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„Kampfbühnen“ des Syndikalismus - Die anarcho-syndikalistische Theaterbewegung um 1930

Die stärkste Waffe der Arbeiterschaft ist der Streik, und die Mächtigkeit der organisierten Arbeiterbewegung zeigt sich in den Produktionsstätten. Daher ist der Anarcho-Syndikalismus eine Gewerkschaftsbewegung. Dennoch geht ihr Anspruch weit darüber hinaus, nämlich eine Kultur der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe zu schaffen, eine „Freie Gesellschaft“ mit Individuen, deren Handeln „vom Geiste persönlicher Verantwortung“ getragen wird. Die Aktiven nahmen vor 80 Jahren regen Anteil an der Arbeiterkulturbewegung, welche durch eine Vielzahl von Organisationen und Initiativen Präsenz zeigte. Im sportlichen Bereich gab es beispielsweise Arbeiterradfahrer-Bünde oder Arbeiter-Schachvereine. Im Bereich der Künste formierten sich proletarische Gruppen entlang der Themen Literatur, Gesang und Theater mit regelmäßigen Proben und öffentlichen Auftritten. Was heute unter dem Namen „Straßentheater“ bekannt ist, wurde damals allgemein unter „Agitation und Propaganda“, kurz „Agit-Prop“ zusammengefasst. Diese Aktivitäten bildeten, ähnlich wie die Chöre, meistens das Beiprogramm zu den Veranstaltungen und Versammlungen der Arbeiterorganisationen, so auch bei den Anarcho-Syndikalisten der späten 1920er Jahre. In der bisherigen (Fach-) Literatur finden sich nur sehr wenige Hinweise auf diese Bewegung.

Ankündigung einer antimilitaristischen Kundgebung der FAUD aus dem Jahre 1931. Eine Aufführung der „Kampftruppe – Es blitzt“ wurde polizeilich verboten

Die stärkste Waffe der Arbeiterschaft ist der Streik, und die Mächtigkeit der organisierten Arbeiterbewegung zeigt sich in den Produktionsstätten. Daher ist der Anarcho-Syndikalismus eine Gewerkschaftsbewegung. Dennoch geht ihr Anspruch weit darüber hinaus, nämlich eine Kultur der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe zu schaffen, eine „Freie Gesellschaft“ mit Individuen, deren Handeln „vom Geiste persönlicher Verantwortung“ getragen wird. Die Aktiven nahmen vor 80 Jahren regen Anteil an der Arbeiterkulturbewegung, welche durch eine Vielzahl von Organisationen und Initiativen Präsenz zeigte. Im sportlichen Bereich gab es beispielsweise Arbeiterradfahrer-Bünde oder Arbeiter-Schachvereine. Im Bereich der Künste formierten sich proletarische Gruppen entlang der Themen Literatur, Gesang und Theater mit regelmäßigen Proben und öffentlichen Auftritten. Was heute unter dem Namen „Straßentheater“ bekannt ist, wurde damals allgemein unter „Agitation und Propaganda“, kurz „Agit-Prop“ zusammengefasst. Diese Aktivitäten bildeten, ähnlich wie die Chöre, meistens das Beiprogramm zu den Veranstaltungen und Versammlungen der Arbeiterorganisationen, so auch bei den Anarcho-Syndikalisten der späten 1920er Jahre. In der bisherigen (Fach-) Literatur finden sich nur sehr wenige Hinweise auf diese Bewegung.

