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Anti-Aging für die Anarchie? - Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus - Konstruktiv-polemischer Essay mit Blick nach vorn

zur Erläuterung: Dieser Essay ist das leicht modifizierte Schlusskapitel eines 187 Seiten starken Buches über »das libertäre Barcelona - 70 Jahre nach der spanischen Revolution«. Im Zentrum der Reportage stehen ausführliche Interviews mit Vertretern der drei in Katalonien aktiven anarchosyndikalistischen Gewerkschaften. Sowohl dem Autor als auch der Redaktion ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese möglicherweise zufällige Momentaufnahme aus Barcelona natürlich nicht repräsentativ für die jeweiligen Gesamtorganisationen ist. Schon gar nicht werden hier »offizielle« Standpunkte wiedergegeben und reflektiert. So gibt es beispielsweise innerhalb der CNT-AIT auch völlig abweichende Ansichten, etwa, was die historische Fixierung oder die Frage des Ausschlusses von kritischen Syndikaten angeht, wie sie in diesem Text thematisiert werden. Diese sind in Barcelona allerdings nicht zum Ausdruck gebracht worden. Es dürfte dennoch klar werden, dass es weder dem Autor noch der Redaktion darum geht, Gräben zu vertiefen. Im Gegenteil: dieser Text ist ein Aufruf zum kritischen und konstruktiven Dialog. Strömungen, die sich - in welcher Organisation auch immer - ebenfalls für einen undogmatischen Umgang mit der Situation einsetzen, sollen in ihrer Absicht ausdrücklich ermutigt werden! Es war zudem unvermeidlich, dass sich der hier abgedruckte Text stellenweise auf den Hauptteil des Buches bezieht. So werden beispielsweise die Gründung und Entwicklung der CGT an anderer Stelle ausführlicher behandelt als im Essay, ebenso wie die Spaltung der katalanischen CNT in zwei rivalisierende Fraktionen oder die Kontroverse um die Beteiligung an Betriebsratswahlen und Tarifverhandlungen. In dem Buch, das im Januar 2007 unter dem Titel »Anti-Aging für die Anarchie?« beim Verlag Edition AV erscheint, sind die Original-Interviews, auf die der Essay Bezug nimmt, im Wortlaut abgedruckt.

Kann man als Anarchist durch Barcelona gehen, ohne nostalgisch zu werden?
Ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen: Nicht der Glorie jener libertären Revolution wollte ich nachspüren, die vor einem Menschenalter der staunenden Welt bewies, dass Anarchie  funktioniert, sondern dem, was heute ist. Schlägt das Herz der heimlichen Anarcho-Hauptstadt auch nach 70 Jahren noch? Wo? Und vor allem: wie? Taugt Barcelona noch immer als libertärer Trendsetter, oder hat sich der Anarchismus dort mit dem Blick auf die ruhmreiche Vergangenheit abgefunden?

Wie das mit festen Vorsätzen so ist: Mitten auf den Ramblas laufe ich einem anarchistischen Ausrufer in die Arme, der lauthals Nostalgie anpreist: »Señoras y Señores, kommen Sie, hier finden Sie das romantische Barcelona von früher!« Der Mann trägt einen feinen schwarzen Zweireiher und wirkt wie ein Verschnitt aus Anarcho-Bohème und Zwischenkriegs-Gigolo, der mit einer schwarzroten Fahne wedelt. Er macht seine Sache sehr gut, viele Leute bleiben stehen. Auf beiden Seiten Verkaufsstände der Confederación Nacional del Trabajo mit Anarchokappen, CNT-Feuerzeugen, Halstüchern, Stickern und Che Guevara-T-Shirts – dazwischen Zeitungen, Reprints von alten Postern und Bücher über die spanische Revolution von 1936 sowie ein paar preiswerte Agitationsbroschüren. Eine heißt »Die CNT und Spaniens Zukunft«.

Der Stand an dem ich stehe wird belagert von jugendlichen Touris, die sich eindecken; die Ramblas sind heutzutage Barcelonas folkloristische Flaniermeile. Die beiden Tische sind strategisch gut postiert, direkt am Eingang zur Plaza Real, dem schönsten Platz weit und breit. Kaum jemand kommt ungeschoren durch.

