auch IGM-Mitglieder des Betriebsrates teilgenommen haben, einer wurde später in den Vorstand des Vereins Bikes-in-Nordhausen e.V. gewählt und hat als geschäftsführender Gesellschafter die Strike Bike GmbH mitgegründet.

Die Strike Bike GmbH – wie »Phönix aus der Asche« ?
Mitte März wurde dann über die Gründung der eigenen Strike-Bike GmbH informiert, die in Nordhausen weiter Drahtesel produzieren
will. Über eine zweite Direktvermarktungsaktion sollten bis zu 2.000 Räder mit Vorfinanzierung verkauft werden, um das benötigte Geld für den Rückkauf der Laufradfertigung aus Ungarn zu erwirtschaften. Der symbolische Produktionsstart erfolgte am »Tag der Arbeit«. Ab dem 5. Mai standen dann einige der insgesamt 21 Mitarbeiter/innen wieder an dem uralten manuellen Montageband, während sich die beiden Arbeiter-Geschäftsführer um die Vermarktung bemühten. Aber die Gründung einer eigenen Firma ist schwerer zu »verkaufen« als eine dramatische Betriebsbesetzung ...
Erst nach Mitternacht sendete das RTL-Nachtjournal in der Nacht auf den 2. Mai einen Fernsehbericht. Die Reportage wird mit dem Satz anmoderiert: »In Nordhausen gilt Jammern über drohende Arbeitslosigkeit nicht«, weil hier einige arbeitslose Fahrradwerker »couragiert selbst aktiv« werden. Das passt in die gesellschaftlichen Vorstellungen nicht nur dieser Art von Journalisten: »Mit Enthusiasmus gegen den Turbokapitalismus – Vom Streikführer zum Geschäftsführer«. Dieser Seitenhieb gegen die rebellischen Arbeiter/innen, die einfach nicht klein beigeben wollen, musste wohl unbedingt rausgehauen, der Kapitalismus nochmals als Sieger propagiert werden, dessen Logik sich am Ende durchsetzt.

»Volksrad klingt fetzig«
Jungle World Nr. 19, 8. Mai 2008
Aus Protest gegen die Schließung besetzten die Beschäftigten im Juli 2007 das Fahrradwerk im thüringischen Nordhausen. In der Zeit der Besetzung stellten sie das »Strike Bike« her. Nach der endgültigen Schließung haben die Beschäftigten die »Strike Bike« GmbH gegründet. In dieser Woche hat sie im alten Werk den Betrieb aufgenommen.
• Small Talk von Markus Ströhlein
Kommen denn schon wieder Fahrräder vom Band?
Wir produzieren mal 50, mal 80 Räder am Tag, je nach Auftragslage. In Zukunft wollen wir im Jahr etwa 20 000 Fahrräder herstellen, die nicht mehr über das Internet, sondern über Fachhändler vertrieben werden.
Wie ist der Betrieb organisiert?
Er ist selbstverwaltet. Alle 21 Leute erhalten den gleichen Lohn. Jeder kann entscheiden, wann er anfängt, an welcher Stelle der Produktion er arbeitet und wann er eine Pause einlegt.
Von 135 ehemaligen Kollegen sind 21 bei »Strike Bike« beschäftigt. Wie ging die Auswahl vonstatten?
Sie war unglaublich schwierig. Zum einen braucht man erfahrene Leute. Andererseits war es uns wichtig, ältere Kollegen aufzunehmen. Ab 40 wird es schwer, Arbeit zu finden. Der einzige Schwerbehinderte, der hier vorher beschäftigt war, ist wieder dabei. Eine alleinerziehende Mutter arbeitet auch bei uns.
Wie steht es für die Übrigen?
Etwa 40 haben neue Arbeitsplätze gefunden. Andere nehmen an der Transfermaßnahme teil. Einige warten auf die Rente. Und etwa 30 sind schlicht arbeitslos. Vor »Volksprodukten« kann man sich in Deutschland kaum retten. Warum haben
Sie ihr neues Modell »Volksrad« genannt?
Es werden viele Sachen in diesem »Denglisch« gesagt. Mit dem »Strike Bike« war das genauso. Wir dachten uns: Volksrad, klingt doch fetzig. Außerdem ist es ein Rad für alle. Es wird zu 95 Prozent vormontiert. Man muss nur noch den Lenker justieren, die Pedale anschrauben, und es kann losgehen.