Entstehung

In den zeitgenössischen Periodika und geheimen Polizeiberichten wird an manchen Stellen von „Kampfbühnen“ und von „Schwarzen Rebellen“ berichtet. Erste Hinweise finden sich für das Jahr 1928. So hieß es in einem Polizeiarchiv: „Dem Beispiel des kommunistischen Jugendverbandes folgend, die Methoden der Agitation und Propaganda lebendiger und zugkräftiger zu gestalten, sind auch die Anarcho-Syndikalisten dazu übergegangen, ähnliche Propagandaeinrichtungen zur ‚volkstümlichen Interpretation’ ihrer Ideen zu schaffen. Um die Mitte des Jahres 1928 entstand so im Bereich Groß-Thüringen eine aus neun bis zehn Spielern bestehende ‚Kampfbühne’ als Wanderbühne für die FAUD-Ortsgruppen Groß-Thüringens wie für Tournees im ganzen Reich.“ „Der Syndikalist“, das Wochenorgan der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAUD (Freie Arbeiter-Union Deutschlands), gibt unter dem Titel „Revolutionäre Propagandakunst“ Aufschluss über den Inhalt der Aufführungen. Ins Repertoire aufgenommen wurden bevorzugt Einakter und (Arbeiter-) Schriftsteller wie Upton Sinclair („Singende Galgenvögel“) oder Alexander Stern („Revue gegen den Krieg“). Beliebt waren auch Heinrich Lersch („Ins Zuchthaus“) und besonders Erich Mühsam entlang der Themen Antimilitarismus, Streik, Solidarität, „Raus die Gefangenen!“. Letzteres bezog sich besonders auf Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, zwei inhaftierte und 1927 in den USA hingerichtete Anarchisten, für die es eine jahrelange internationale Protestwelle zur Freilassung gegeben hatte. Diese erste „Kampfbühne“ hatte ihren Sitz in Erfurt, fand in den folgenden Jahren jedoch weiten Zuspruch mit Gründungsinitiativen in anderen Landesteilen. Getragen wurden sie besonders von Mitgliedern der syndikalistisch-anarchistischen Jugend, welche das Thema Theaterbühnen auf ihrem Reichskongress Ende 1928 gesondert behandelte.

Regional

Schon im Januar 1929 wurde eine weitere „Kampfbühne“ für den Raum Mannheim/Ludwigshafen gegründet, begrüßt als „neue, junge Bestrebung“. Sie gab sich den Namen „Schwarze Rebellen“ und hatte ihren ersten Auftritt Ende März 1929 beim Ostertreffen der SAJD-Rhein-Main-Gau in Mannheim. Von den Gruppen der FAUD unterstützt, wuchs sie heran auf zwei Spielgruppen mit je sieben und 14 Mitgliedern. Bei einem Auftritt vor etwa 300 Zuschauern in Worms zogen sie im April 1929 auch Interessierte der KPD und des Roten Frontkämpferbundes an, was darauf hindeutet, dass ihre Popularität weit über die Kreise der veranstaltenden Anarcho-Syndikalisten hinausging. Zeitgleich entstand in Düsseldorf eine „Schwarze Schar“.[1] Diese hatte nach eigenen Angaben die Aufgabe, „den Gruppen der FAUD durch bildliche Darstellungen ihre Propaganda zu erleichtern. Das Betätigungsfeld der Bühne erstreckt sich nur über Rheinland und Westfalen, darüber hinaus kann sich die Bühne nicht verpflichten.“ Mit Inseraten suchten sie spezielle Kleidungsstücke – Militäruniformen. Diese Theatergruppe spielte im Frühjahr 1929 zum Ostertreffen der SAJD in Aachen: „In der Abendveranstaltung am Samstag zeigte die ‚Schwarze Schar’ der Düsseldorfer Jugend ihr Können. U.a. führte sie, ‚Die Gekreuzigten’ von Stern auf. Letztes legte Zeugnis ab vom Opfermut und Schaffensfreudigkeit. Nochmals spielte die ‚Schwarze Schar’ [am zweiten Tag des Treffens] in uneigennütziger Weise den ‚Roten Heiland’.“

In Offenbach traten die „Schwarzen Rebellen“ im Straßenbild in Erscheinung. Abermals horchte die Polizei auf: „Am 3. und 4.8.1929 fand in Offenbach ein Treffen der ‚Gemeinschaft proletarischer Freidenker, Bezirk Rhein-Main’ statt. Man protestierte gegen Konkordat und Verchristlichung der Hessischen Simultanschule. Am 3.8.1929 nachmittags fuhr ein Auto mit Mitgliedern der ‚Kampfbühne’ in schwerer Kleidung durch die Straßen Offenbachs, von dem Auto aus wurden Flugblätter verteilt. Abends fand im Stadtgarten eine öffentliche Versammlung statt, in der Erich Mühsam - Berlin über das Thema ‚Der Abwehrkampf der Arbeiterklasse gegen die Kulturreaktion’ referierte. Die Versammlung war von etwa 200 Personen besucht. Vor Beginn des Referats trug ein Sprechchor der ‚Schwarzen Rebellen’ in schwarzer Kleidung (die Bühne war in rot gehalten) ein Kampfgedicht gegen die Versklavung der Arbeiter vor.“