 

Die gute und die böse CNT

 

Noch gestern hätte mich diese Cleverness gefreut. Aber mittlerweile weiß ich, dass hinter jedem Tisch eine andere CNT steht, zum Verwechseln ähnlich, aber heillos untereinander zerstritten. Sogar ihre Zeitungen führen den selben Namen: Solidaridad Obrera – vor langer Zeit ein populäres Massenblatt und eines der wichtigsten Organe im libertären Spanien. Zu einer Zeit, als die anarchistische Gewerkschaft noch millionen Mitglieder zählte und stärkste soziale Kraft Spaniens war...

Mein erster Weg zu den Anarchosyndikalisten hatte mich natürlich schon vor Tagen zum Sitz der CNT an der malerischen Plaza Medinacelli geführt, den ich seit den 70er Jahren als einen quirligen Ort lebendiger libertärer Aktion kannte. Aber inzwischen waren die Öffnungszeiten auf werktags 19 Uhr reduziert, und selbst da stand ich vor verschlossener Tür. Es war nicht leicht, schließlich per Telefon einen Interviewtermin zu bekommen, aber letztlich wurde ich als FAU-Mitglied doch noch freundlich empfangen – samt meinem Empfehlungsschreiben. Als erstes begehe ich einen faux-pas: Ich gratuliere den Genossen zu ihrem neuen Büro in der Calle Joaquín Costa und dem schicken Buchladen, die ich zufällig in der Altstadt entdeckt (und ebenfalls verschlossen vorgefunden) hatte. Betretene Gesichter. »Das ist gar keine CNT, das sind Usurpatoren, die von uns längst ausgeschlossen sind.«

So erfuhr ich von der CNT desfederada und einem internen Konflikt, der sich vor über 10 Jahren zutrug und bis heute zu dem ebenso paradoxen wie fatalen Zustand führt, dass in ganz Katalonien zwei konkurrierende, wenn nicht gar verfeindete CNTs in der Öffentlichkeit unter identischen Namen, Fahnen und Zeitungen auftreten, und so das hässliche Bild von Zerrissenheit und Bruderkampf bieten. Dessen überaus komplizierte Ursachen kann kein normaler Mensch so recht nachvollziehen. Mittlerweile interessieren sie auch kaum noch jemand anderes als die Beteiligten. Das politische Barcelona lacht darüber oder zuckt die Schultern. Denn in dieser verworrenen Story aus persönlichen Animositäten, Machtkämpfen zwischen Basisgruppen und ›Apparat‹ sowie 148 Millionen Peseten, die 1992 als staatliche Entschädigung flossen, haben seinerzeit angeblich fünf Syndikate fünfzehn andere aus der Konföderation ausgeschlossen –  mit dem ausdrücklichen Segen des Nationalkomitees. Und natürlich hat heute jede Seite Recht. Besonders aber die CNT von der Plaza Medinacelli, denn die weiß die AIT und die FAI hinter sich und versteht sich daher ›nach Aktenlage‹ als die einzig ›echte‹, als »CNT auténtica«.

An all das muss ich nun wieder denken, als ich auf den Ramblas stehe, im Gedränge vor dem Büchertisch.

 

Die Zeit bleibt nicht stehen

 

Die kleine Broschüre mit dem Titel Die CNT und Spaniens Zukunft, die ich jetzt, im April des Jahres 2006 in der Hand halte, hat 22 Seiten und stammt aus dem Jahre 1963. Sie wurde 1965 von der Exil-CNT in Toulouse verlegt und fand seinerzeit große Verbreitung. Noch im Jahre 1973 haben wir sie in jener deutschen Kleinstadt, in der ich damals lebte, mit Erfolg an die spanischen »Gastarbeiter« verkauft. Damals war ich 22 Jahre jung, damals ließ Franco noch Oppositionelle hinrichten und auf den Äckern Spaniens waren noch immer Ochsenkarren mit Scheibenrädern unterwegs.