Das Konzept der StrikeBiker
Die Nordhäuser wollen so viele entlassene Ex-Kolleg/innen wie möglich wieder in Lohnarbeit bringen, um so eine Alternative zum
Wegziehen aus Thüringen oder zu schlechter bezahlten Arbeitsplätzen aufzubauen. Den Arbeiter/innen wurden fast nur Zeitarbeitsjobs mit Stundenlöhnen unter 6 Euro mit Kettenarbeitsverträgen jeweils für wenige Monate angeboten. Oder für 780 Euro Monatslohn bei der
verhaßten MIFA im 45 Kilometer entfernten Sangerhausen ohne Fahrkostenzuschuss malochen. Dieser »Arbeits-Perspektive« wird nun die selbstverwaltete Strike Bike GmbH mit einem einheitlichen Monatslohn entgegen gestellt. Damit das Projekt gelingen kann, müssen relativ hohe Stückzahlen produziert werden, es sollen aber auch neue Produkte gefertigt werden, wie etwa Spezialfahrräder mit Elektroantrieb oder robuste Fahrradanhänger wie zu DDR-Zeiten der Marke »Rollfix«. Selbst die RTL-Redaktion hat erkannt: »Kunden wollen nicht nur Qualität made in Germany, sondern vor allem auch die Geschichte eines kleinen Kapitalismus-Märchen kaufen«. Aber weder der großspurige Verbund Selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF) haben mit finanzieller Unterstützung geholfen, er verwies letztlich nur auf seine Mitgliedsfirmen hin und der Hauptgeschäftsführer Lehrmann des Verbandes des Deutschen Zweiradhandels (Bielefeld) wird so zitiert: »Wenn Abnehmer da sind, sehe ich keine Probleme.« Aber genau das ist das Problem: die beiden Händlerorganisationen hatten nur Interesse an der Lieferung von rund 18.000 Rädern bis Ende des Jahres bekundet! Keine Zusagen, nur Versprechungen. Da halfen dann auch die tausendfach verschickten Infobriefe an Fahrradläden nichts mehr, die erhofften  Bestellungen blieben aus. Auch die zwei im Aussendienst umherreisenden Kolleg/innen konnten nur zwei Dutzend Fachhändler als Kunden gewinnen. Staatliche Fördergelder haben die Radschrauber ebensowenig erhalten. Während anderswo in Thüringen Subventionsmillionen aus dem EU-Fonds und aus Bundesmitteln der Gemeinschaftsaufgabe Ost zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur fliessen (siehe auch die Biria-Förderung!), hat die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) nichts weiter als eine »grosse Fresse« gehabt: von ehemals 135 Kolleg/innen haben nur 40 eine neue Arbeit gefunden. Der CDU-Wirtschaftsminister Reinholz hatte die Plattsanierung der Bike Systems GmbH als »willkommene Marktbereinigung« bezeichnet, warum sollte er nun eben diese Arbeiter/innen wieder (subventioniert) Fahrräder produzieren lassen?

Ausnahmezustand für immer?
Mit ihrem »Aufruf der 21 Strike-Bike-Kolleg/innen« vom 12.Juni 2008 versuchten die Nordhäuser nocheinmal eindringlich auf sich aufmerksam zu machen. Die Enttäuschung über die geringen Verkaufszahlen wird deutlich: »Unser Strike-Bike verkaufte sich voriges Jahr binnen drei Tagen 2000 Mal – aber da hatten die Leute ein Feindbild. Nun, da wir versuchen, als normale Firma aufzutreten, ist es deutlich schwerer.« In einem anderen Interview sagt Manfred Handke: »Die Gefahr ist natürlich, dass diejenigen, die uns damals unterstützt haben, uns nun als ganz normale GmbH sehen und unsere Mails als ganz normale Werbung.« Die eingehenden Bestellungen reichten nicht aus, um die eigenständige Fahrradproduktion aufrechtzuhalten. Mit nicht einmal 1.000 Käufer/innen für die »Schwarzen (Räder) mit der roten Seele« kann die Strike Bike GmbH nicht weiterexistieren. Bis Ende Juni lebten die StrikeBiker noch von dem Geld aus der Transfermassnahme (80% vom letzten Nettolohn). Das vorläufige »Ende« der selbstverwalteten Firma wurde Anfang Juli 2008 bekannt. Auch hier erfahren wir erst durch die Presse, dass sich alle Mitarbeiter/innen zum 1. Juli bei der Arbeitsagentur erwerbslos melden mussten. Allerdings blieben sie alle als geringfügig Beschäftigte zu 165 €uro monatlich (Mini-Jobs) angestellt, um die eingehenden Bestellungen von 5-15 Stück pro Tag abzuarbeiten. Die geschäftsführenden Kollegen wollten keine »Insolvenz provozieren«, aber »wir machen weiter, wir bemühen uns um geförderte Stellen.«

