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Dokumentation: Klassenkampf -> Der knallrote Protest

Seit Wochen halten Arbeiter ein Fahrradwerk in Thüringen besetzt. Jetzt wollen sie sich die Produktionsmittel aneignen. Ein Interview mit André Kegel vom Verein „Bikes in Nordhausen“.



     

Seit dem 10. Juli halten 125 Arbeiter ein Fahrradwerk im thüringischen Nordhausen besetzt. Ihr Arbeitgeber, die Bike Systems GmbH, ist seit August insolvent, jetzt will die Belegschaft in Eigenregie produzieren. Marx und Engels wären begeistert.
Vorerst sollen bei der Aktion „Strike-Bike“ allerdings nur 1.800 Räder montiert werden. So soll potenziellen Investoren die Konkurrenzfähigkeit des Werkes vorgeführt werden.
Wir sprachen mit André Kegel, dem Vorsitzenden des Vereins „Bikes in Nordhausen e.V.“, den die Besetzer gegründet haben.

Der 2. Oktober war Stichtag. 1.800 Bestellungen für das Strike-Bike brauchten Sie bis dahin, um eine Woche lang kostendeckend produzieren zu können. Haben Sie die kritische Marke erreicht?

Sie wurde sogar überschritten. Um 16 Uhr haben wir die Bestellannahme geschlossen, weil wir der Flut von Bestellungen nicht mehr Herr geworden sind. Wir haben jetzt schon mindestens 1800 Aufträge, 200 davon aus dem Ausland. Dazu müssen wir noch die rechnen, die noch per Post kommen.

Vor einigen Tagen sah es noch nicht so gut aus. Wie kam es, dass zum Schluss doch noch so viele Bestellungen eingingen?

Vergangene Woche hat die Presse das Thema aufgegriffen. Danach wuchs die Aufmerksamkeit.

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Sehr gut. Sie haben gemerkt, dass sie etwas erreichen können, wenn sie dicht beisammen stehen und ein Ziel verfolgen. Als wir verkündet haben, dass wir das Strike-Bike produzieren können, wurde gejubelt und geklatscht. Wirkliche Angst hatten wir nur in den ersten paar Tagen, als der Bestelleingang sehr schleppend lief.

Ihr letzter Lohn wurde im August ausgezahlt. Wovon leben Sie im Moment?

Viele können sich über Freunde oder Familie finanzieren. Teile der Belegschaft mussten auch Arbeitslosengeld beantragen. Das geschieht aber nur unter Vorbehalt, da wir ja technisch alle noch einen Arbeitsvertrag haben. Eigentlich geht das gar nicht, aber das Arbeitsamt war da sehr unbürokratisch.

Wir haben auch ein Solikonto eingerichtet. Daraus finanzieren wir Kaffee, Bockwurst und alles andere, was wir in der Streik-Zentrale brauchen. Wenn einer nichts mehr hat, kann er da essen oder sich ein paar Bockwürste und eine Flasche Limo mit nach Hause nehmen.

Ihr Ziel ist es, einen neuen Investor zu finden, der am Standort Nordhausen weiter produzieren will. Warum glauben Sie, das Werk sei rentabel? Offenbar waren die Absätze wirklich nicht rosig. Im Jahr 2000 wurde schon einmal Insolvenz angemeldet.


Der Fehler damals war, dass die Vertriebstruktur oben drüber zu groß war. Wir waren Teil der Biria-Gruppe, Nordhausen war ein reiner Produktionsstandort, der ganze Vertrieb ist von wo anders geleitet worden. Das hat uns aufgefressen. Es waren einfach zu viele Leute, die wir aus der Produktion mitfinanzieren mussten.

Wenn wir mit einem neuen Investor weiter produzieren, würden wir alles von Nordhausen aus regeln. Dann würde eine jährliche Stückzahl von 200.000 Rädern reichen, um den Standort wirtschaftlich zu betreiben. In der Beria-Gruppe mussten wir dazu 500.000 produzieren.

Die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa), ihr Konkurrent im benachbarten Sangerhausen, hatten Ihnen angeboten, in ihrem Werk weiterzuarbeiten. Wieso haben Sie das Angebot nicht angenommen? Das wäre sicher weniger riskant als die Besetzung.


Das Angebot der Mifa galt nicht für die komplette Belegschaft. Mitarbeiter über fünfzig oder die, die im Betriebrat waren, wären nicht übernommen worden. Außerdem liegen die Mifa-Löhne mit 780 Euro nur knapp über der Armutsgrenze. Wir hätten ein monatliches Festgehalt bekommen, egal wie viele Produktionstage der Monat hat. Das heißt wir hätten im Monat 150 bis 200 Euro weniger verdient und dafür mehr arbeiten müssen. Dazu kommen noch die Fahrtkosten. Das hätte viele gezwungen, mit ALG II aufzustocken.

Der Plan ist, einen neuen Investor zu finden, der das Werk weiter betreibt. Gibt es schon Interessenten?

Ja, und nach Beginn unserer Aktion haben sich weitere Interessenten gemeldet.

Was, wenn sich kein Investor findet? Wird dann die Selbstverwaltung fortgesetzt?


Wir haben schon darüber nachgedacht. Allerdings könnten wir das nicht mit dieser Belegschaftsgröße machen und auch nicht mit diesem Werk. Wir würden uns dann verkleinern und in irgendeiner Halle hier in Nordhausen produzieren.

Die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU), eine Gewerkschaft nach anarcho-syndikalistischen Prinzipien unterstützt das Projekt Strike Bike und wirbt im linken Milieu dafür. Welche Rolle spielt sie?


Der Kontakt ist über das Café Libertad in Hamburg zustande gekommen. Das ist eine freie Genossenschaft, die Kaffee aus Mexiko, Nicaragua und anderen wirtschaftlich benachteiligten Gebieten vertreibt. Als sie von der Werksbesetzung erfahren haben, haben sie uns angerufen. Die FAU hat uns erst auf den Gedanken gebracht, das Strike Bike zu produzieren. Sie hat auch den Kontakt zur Radspannerei Kreuzberg geschaffen, das ist ein selbstverwalteter Fahrradladen, mit dessen Hilfe wir das Strike Bike entworfen haben.

Wie steht ihre Belegschaft zu dieser Partnerschaft?


Sie hat damit kein Problem. Die FAU ist hier nicht als solche aufgetreten ist, sie wollten keine Mitglieder fangen oder sich als die Guten darstellen. Sie haben einfach unkompliziert und solidarisch ihre Hilfe angeboten.

Um ihren Namen mit einer werbewirksamen Aktion in die Presse bringen?


Mag sein. In erster Linie freuen sie sich in aber einfach, dass wir diese Aktion machen. Sie haben uns sehr geholfen und es verdient, mit genannt zu werden.

Verschlechtert diese Unterstützung nicht ihre Perspektiven bei der CDU-Regierung in Thüringen?


Noch weniger als sie es jetzt tut, kann uns die Landesregierung gar nicht unterstützen. Das einzige Zeichen, das wir erhalten haben, war eine Absage des Ministerpräsidenten Dieter Althaus auf unsere Einladung. Auch das Wirtschaftministerium hat sich nie direkt bei uns gemeldet. Sie hat nur eine Presseerklärung herausgegeben, in denen stand, dass sie sich mit unserem Fall beschäftigen.

Auch die NPD wirbt im Netz für ihre Aktion.

Das können wir ihnen nicht verbieten, aber es ist uns nicht lieb. Das haben wir der NPD gesagt und uns auch öffentlich von ihrer politischen Meinung distanziert.

Quelle: Zuender

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