Einundvierzig Jahre nach seinem Erscheinen wurde das Heftchen in Barcelona nachgedruckt; sein 84jähriger Autor, Abel Paz, hatte es mir einen Tag bevor ich es auf den Ramblas entdeckte, als Geschenk verehrt. Natürlich hatte ich mich mit ihm über den Reprint dieses wichtigen Zeitdokuments gefreut. Und natürlich war ich davon ausgegangen, dass es eben das sei: ein Zeitdokument. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass diese Broschüre im Jahre 2006 vollkommen unkommentiert, quasi als Antwort der CNT auf Spaniens Zukunftsfragen unter die Leute gebracht würde. Eine Broschüre, in derem ersten Absatz der baldige »Bankrott des bürgerlichen Wirtschafts- und Politiksystems« angekündigt wird, unter anderem mit dem Statement, dass der  Welt jetzt, angesichts der ›neuen Wege zum Sozialismus‹ und nach der ›Errichtung des Sozialismus in China‹ »ein ganzer Fächer von wirtschaftlichen Transformationen« offen stehe, »der in seinem Schoße bereits die rudimentären Prinzipien einer neuen Zivilisation trägt.« Im Kapitel Die Revolution ist unausweichlich steht zu lesen, dass wir in einer »Periode von Zersetzung und Ruin« leben, in der man heutzutage in Spanien »in den volkstümlichen Schichten vor Hunger stirbt«. Unter der Überschrift Die Krise des kapitalistischen Systems werden Alternativen aufgezeigt: »Im Gegensatz dazu steht die Planwirtschaft im sowjetischen Block, die, indem sie von anderen wirtschaftlichen Grundsätzen ausgeht, sich besser vor diesem Abgrund schützen kann. Die staatliche Koordinierung seiner Wirtschaft, ihr weiter Markt ohne Konkurrenz bieten eine bessere Perspektive, um sich gegenüber dem Privatkapitalismus zu behaupten.« Demgegenüber zeichnet die Broschüre von Spanien ein eher düsteres Bild: »Die Mehrheit der Spanier bekommt nicht mal jeden Tag eine Mahlzeit und kann sich niemals richtig sattessen.«

Ich frage mich, was einem Spanier wohl bei der Lektüre durch den Kopf gehen mag, einem Spanier des Jahres 2006, den vielleicht der Titel Die CNT und Spaniens Zukunft zum Kauf der Broschüre verleitet hat. Ob er erkennt, dass es sich um ein historisches Zeitdokument handelt? Oder wird er einfach nur annehmen, dass die CNT wohl doch noch immer zu den Ewiggestrigen gehört?

Mir kommen Zweifel und ich schaue noch einmal ganz genau nach: Nein, die Broschüre wird genau so vertrieben, wie sie 1965 gedruckt wurde. Kein Vorwort, keine Einleitung, keine Erklärung. Lediglich im Druckvermerk stehen das Erscheinungsjahr und das des Reprints. In catalán und auf der letzten Seite.

Es käme mir nicht in den Sinn, dem Autor diese Sätze heute vorzuhalten. Damals, und vor allem auch im weiteren textlichen Zusammenhang dieser Streitschrift, war das sicherlich ein guter Agitationstext, um den Spaniern ihre Rückständigkeit in der Welt vor Augen zu führen und ihre Empfänglichkeit für Alternativen zu wecken. Aber heute? Es fällt schwer zu glauben, dass eine Organisation, die auf der Höhe der Zeit sein und ernst genommen werden will, mit solch einem Text ihre Zeitgenossen anzusprechen versucht. Vielleicht war es ja nur ein Zufall, dass die Broschüre auf dem Büchertisch gelandet ist? Ein Missverständnis? Ich möchte es gerne glauben. Allerdings fällt mir dies im Laufe der Woche, die ich noch in Barcelona verbringen werde, mit jedem Tag schwerer. Und auch mit jedem Interview, das ich mit den Repräsentanten des Anarchosyndikalismus in dieser Stadt noch führen werde.

 

Von der Sentimentalität...

 

Die CNT ist nahezu hundert Jahre alt, meine Interviewpartner im Gewerkschaftsbüro der CNT auténtica jedoch sind noch ausgesprochen jung. Und dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, mit alten Männern zu sprechen, die sich nur durch ihr ausgeprägtes Faible fürs Internet als Kinder des 21. Jahrhunderts auszeichnen. Mir sitzen sympathische, aktive, dynamische Genossen gegenüber, die »fasziniert« sind von den alten Arbeiteranarchisten der dreißiger Jahre und heute die »großen historischen Vorbilder« ihrer Geschichte bewundernd hochhalten, weil, wie sie meinen, hiervor »der Staat Angst« habe. Junge Anarchisten, die, wie sie sagen, ihr »Geschichtsbewusstein« dadurch beweisen, dass sie auf ihren Plenen »immer gern vom Bürgerkrieg reden«. Einer ist sogar in die Organisation eingetreten, weil schon seine Großeltern in der CNT waren: »Die Erinnerung ist wichtig, wir müssen uns all dessen erinnern und das Andenken pflegen.«