Der Totengräber kratzt schon am Hauptbuch der MIFA
Nachdem die MIFA 2007 erstmals in ihrer Geschichte einen Umsatz von über 105 Millionen Euro und den Absatz von ca. 850.000 Fahrrädern verkündete – dauerte die als »Marktkonsolidierung« bejubelte Übernahme der Biria AG nicht lange: »In den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres 2008 setzte die MIFA Mitteldeutsche Fahrradwerke AG rund 221.000 Fahrräder ab. Somit lagen die Absätze mit 11,3 % unter dem Vorjahresniveau. Entsprechend fielen die Umsatzerlöse mit 29,96 Mio. EUR um 10,9 % niedriger aus.« Entsprechend sackte auch der Aktienkurs erneut kräftig in den Keller. Alles Anzeichen für ein baldiges Aktivwerden von Lone Star, die den Verlust von 1,80 € je Aktie nicht einfach so hinnehmen werden. Den Börsengang der MIFA im Mai 2004 unterstützte bereits die Cometis AG in Wiesbaden. Diese wiederum hat direkte Geschäftsbeziehungen zu Lone Star – z.B. über Tobias Schultheiß, der als Real Estate Asset Manager bei Hudson Advisors Germany angestellt war. Gemeinsam »helfen« sie dem Vorstandsvorsitzenden Wicht bei seiner Geschäftspolitik. Die Münchener Privatbankiers Merck Finck & Co. bereitete die Aktienemission vor, mit der HELABA als Konsortialführer. Deshalb ist es auch logisch, dass im Aufsichtsrat bis zu diesem Zeitpunkt ein Klaus Schmidbauer, Abteilungsdirektor der HELABA Landesbank Hessen-Thüringen und Edwin Noll (2004-2008), Consultant der BFL Leasing GmbH (gehörig zur DZ Bankengruppe der Genossenschaften) saßen. Der Vorsitzende ist bis heute (in dieser Funktion auch stellvertretend bei der Hyrican AG, der Billig- PCFirma, die ebenfalls den beiden MIFA-Gründern mehrheitlich gehört) Hans Joachim Rust. Anfangs noch bei genossenschaftlichen Banken aktiv, ist er mittlerweile Risikomanagement-Leiter der MCE Bank GmbH in Flörsheim. Die MCE-Bank ist ein Tochterunternehmen
der Mitsubishi Corporation in Tokio, praktisch die Autobank für Mitsubishi Motors und Isuzu in Deutschland. Außerdem hat die MIFA beschlossen, das haftende Grundkapital bis zum 31. Januar 2009 nochmals um eine weitere Million Euro zu erhöhen – durch Ausgabe von »Stückaktien gegen Bar- oder/und Sacheinlage«. Aufgrund der hohen Verschuldung bei Kreditinstituten mit über 35 Millionen Euro wird erklärt, »dass die Aktien von einem oder mehreren Kreditinstituten mit der Verpflichtung übernommen werden, sie den Aktionären zum Bezug anzubieten.« Dies ist also der wahre Grund für das Engagement von Lone Star, die MIFA ist extrem verschuldet und die Banken haben Lone Star diese »notleidenden Kredite« angeboten: »Manchal fragen uns Banken, was wir kaufen wollen,« sagte der Chef der Lone Star Germany GmbH. »Es ist egal. Wir kaufen alles.« Dr. Karsten von Köller, 68, war vor seiner Reaktivierung aus dem Ruhestand durch Lone Star Präsident der Vereinigung deutscher Hypothekenbanken und Geschäftsführer der Eurohypo, Deutschlands größter Hypotheken-Bank Auf der Hauptversammlung am 30. Juni 2008 wurde Peter Finkbeiner, Director der Hudson Advisors Germany GmbH, für Lone Star in den Aufsichtsrat gewählt. Mit einer weiteren Überahme von 1 Millioen Aktien hätte die Lone Star zwar noch keine Mehrheit im Unternehmen, aber immerhin 33% – und das wäre weit mehr als die Sperrminorität. Aber vielleicht gehört das zur Strategie des Peter Wicht, der viel gestrampelt hat (buckeln nach oben – treten nach unten!), um an die Spitze zu kommen. Er preßt die MIFA-Arbeiter/innen für seinen Kampf gegen die chinesische Billig-Konkurrenz aus wie eine Zitrone, damit er »mit 60 Jahren« vorzeitig in Rente gehen kann. Den Rest fegen die Hudson Advisors um Finkbeiner & Consorten zusammen. Der Wicht hat’s begonnen, der Wicht hat’s genommen – das ist die Story. Keine blutrünstige »Heuschrecke« steckt dahinter, sondern die profane Profitgier eines ostdeutschen Billiganbieters, der mit seinem Wessi-Freund Lehmann den Verkauf der MIFA an Lone Star als den Deal ihres Lebens betrachten: »Ich will nicht Fahrräder bauen, sondern Geld verdienen«, sprach der ehemalige Robotron-Direktor Wicht.