Fortan spielten die Bühnen zu weiteren Gelegenheiten, so 1929 beim SAJD-Reichstreffen in Kassel vor vielen Hundert Teilnehmern, bei einer SAJD-Reichskonferenz Rhein-Main im Jahre 1930 und in Wuppertal zum Todestag von Sacco und Vanzetti, wo sie das Stück „Staatsraison“ von Erich Mühsam aufführten. Begleitet wurden sie dabei von den „Freien Sängern“ und dem Sprechchor der „Jungen Anarchisten“ Wuppertals. Geografisch erstreckte sich das Aktionsfeld der „Kampfbühnen“ schon bald weiter in den Süden bis hin nach Stuttgart, wo sie im April 1930 zusammen mit dem oben genannten Dichter auftraten. In Berlin wurde im August 1931 eine Aufführung der dortigen „Kampftruppe – Es blitzt“ polizeilich verboten.

Bewertung

Die „Kampfbühnen“ bildeten keine überregionale, einheitliche Organisation mit zentralem Sitz. Dennoch erfreuten sich ihre Aufführungen großer Beliebtheit, was sowohl die hohen Zuschauerzahlen, die Anlässe ihrer Aufführungen als auch die Vielschichtigkeit des Publikums bezeugen. Zügig und mit Begeisterung konnten neue Initiativen gegründet werden mit breiter regionaler Auslastung. Wenngleich dieser anarcho-syndikalistischen „Kampfbühnen“-Bewegung durch den Machtantritt der Nazis im Jahre 1933 keine hohe Lebensdauer beschieden war, so kann sie für einige Regionen als bedeutender Teil der anarcho-syndikalistischen Kulturbewegung eingeschätzt werden.

Helge Döhring, Bremen

www.syndikalismusforschung.info

Anmerkungen

[1] Diese „Kampfbühnen“ sind nicht zu verwechseln mit der späteren anarcho-syndikalistischen Kampforganisation „Schwarze Scharen“, vgl. Direkte Aktion Nr. 195 (September/Oktober 2009)


Staatsraison (Auszug)
Brüder, euer Name lebt
unsern Fahnen eingewebt
ewig unvergänglich.
Wenn die rote Freiheitsflamme loht,
soll ihr Glanz der Welt verkünden
euern Kampf und euern Tod.

Treue euerm kühnen Geist,
der den Weg der Zukunft weist.
Brüder, wir geloben:
Was euch leiden ließ der Mörder Staat,
jede Stunde eurer Qualen
sei ein Hebel unserer Tat.

Kampf sei euer Dank und Lohn,
Kampf dem Staat, der Reaktion,
Kampf bis zu dem Tage,
da der Spuk der Macht in Staub zerrinnt,
wenn in jedem Land auf Erde
sich das Arbeitsvolk besinnt.

Brüder, die ihr für uns starbt,
euer Blut fließt unvernarbt,
bis die Massen siegen.
Klassenkampf und Solidarität
geben in die Hand des Volkes
Land, Fabrik und Feldgerät.

Eure Sehnsucht, eure Pein,
soll uns Stern und Geißel sein,
Sacco und Vanzetti!
Euer Beispiel stirbt der Menschheit nie.
Freie Welt sei euer Denkmal
Sozialismus, Anarchie!

Erich Mühsam



Die Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti 1927 führte zu weltweiten Protesten und Angriffen auf amerikanische Geschäfte, Autos und Kinos. Die US-amerikanische Botschaft in Paris wurde mit Panzern geschützt. Bei den größten Demonstrationen der Weimarer Republik, kam es in Deutschland zu sechs Todesfällen. Die Aufführung von Erich Mühsams Drama „Staatsraison“ über diesen Fall von Klassenjustiz durch die „Kampfbühnen“ sorgte für weitere Empörung und dafür, dass Sacco und Vanzetti unvergessen blieben.

Und heute?
Wer kennt das nicht: Je länger die Redebeiträge bei Demonstrationen sind, desto eher werden sie ignoriert. Kostümierte und/oder szenische Darstellungen der Kritik und des Kampfes in Form von „lebenden Bildern“ bis hin zu theaterhaften Inszenierungen erzielen eher Wirkung. Agit-Prop-Theater muss hierbei nicht auf eine klar umrissene Bühne begrenzt sein. (red. Beitrag)


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