So viel nostalgische Sentimentalität erstaunt. Sie wäre nicht weiter schlimm, vielleicht sogar sympathisch, wenn der Blick zurück nicht auf so fatale Weise auch den Blick nach vorne trüben würde. Das, was ich hier über mögliche Zukunftsvisionen des anarchosyndikalistischen Diskurses zu hören bekomme, lässt nicht viel hoffen – es ist eine Mischung aus Kampfbereitschaft, Düsternis und Verelendungsstrategie:

Der bewundernswerte Streik gegen den Supermarktmulti Mercadona, der im Moment alle beflügelt, korelliert auf bizarre Weise mit der klammheimlichen Freude über das Image der Gewalttätigkeit, das dem Anarchismus anhaftet. Der junge Lehrer Eduardo Rodrigo vom Bildungssyndikat findet das sogar ziemlich gut, weil die Leute dadurch die CNT respektierten – »einfach aus Angst«. Seine Strategie besteht im Durchhalten: »Egal was passiert, egal, wieviele Jahre vergehen, wir halten durch und sind immer da.« Ihm sekundiert José Jodar, ein angehender Jurist, mit der frappierenden Feststellung, dass sich der Kapitalismus nicht gewandelt habe und immer gleich bliebe – und man darum auch die Kampfformen nicht zu ändern bräuchte. Deshalb wird es auch nicht als schlimm empfunden, dass die CNT in den letzten zwanzig Jahren »fast ihre ganze Mitgliedschaft verloren« hat, denn jetzt könne man, falls die Arbeiter »nach einer wirklich alternativen Gewerkschaft suchen«, eine funktionsfähige Option anbieten: die Gewerkschaftssektionen – als bewusstes Gegengewicht zu den Betriebsräten: »Die CNT ist zwar in gewisser Weise untergegangen,« sagt man mir, »aber sie hat diese Nische für die Zukunft offen gehalten, und wenn die Menschen eines Tages wollen, haben sie bei uns die Möglichkeit, sich in Gewerkschaftssektionen zu organisieren.« Zwar gibt es davon kaum welche, aber auch das macht nichts, denn inzwischen positioniert sich die CNT erfolgreich als Nischengewerkschaft im spanischen Prekariat und bei den brutal ausgebeuteten Immigranten. Dies sei deshalb der »Weg der Zukunft«, weil »Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, den Weg ebnen werden und eine Bresche schlagen können.« Dies, so meine Gesprächspartner, sei die wesentliche politische Bedeutung des Mercadona-Streiks. Obwohl: So ganz scheint man die Hoffnung auf die Rückgewinnung der klassischen Arbeiterschaft doch noch nicht aufgegeben zu haben, denn: »Vielleicht finden die Arbeiter dann ja auch wieder zu ihren eigenen Interessen zurück, wenn es ihnen dreckig genug geht.«  Vielleicht.

Ansonsten scheint die CNT in Barcelona nur eines wirklich zu beunruhigen: eine neue städtische Verordnung, die wildes Plakatieren und das Sprayen von Parolen mit harten Strafen belegt…

 

Soviel zur Aktualität des anarchosyndikalistischen Diskurses beim »offiziellen« Flügel der Confederación Nacional del Trabajo im Barcelona des Jahres 2006.

Das Erstaunliche daran ist der trotzige, rückwärtsgewandte Impetus, der sich offenbar in der historischen Sackgasse auf Dauer eingerichtet hat. Das Traurige daran ist die Tatsache, dass diese »Linie« rücksichtslos und mit Vehemenz als die einzige Wahrheit propagiert und durchgesetzt wird. Notfalls mit Diffamierung und Ausschluss all jener, die anders denken oder nach zeitgemäßeren Alternativen suchen. Denn die CNT auténtica, die ihre ungehorsamen Genossen von der CNT desfederada ohne viel Federlesens aus der Föderation rausgeworfen hat, vertritt ihren Standpunkt in aller Welt nicht nur mit dem Prestige ihres großen, geschichtsträchtigen Namens, sondern auch mit dem exklusiven Segen der anarchosyndikalistischen Internationale AIT.

Wobei das Wörtchen »exklusiv« durchaus wörtlich zu verstehen ist: Wer anders denkt und handelt, wird ausgeschlossen.