Back in Black! – »wir geben nicht auf!«
Was bleibt, ist die positive Erinnerung an einen langen Abwehrkampf und die Durchsetzung einer selbstverwalteten, eigenverantwortlich
organisierten »Strike-Bike«-Produktion. Auch wenn dies nicht als »Eine Woche der Anarchie in Nordhausen« (mdr-Radio) bezeichnet werden kann, wird dies vorerst einmalig im Nachkriegsdeutschland bleiben: 115 Tage Betriebsbesetzung hat es bisher nicht gegeben. Die Ausdauer und Hartnäckigkeit dieser Kolleg/innen verdienen Respekt. Ihre Uneinsichtigkeit in die kapitalistischen Notwendigkeiten dieser für Kapitalisten so »freien Gesellschaft« hat ihnen viel abverlangt, die selbstverwaltete Produktion hat bei den planend Beteiligten Spuren hinterlassen. Ab August wollen sechs Kolleg/innen über Förderprogramme der Arbeitsagentur mit befristeten Arbeitsverträgen die nächste Runde im Kampf um die Strike Bike GmbH einläuten. Mittlerweile bekommt auch die MIFA ernste Problem - aufgrund der Finanzkrise im Oktober 2008 sackte die Aktie immer tiefer - das liegt sicherlich an der Tatsache, dass der Kreditbedarf zur Finanzierung der Frühjahrsproduktion 2009 nicht mehr so leicht aufzutreiben ist, wie früher und der Fahrrad-Absatz weiter eingebrochen ist.

Die Strike Bike GmbH dümpelt so vor sich hin
Zum Ende des Jahres 2008 hat leider auch die Strike Bike GmbH wohl keine Chance mehr. Niemand will der kleinen Firma Kredite geben. Ob alles versucht wurde, kann von Hamburg aus nicht beurteilt werden. Warum der beteiligte Rechtsanwalt Metz nicht mehr erreichen konnte, ist sehr fraglich. Wo sind seine guten Kontakte, wo ist sein Engagement geblieben, hat er nach der Abwicklung der Firma kein Interesse mehr, weil er genug verdient hat, vor allem an den Umschulungsmaßnahmen? Wer ist der windige Zwischenhändler aus Berlin, der bis zum 15. November einen Metro-Großauftrag an Land ziehen wollte mit 20.000 Rädern? Wieso gibt es keine Verträge, mit denen die Kolleg/innen zu einer Bank gehen könnten, um die Materiallieferungen vorfinanzieren? Das Argument der »Finanzkrise« könnte jetzt der Strike Bike GmbH auch noch den Nacken brechen.

»Wer nicht kämpft, der hat bereits verloren!«
Weitere Informationen – www.strike-bike.de
Die MIFA-Aktie verlor seit ihrer Ausgabe am 17.5.2004 (9,25 €) bis zu 90% an Wert – zum Jahresende 2008 lag sie nur noch knapp über 1 €.


Epilog

Strike Bike hat Insolvenz angemeldet
Wie es bei der Firma Strik Bike weitergeht, prüft derzeit der Insolvenzverwalter.
Insolvenzverwalter Rolf Rombach führt derzeit die Geschicke von Strike Bike. Ende voriger Woche sei die Insolvenz angemeldet worden, bestätigte der Erfurter Jurist gestern unserer Zeitung. Nordhausen. Als vorläufiger Insolvenzverwalter werde er nun prüfen, "ob ein Insolvenzgrund vorliegt und ob genug Masse da ist, um ein Insolvenzverfahren zu eröffnen". Zuletzt hatte Strike Bike mit den Geschäftsführern André Kegel und Sven Aderhold als Vollzeitkräfte und zwei geringfügig Beschäftigten gearbeitet. Seitens der Firmenleitung war gestern Nachmittag niemand erreichbar. Noch Ende August sah sich die Nordhäuser Firma auf stabilen Füßen und peilte für dieses Jahr ein ähnliches Geschäftsergebnis wie 2009 an. Damals waren rund 2500 Räder der eigenen Marken Strike Bike und Volksrad produziert worden. Zugleich war klar, dass neue Geschäftsfelder aufgetan werden müssen, um auch mittelfristig weiter bestehen zu können. Die Hoffnung lag auf Elektrofahrrädern einem Marktsegment, das derzeit enorme Zuwächse verzeichnet. "Wir hoffen, mit der Lohnfertigung von etwa 300 E-Bikes im Monat eine Grundauslastung der Firma zu erreichen", sagte Kegel damals unserer Zeitung. Strike Bike kämpft seit 2007 ums langfristige Überleben. Einst war die kleine Firma aus Bike Systems hervorgegangen, das
der amerikanische Finanzinvestor Lone Star schließen wollte keine zwei Jahre nach der Übernahme.
• Thüringer Allgemeine, 11.11.10


Reißleine gezogen
Man habe die Reißleine ziehen müssen, um nicht in die Schulden zu kommen, konstatierte Geschäftsführer André Kegel gegenüber der nnz. Auch sei ein Folgeauftrag geplatzt, so dass jetzt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragt wurde. Nun müsse verhandelt werden, wie es weitergehe. Nicht auszuschließen sei, dass es eine Weiterführung gebe.

Dokumente

Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union www.fau.org
Fettstr. 23, 20357 Hamburg
Preese
Hamburg/Nordhausen, 19. September 2007:
Medewerkers nemen productie in bezette fietsfabriek in eigen handen
De 135 collegas die de fietsfabriek Bike Systems GmbH in Nordhausen in Thueringen sinds 10 juli 2007 hebben bezet, hebben besloten de productie van fietsen onder eigen verantwoordelijkheid weer op te nemen. Om dat mogelijk te maken moeten voor 2 october 1.800 fietsen bindend worden besteld. Voor de verkoop werken de medewerkers samen met de anarchosyndikalistische vakbon FAU. De homepage www.strike-bike. de informeert over de campagne. Sinds twee maanden bezetten de medewerkers van Bike Systems in drie ploegen, Ze willen voorkomen dat het bedrijf volledig wordt gedemonteerd en verkocht. De aangevraagde failliet verklaring lijkt kansloos: het bedrijf is leeggebloed. De medewerkers ontvangen een WW uitkering en hopen op een nieuw concenpt met een nieuwe eigenaar.

Het Strike-Bike – Solidariteits-fietsen uit Nordhausen!
Tijdens de bezetting en gesprekken met solidarische mensen hun kwamen opzoeken, kwamen de op het idee om in eerste instantie de productie op eigen verantwoordelijke weer op te nemen. Omdat het er niet alleen om gaat, te voorkomen dat de laatste machines weg worden gehaald en op een nieuwe investeerder te wachten, vond het idee van de Strike-Bike steeds groter aanhang. Nou doet zich de kans voor aan iedereen te laten zien dat de medewerkers een eigen concept kunnen ontwikkelen en de productie zelfstandig kunnen voortzetten.

Solidariteit en hoop!
Als het inderdaad lukt om 1.800 bestellingen voor de fietsen binnen te krijgen, kunnen we hiermee ideen over solidariteit verspreiden en collegas in vergelijkbare situaties moed maken, zich niet door sanering te laten verdrijven. Door we dan ook! De mederwerkers krijgen hulp van de anarchosyndikalistische vakbond Vrije Arbeiders-Unie. De leden van deze vakbond zijn in het hele gebeid van de bondsrepubliek actief, om de strijd van de arbeiders in Nordhausen publiek te maken en het “Strike Bike” te steunen.

Meer informatie is te vinde op de..
Contact en bestellingen aan:
Voor achtergrond en geschiedenis van de bezetting
www.labournet.de/branchen/sonstige/fahrzeug/bikesystems.html