 

...zum Altersstarrsinn

 

Monate später sitze ich bei den Recherchen zu diesem Buch spät nachts daheim am Bildschirm und google durchs Internet, als mich ein Link auf die Homepage der AIT führt. Ich mag meinen Augen nicht trauen: Als erster Text begrüßen dort den zufälligen oder interessierten Besucher völlig unvermittelt diese Sätze:

»Folgendes passierte einige Tage bevor wir im Januar von der NSF zu Mitgliedern des AIT-Sekretariats gewählt wurden: Eine Person rief an und sagte, dass die Sekretärin der SAC (in die Marginalspalte: »Sveriges Arbetares Centralorganisation«, schwedische anarchosyndikalistische Gewerkschaft, gegründet 1910)

, Hannele Peltonen, ihm eine Mail geschickt habe mit dem Wunsch, sich mit dem AIT Sekretariat zu treffen, wenn es jetzt in Norwegen wäre. Die SAC und die AIT könnten sich doch mal zusammenssetzen, um sich in gleicher Sprache zu unterhalten.« Natürlich wurde dieses Angebot umgehend im unüberhörbaren Brustton der Empörung abgelehnt, gefolgt von zweieinhalb eng beschriebenen Seiten, auf denen das ganze Sündenregister der anarchosyndikalistischen SAC chronologisch aufgelistet wird – nämlich ihr Bemühen, mit der anarchosyndikalistischen AIT einen konstruktiven Dialog zu beginnen. Das Ganze erscheint auf dem Bildschirm übrigens unter der kämpferischen Überschrift »Verteidigung der AIT und des Anarchosyndikalismus«.

In dieser Nacht habe ich keine Zeile mehr geschrieben, ich konnte es einfach nicht fassen, Tränen drängten sich in meine Augen. Was war nur aus jener AIT geworden, der ich vor über dreißig Jahren als junger Anarchist voller Begeisterung beigetreten war! Glaubt man heute ernsthaft, Menschen für die libertären Ideale zu gewinnen, indem man sie ungefiltert mit Insider-Klatschgeschichten konfrontiert? Ist es inzwischen zum Sündenfall geworden, wenn Libertäre unterschiedlicher Auffassungen miteinander reden? War nicht 1872 der Urahn der AIT gerade als Antwort der freiheitlich und autonom denkenden Arbeiter auf die autoritäre Gängelung der 1. Internationale durch Karl Marx und seinen diktatorischen »Generalrat« entstanden? Damals hatte James Guillaume gefordert, dass sich die Internationale »nicht durch eine kleine Clique von Sektierern absorbieren« lassen dürfe und folgende prophetischen Worte hinzugefügt: »Wie aber sollte eine egalitäre und freie Gesellschaft aus einer autoritären Organisation hervorgehen? Das ist unmöglich. Die Internationale, Embryo der künftigen menschlichen Gesellschaft, ist gehalten, (...) jedes Prinzip, das nach Autorität und Diktatur strebt, aus ihrem Inneren auszuschließen.«

Harte Worte, aber wahr. Nur, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Rollen vertauscht scheinen: Anarchisten, per Definition eigentlich Garanten von Offenheit, Vielfalt und undogmatischer Dialogbereitschaft, profilieren sich heute als bürokratische Prinzipienreiter und Gralshüter von vermeintlich unantastbaren Wahrheiten.

 

Was steckt dahinter?

 

Einen Teil der Antwort liefert das erwähnte Papier aus Norwegen gleich mit. Denn bevor irgendjemand aus der AIT mit der SAC auch nur reden dürfe, so fordert das AIT-Sekretariat in einer an die Stringenz der Heiligen Inquisition erinnernden Logik, müsse letztere zunächst ihre Irrtümer widerrufen und ihre Fehler korrigieren. Und die bestehen konkret, original zitiert, in »Klassenkollaboration«. Klingt ganz schön schrecklich. Was wirklich hinter diesem Vorwurf stecken mag, dürfte dem Leser am Beispiel der CGT (In die Marginalspalte: »Confederación General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5. Kongresses
der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der sich 1989 als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft konstituierte.)
»Confederación  General del Trabajo« -- aus den »Erneuerern« des 5. Kongresses der CNT (1979) hervorgegangener pragmatischer Flügel, der sich 1989 als eigenständige anarchosyndikalistische Gewerkschaft konstituierte.

inzwischen geläufig sein: Die Beteiligung an Betriebsratswahlen und Tarifverträgen.