Eine Woche Selbstverwaltung – und was dann?
Vorbereitung für Strike Bike-Produktion läuft auf vollen Touren
Nach drei Monaten Engagement zur Rettung der Fahrradproduktion in Nordhausen am Südharz sind die Beschäftigten von Bike Systems jetzt an einer entscheidenden Etappe ihres Kampfes angelangt. Übernächste Woche werden sie sich selbst und aller Welt fünf Tage lang unter Beweis stellen, dass sie in Eigenregie und ohne das Kommando eines Eigentümers oder renditehungriger Anleger schaffen, was sie über Jahrzehnte geleistet haben: hochwertige Fahrräder produzieren. Die allermeisten Belegschaftsangehörigen sind erfahrene Mechaniker und rechnen sich – nicht zuletzt aufgrund ihres Alters – überwiegend keine Chance auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz in Nah oder Fern mehr aus. Sie haben erlebt, wie um sie herum seit Anfang der 90er Jahre viele tausend Arbeitsplätze in der Nordhäuser Motorenindustrie vernichtet wurden und wollen bis zur Rente weiter arbeiten. Da der bisherige Eigentümer Lone Star das Werk über Nacht plattmachen und die Fahrradproduktion ganz auf das MIFA-Werk im benachbarten Sangerhausen konzentrieren wollte, ist die Besetzung ein Akt der Notwehr. Tag und Nacht wacht die Belegschaft seit Juli darüber, dass keine Maschine oder Anlage demontiert und abtransportiert wird. Denn das bisherige Management hatte bereits die Lagerbestände und eine hochwertige Lackierkabine nach Sangerhausen verfrachtet, ehe die Belegschaft hellhörig wurde und das Tor permanent Tag und Nacht blockierte. Nach langen Wochen, in denen sich kein privater Investor für die aufmüpfigen Fahrradwerker erwärmen konnte, kam dann die zündende Idee: Wir produzieren eine Woche lang ein eigens entwickeltes robustes „Strike Bike“ als Herren- oder Damenfahrrad. Selbst gestecktes Ziel und  Voraussetzung für die Produktion, die nun am 22. Oktober beginnen wird und auf eine Woche befristet ist, war der Eingang von 1800 Bestellungen von Einzelabnehmern und Fahrradhändlern. Damit, so die Kalkulation der Produktionsplaner, könnte die Belegschaft mindestens kostendeckend produzieren und gleichzeitig in der Praxis die Legenden der Lone Star-Manager widerlegen, dass der Betrieb „marode“ und zum Untergang verurteilt sei. Die Resonanz auf den Solidaritätsappell war überwältigend. Binnen weniger Tage gingen weit mehr als 1800 Bestellungen für das Strike Bike ein. Anfragen aus aller Welt – Ägypten, den USA, Australien, Kanada, Südafrika und Israel – hätten durchaus für eine weitere Produktionswoche ausgereicht, konnten aber wegen der Befristung des Projekts nicht mehr angenommen werden. Für die Produktion in Eigenregie ist der eigens gegründete Belegschaftsverein „Bikes in Nordhausen e.V.“ federführend verantwortlich. Mit einem Einheitslohn von 10 Euro in der Stunde für alle soll zudem unterstrichen werden, dass alle Arbeiter und Angestellten bei der Strike Bike-Manufaktur gleichwertig und gleichrangig sind. Gewollt oder ungewollt – mit ihrer selbstverwalteten Produktion, die bald wieder ein großes Medienaufgebot in das Fabrikgebäude an der Bundesstraße 80 locken wird, schreiben die Nordhäuser Fahrradmechaniker ein Stück Sozialgeschichte. Was in Lateinamerika in den letzten Jahren als Akt der Notwehr gegen Fabrikschließungen und die Zerstörung von Existenzen Schule gemacht und um sich gegriffen hat, fand in der bundesdeutschen Geschichte über Jahrzehnte kaum statt. Zwar flackerte schon in der BRD der 80er Jahre immer wieder in einzelnen von Stilllegung bedrohten Metallbetrieben oder Werften der Widerstandsgeist auf und wurde „die Bude“ auch mal vorübergehend besetzt. Teilweise wurde dabei auch die Produktion unter Belegschaftskontrolle weitergeführt – so etwa im Metallbetrieb Mönninghoff in Hattingen an der Ruhr – wo die Arbeiter nach eigenen Angaben erlebten, wie sie in Eigenregie besser, effektiver, stressfreier und solidarischer produzieren können. Doch weil nicht sein konnte was nicht sein durfte, setzten die tragenden Kräfte der „alten Ordnung“ schon damals alles daran, um diese Belegschaftskämpfe zu isolieren, auszuhungern und rasch zu beenden. Für die Nordhäuser Strike Biker werden die kommenden Tage eine „neue Lebenserfahrung bringen, die wir vorher nicht kannten“, so Jens Müller, Ersatzmitglied im Betriebsrat. Solange sie im Rampenlicht der Medien stehen und tagtäglich eine starke Solidarität spüren, sehen sie noch ein Licht am Ende des Tunnels und hoffen, dass sie nicht einfach „abserviert“ werden können. Doch auch in Thüringen passt es vielen Kräften nicht in den Kram, dass eine selbstbewußte, in der IG Metall organisierte Belegschaft plötzlich selbstverwaltet produziert und damit vielleicht Nachahmer finden könnte. Manche bemängeln, dass die Strike Bike-Idee auch von der anarcho-syndikalistischen FAU (Freie ArbeiterInnen-Union) angestoßen und propagiert wurde und nehmen Anstoß daran, dass der Hamburger Verfassungsschutz die FAU – ebenso wie übrigens auch Die Linke – seit Jahren als “verfassungsfeindlich“ einstuft. Bei Thüringens CDU-Alleinregierung stößt die Belegschaft seit Anbeginn auf taube Ohren. Deren Wirtschaftsminister Reinholz kritisierte die „verfehlte Politik von Betriebsrat und  Gewerkschaft“, weil sie nicht schon im Juni den Kampf aufgegeben und vor den vermeintlichen „Sachzwängen“ kapituliert hat. Absolut kein Interesse an Zukunftschancen für eine aufmüpfige Belegschaft, die neue Wege beschreitet, dürfte auch der vorläufige Insolvenzverwalter Marco Comes von der Erfurter Anwaltskanzlei Wutzke & Förster haben. Sein Chef Wolfgang Wutzke gehört nach Angaben der Berliner Zeitung vom 28.10.1996 „zu den Hyänen“ unter den Rechtsanwälten und „wird gerufen, wenn ein Unternehmen schon ein wenig nach Kadaver riecht“. Schon bei der Zwangsverwaltung des angeschlagenen Magdeburger Maschinenbau-Unternehmens Sket wie auch in anderen Fällen hatte der aus Bremen stammende Wutzke, ein typischer „Gewinner der Einheit“, die Wut der Belegschaft auf sich gezogen. Marco Comes soll dem Vernehmen nach als Insolvenzverwalter ab 1. November die Verfügung über die Firma bekommen. Für die Belegschaft soll dann an einem anderen Ort eine Transfergesellschaft gebildet werden, in der sie – freiwillig - für acht Monate qualifiziert werden kann. Für viele, die mit 45, 50 oder mehr Jahren dann selbst bei Umzug nach München oder Stuttgart keinen Arbeitsplatz mehr fänden, droht danach das „schwarze Loch“ von ALG I und Hartz IV. Doch noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Erst einmal werden die selbstbewußten Strike Biker sich selbst und aller Welt vor laufenden Kameras unter Beweis stellen, dass sie in eigener Regie Kunden akquirieren, Rohstoffe bestellen und die Produktion planen, vorbereiten und durchführen können. Während alle Welt auf „gutmütige“ und „ernsthafte“ Investoren hofft, haben bislang allerdings weder Politiker noch die landeseigene Landesentwicklungsgesellschaft eine naheliegende Frage gestellt: Könnte nicht auch der Belegschaftsverein „Bikes in Nordhausen e.V.“, der die Produktion jetzt ohne Hierarchien organisiert, hochoffiziell dazu aufgefordert werden, ein schlüssiges Konzept für die Weiterführung der Produktion im Werk zu entwerfen? Anregungen für alternative Produkte – ob Cuddle Bike (Kuschelfahrrad), Behindertenfahrräder, Fahrradanhänger, Rollstühle oder die aus der Fachhochschule Nordhausen geäußerte Idee eines Solarfahrrads – gäbe es zur genüge, wie Belegschaftsangehörige auf Anfrage bestätigen. Schon mit einem „Peanut“-Betrag von acht Millionen Euro in der Hand könnten nach übereinstimmenden Angaben die benötigten Teile gekauft und die Fahrradpoduktion wieder angekurbelt werden. Gäbe man der Belegschaft dann noch 1-2 Monate Zeit und Ruhe, um neue Produkte serienreif zu gestalten und die Produktion in Nordhausen längerfristig zu sichern, dann käme dies die Allgemeinheit unter Umständen schon deutlich billiger als die Alimentierung mit ALG I und Hartz IV und die sozialen Folgekosten der Erwerbslosigkeit. Den Versuch wäre es zumindest wert. Doch dazu müssten beherzte Politiker in Stadt und Land und die Landesentwicklungsgesellschaft über ihren marktwirtschaftlichen Schatten springen und nicht nur auf „leere Staatskassen“ oder die Gesetze der Marktwirtschaft verweisen – oder bestenfalls symbolisch und publikumswirksam ein Strike Bike erwerben. Sonst wird Marco Comes am 1. November das Regiment übernehmen und eine hochmotivierte Belegschaft aus dem Werk verscheuchen.
• Hans-Gerd Öfi nger, zuerst in gekürzter Fassung im Neues Deutschland vom 12.10.2007