Es stimmt, so etwas ist nach den Statuten der AIT nicht erlaubt – insofern verhält sich das Sekretariat auch durchaus ›korrekt‹ bei seiner »Verteidigung der Prinzipien«. Das Problem liegt aber woanders. Nämlich darin, dass diese ›Prinzipien‹ seit 70 Jahren nie wieder diskutiert werden durften und folgerichtig zu einem ziemlich geistlosen Dogma verkrustet sind. Ein Dogma, das – wie weiland Bundeskanzler Filbinger – im Grunde nur sagt: »Was damals richtig war, kann heute doch nicht falsch sein!« Aber genau das ist der Fall: 1936, als der Anarchosyndikalismus Spaniens mächtigste politische Bewegung war, waren diese Prinzipien absolut auf der Höhe der Zeit. Und zwar deshalb, weil man aus einer Position der Stärke heraus natürlich die ›Spielregeln‹ selbst bestimmen konnte und angesichts einer greifbar nahen sozialen Revolution sehr gut beraten war, auf solch banale Dinge wie Tarifverträge zu pfeifen.

Seither aber hat sich die Situation grundlegend verändert, und nicht gerade zugunsten des Anarchismus. Eine veränderte Situation aber verlangt auch nach einer veränderten Taktik. Und genau darum geht es. Die strittigen Fragen berühren nämlich in Wirklichkeit gar keine ›Prinzipien‹, sondern taktische Vorgehensweisen zur optimalen Erreichung eines bestimmten Ziels. Dieses Ziel jedoch und die in ihm enthaltenen Prinzipien einer libertären Gesellschaft werden von niemandem in Frage gestellt. Aus einer Position der Schwäche heraus aber kann der Anarchosyndikalismus nicht mehr ohne Weiteres mit der Taktik seiner eigenen vergangenen Stärke erfolgreich sein.

 

Das alles liegt klar auf der Hand und tut jedem aufrechten Anarchosyndikalisten entsprechend weh. Die einen suchen nach neuen Wegen, die anderen suchen Schutz beim Dogma. Einem Dogma, das zwar geistige Geborgenheit im Gewande ewiger Wahrheiten verspricht, aber mittlerweile nur noch einen ganz bestimmten Menschentyp innerhalb der Libertären anzusprechen scheint: den des lernresistenten und kommunikationsfeindlichen Verwalters einer reinen Lehre, der im Dialog eine prinzipielle Gefahr sieht und in der kritischen Analyse von Tatsachen einen latenten Verrat am Ideal. Jemand, dem neue Ideen grundsätzlich suspekt sind, und der Zweifel für ein Zeichen von Schwäche hält. Solche Menschen ziehen ihre Selbstsicherheit lieber aus Doktrinen und schöpfen ihre Kraft aus den glorreichen Kämpfen der Vergangenheit. Offenheit ist ihnen ein Gräuel  und jede Art von Experiment verdächtig.

            Was sie hingegen begeistert, das sind Statuten, Akten und Gummistempel, Kongresse, Deklarationen und Prinzipienerklärungen – allesamt beliebte Werkzeuge im Kampf gegen jene Abweichler, denen man, vom sicheren Posten eines »Regionalsekretariats« oder »Nationalkkomitees« aus, nur zu gerne »Kollaboration mit der staatlich-bürgerlichen Bürokratie« vorwirft.

All dies verdichtet sich letztlich in einem einzigen Begriff: politischer Altersstarrsinn. Das ist übrigens keine Frage des Alters von Individuen, sondern des Alters einer Bewegung, wenn sie sich geistig nicht regenerieren kann. In der Tat scheinen junge Aktivisten dieser Art von Starrsinnigkeit eher zu verfallen als die Älteren, die in ihrer politischen Biographie auch schon einmal widersprüchliche Erfahrungen, Zweifel oder neue Perspektiven kennengelernt haben.

 

Mir ist klar, dass diese Worte mehr als nur polemisch sind. Sie sind hart. Aber sind sie darum auch falsch? Hart sind sie natürlich deshalb, weil sie aus Verbitterung geschrieben wurden, aus der Verzweiflung am gesunden Menschenverstand so mancher Libertärer. Dass viele dieser Libertären all dies aus tiefster Überzeugung tun und mit den besten Absichten – ich kenne eine ganze Reihe von ihnen –, macht die Sache indes nicht besser, nur trauriger.