Der DGB und die »Heuschrecke« Lone Star
Gewerkschaftsholding BGAG zahlt 871 Millionen Euro für die Übernahme der AHBR durch den US-Investor

Vorgeschichte
650 Millionen Euro haben die Gesellschafter BGAG und BHW seit 2002 zugeschossen, um die AHBR nach missglückten Zinsgeschäften zu stabilisieren. Zum Jahreswechsel wurden auf Drängen der Finanzaufsicht BaFin weitere 600 Millionen Euro fällig. Nach Berichten aus Finanzkreisen, die die BGAG nicht bestätigen wollte, haben sich der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Einzelgewerkschaften bereits mit 383 Millionen Euro an der erneuten Finanzspritze für die AHBR beteiligt. Die Eigner der BGAG machen mit der erneuten Millionengabe die AHBR hübsch für den Verkauf und den Weg frei für einen Totalumbau der BGAG Holding.

Neuer Chef - Lone Star übernimmt das Ruder bei AHBR
Nach der Übernahme der gewerkschaftseigenen Hypothekenbank AHBR hat der neue Besitzer, der US-Finanzinvestor Lone Star, das Heft nun in die Hand genommen und den Chefposten neu besetzt. HB FRANKFURT. Der Deutschland-Chef von Lone Star, Karsten von Köller, wurde zum neuen Vorstandsvorsitzenden der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden AG (AHBR) bestellt, wie die Bank am Dienstag in Frankfurt mitteilte. Der bisherige Vorstandssprecher Matthias Danne habe sein Mandat niedergelegt. Von Köller war bis 2003 Vorstandsvorsitzender der Immobilienbank Eurohypo und gilt als Fachmann für Problemkredite. Lone Star will sich früheren Angaben zufolge Mitte Januar zu seinen konkreten Plänen äußern. Auch zwei andere Mitglieder des Vorstandes, Dirk Hoffmann und Michael Müller, hätten ihre Mandate niedergelegt, teilte die AHBR weiter mit. Ein Sprecher sagte, neben von Köller sei nun noch Arnd Stricker in dem Führungsgremium der Hypothekenbank. Die Gewerkschaften hatten die sanierungsbedürftige AHBR vor knapp zwei Wochen an Lone Star übergeben und damit die drohende größte Pleite eines Bankhauses seit dem Herstatt-Skandal 1974 abgewendet. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, allerdings wurde bestätigt, dass eine „Mitgift“ gezahlt wurde. Sie soll unbestätigten Angaben zufolge mehrere 100 Mill. Euro betragen. Die AHBR, eine der größten Herausgeberinnen von Pfandbriefen, war nach Fehlspekulationen in eine Existenzkrise geraten. Die AHBR war 2001 wegen Zinsspekulationen in Schieflage geraten und musste von ihren Eigentümern massiv gestützt werden. Kurz vor der Übernahme durch Lone Star hatte die AHBR selbst eine Liquidation nicht mehr ausgeschlossen. Es wäre die größte Bankenpleite seit dem Kollaps der Herstatt-Bank 1974 gewesen. Am Dienstag hatte das Bundeskartellamt grünes Licht
für die Übernahme der AHBR gegeben. Es bestünden keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken, hieß es. Mit dem Verkauf der Hypothekenbank kann nun die Übernahme des Bausparkonzerns BHW an die Postbank vollzogen werden. Ursprünglich wollte die Gewerkschaftsholding BGAG die lukrative BHW gemeinsam mit der AHBR im Paket verkaufen. Dafür fand sich aber kein Interessent.
• HANDELSBLATT, Dienstag, 20. Dezember 2005


Neuausrichtung für Hypothekenbank
AHBR will mit neuem Namen die Krise abhaken
Die angeschlagene Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) will unter der Marke Corealcredit wieder zu einer respektierten und profitablen Adresse werden. cls FRANKFURT.

Dieses Jahr rechne der Vorstand mit einem Verlust von rund 500 Mill. Euro, 2007 solle das Ergebnis ausgeglichen sein, sagte der neue Vorstandschef Claus Nolting beim ersten öffentlichen Auftritt vor der Presse. 2008 will er ein Neugeschäft von 1,5 Mrd. Euro einfahren.
Langfristig strebt der ehemalige Hypo-Vereinsbank-Manager eine Eigenkapitalrendite von zehn Prozent an. Die AHBR war 2001 wegen Zinsspekulationen in Schieflage geraten und wäre im vergangenen Jahr fast zusammengebrochen. Deren Eigner, die Gewerkschaftsholding BGAG, überließ die Bank damals dem US-Investor Lone Star und zahlte ihm eine Mitgift von 871 Mill. Euro. Nolting soll die Bank nun neu ausrichten. Corealcredit will sich zu einem Spezialisten für gewerbliche Immobilienfinanzierung in Deutschland entwickeln und sich auf Finanzierungsvolumina ab zehn Mill. Euro konzentrieren. „In diesem Segment haben wir gegenüber den großen Wettbewerbern einen Kostenvorteil“, sagte Nolting. Um diesen zu erreichen wird die Bank mit ehemals mehr als 500 Mitarbeiten auf 150 schrumpfen. Davon werde die Hälfte aus neu eingestellten Experten bestehen, so Nolting. Außerdem trennt man sich vom Geschäftsfeld Staatsfinanzierung. Im Streit mit den Inhabern von AHBR-Genussscheinen deutete Nolting vorsichtig Kompromissbereitschaft an. „Wir werden uns vernünftigen Gesprächen nicht verschließen, beugen uns aber nicht öffentlichem Druck“, sagte er. Die Investoren klagen dagegen, dass sie den 2005er Verlust von 1,1 Mrd. Euro mittragen sollen.
• HANDELSBLATT, Donnerstag, 19. Oktober 2006

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