Andererseits kann ich mit meinen deutlichen Worten so falsch nicht liegen. Denn andere Anarchosyndikalisten, die weit aktiver in der Bewegung sind als ich es je war, greifen zu noch viel drastischeren Ausdrücken: »IAA-Granden«, »Subnormale«, »anarchojesuitische Apparatschiks«…

 

Weltweiter Umbruch

 

Die meisten Posten in den anarchosyndikalistischen Organisationsstrukturen scheinen sich inzwischen fest in der Hand dieser merkwürdigen Spezies des homo anarchicus zu befinden. Diese Positionen zu besetzen, war in einer allgemein schwachen Bewegung nicht weiter schwer – neigen doch marginalisierte Gruppen ohnehin gerne zu Purismus, Dogmatik, und Formalismen. Hinzu kam, dass sich die wenigen Aktivisten, die sich in den letzten zwanzig Jahren mit der inhaltlichen Erneuerung des Anarchosyndikalismus befasst haben, dies überwiegend in der Praxis taten. An formalistischen Debatten und abstrakten Strukturen hatten sie wenig Interesse, an entsprechenden Posten noch viel weniger. So haben sie dieses Feld vernachlässigt und es anderen überlassen. Vielleicht ein verhängnisvoller Fehler. Wo sie sich jedoch gegen den aufkommenden »demokratischen Zentralismus« der »Apparatschiks« wehrten, wurden sie rasch und effektiv abserviert, wie es Ignacio Lamata von der CNT desfederada im Interview so lebendig und emotional geschildert hat.

Wie dem auch sei: das reale Leben geht trotz aller Bannflüche weiter und mit ihm auch die realen Erfahrungen, die der Anarchosyndikalismus Tag für Tag macht. In Wirklichkeit befindet sich nämlich das anarchosyndikalistische Projekt heute weltweit in einem Umbruch, der sich endlich von der Perspektive des Jahres 1936 zu einem Blickwinkel der Gegenwart bequemt. Wohin dies führt und wie ›gefährlich‹ dieser Umbruch für die revolutionären Ziele des Anarchosyndikalismus werden könnte, ist zugegebenermaßen noch völlig offen – aber durch Angst und Tabuisierung natürlich nicht zu klären. Sicher ist jedenfalls, dass die anarchistische Gewerkschaftsidee auch im 21. Jahrhundert noch in der Lage ist, die Arbeiterschaft zu begeistern – das zeigen der rasante Aufstieg der CGT ebenso wie der ein oder andere Punktsieg anderer anarchosyndikalistischer Organisationen in diversen Ländern. Wie ein ›zeitgemäßer Anarchosyndikalismus‹ konkret und im Detail aussehen sollte und welche Chancen er gegen die etablierten Gewerkschaften haben könnte, hängt von vielen Faktoren ab, die zudem noch von Land zu Land sehr unterschiedlich sind: von der sozioökonomischen Lage, der Gesetzgebung, den politischen Traditionen und nicht zuletzt auch vom Selbstbewusstsein und von der kämpferischen Mentalität der Menschen. Und da über allem auch noch die globale neoliberale ›Großwetterlage‹ schwebt, kann niemand diese Chancen wirklich prognostizieren. Das ist auch nicht Thema dieses Essays, der lediglich der Frage nachgeht, ob ein zeitgemäßer Anarchosyndikalismus überhaupt eine Chance hat, sich zunächst einmal im eigenen Lager durchzusetzen – oder ob sich die Libertären doch lieber selbst im Wege stehen möchten. Selbstverständlich ist es die Aufgabe derjenigen Aktivisten, die täglich in realen anarchosyndikalistischen Kämpfen ihres Landes agieren, ihre Chancen selbst einzuschätzen und ihre Formen und Strukturen selbst zu bestimmen. Deshalb wollen sie ja auch miteinander darüber reden.

Dass Anarchosyndikalisten in aller Welt inzwischen ebenso interessante wie differenzierte Erfahrungen mit all den Dingen gemacht haben, die bei der AIT seit 1936 im Sündenregister stehen, und dass sie diese Erfahrungen gerne frei und offen diskutieren würden, ist eine Tatsache. In der AIT ist das zwar nicht erlaubt, dennoch geschieht es. Und das führt unentwegt zu Spaltungen und Brüchen, zu Tabuisierungen und Denkverboten, die seit Jahrzehnten wie ein lähmendes Gift durch die internationale Community des Anarchosyndikalismus sickern und dessen Schlagkraft dramatisch schwächen.

Insider haben sich mittlerweile schon daran gewöhnt, und die Spaltungshistorie in ihren alltäglichen Polit-Jargon übernommen. Ebenso selbstverständlich wie man heute in Barcelona von der CNT Medinacelli oder der CNT Joaquín Costa spricht, hat man in Italien lernen müssen, von der USI di Roma zu sprechen oder in Frankreich von der CNT Vignolles, um sie von den ›echten‹ Anarchosyndikalisten zu unterscheiden. Denn inzwischen hat die AIT nicht nur in Spanien, Italien und Frankreich ›erfolgreich‹ die Spreu vom Weizen getrennt, sondern auch in Ländern wie Australien oder Norwegen, wo der Anarchismus ohnehin äußerst schwache Wurzeln hat. Überhaupt macht die Arbeit des AIT-Sekretariats zunehmend den Eindruck, als diene sie nur noch der ›Reinheit der Lehre‹.

Auch in Deutschland schwebt das Damoklesschwert des Ausschlusses schon seit Jahren über der FAU, die sich auch nicht so recht ›auf Linie‹ bringen lassen möchte und partout auf ihrer Autonomie besteht – und dem Recht, selbst denken zu dürfen. In den internen Debatten dieser Organisation wird die Attitüde der IAA – wie die AIT auf deutsch heißt – mittlerweile als »Bespitzelung durch ein Kontrollkomitee« empfunden und auch so bezeichnet; die Stimmung in der Internationalen sei inzwischen gar »von Weltfremdheit und Paranoia« geprägt. Und ein FAU-Aktivist bringt die Aussichten für die Zukunft treffend auf den Punkt, wenn er zu bedenken gibt: »… klar ist, dass ohne FAU und USI die IAA so ziemlich am Ende [wäre]. Und inzwischen scheint diese Entwicklung auch unausweichlich. Sie bedeutet das Ende der Tradition und der Nostalgie und man wird ein paar Tränen vergießen, aber sie bedeutet für uns auch neue Chancen für die Zukunft, eine neue Freiheit zu agieren und nach adäquaten Konzepten zu suchen, ohne einem neuen Reformismus zu verfallen.«

Es wäre in der Tat traurig, wenn die AIT zugrunde ginge – nicht nur aus Gründen von Tradition und Nostalgie. Denn immerhin ist sie die einzige real existierende internationale Organisation des Anarchosyndikalismus – und zu behaupten, alle ihre Mitglieder und Organisationen seien ebenso rückwärtsgewandt und verbohrt wie ihre Repräsentanten, wäre genauso borniert wie deren Urteile über die »Abweichler«.

Ob aber die Internationale noch zu retten ist, steht dahin. Im Augenblick jedenfalls befindet sie sich mit Volldampf auf dem direkten Kurs zu einer weltanschaulichen Sekte, die sich vor lauter Prinzipientreue hartnäckig weigert, sich der Welt des 21. Jahrhunderts zu stellen und sich der realen Probleme der Menschen im Hier und Heute anzunehmen. Solange andere Sichtweisen nicht einmal zur Kenntnis genommen und offen diskutiert werden dürfen, besteht indes wenig Hoffnung, den vergreisten Patienten AIT von seinem Altersstarrsinn noch kurieren zu können.

 

Anti-Aging für die Anarchie?

 

Abhilfe dürfte allerdings kaum aus den sklerotischen und verkrusteten Strukturen selbst erwachsen; sie kann wohl nur aus den konkreten Erfahrungen realer Kämpfe in wirklichen Gewerkschaften und aktiven Bewegungen entstehen. Was hat uns Barcelona heute in dieser Hinsicht an Erfahrungen und Alternativen zu bieten?

Vielleicht finden wir ja hier schon einige Zutaten für eine wirksame ›Anti-Aging-Kur‹ gegen die Senilität der Konzepte und die pathologische Fixierung auf die Vergangenheit? Nicht nur für den kriselnden syndikalistischen Bereich der anarchistischen Bewegung, sondern für die Gesamtheit des libertären Lagers. Eine Art Frischzellenkur, die dem stagnierenden Diskurs für eine befreite und selbstverwaltete Gesellschaft zu neuer Dynamik verhelfen könnte…? Denn das ist schließlich die Quintessenz des »anarchosyndikalistischen Projekts«: die Verwirklichung jenes positiven Gesellschaftsentwurfs namens Anarchie, einer Welt ohne Herrschaft, ohne Ausbeutung, ohne Lohnsklaverei. Einer Welt übrigens, in der man dann auch keine Gewerkschaften mehr bräuchte – bei deren Verwirklichung sie jedoch die zentrale Rolle spielen könnten. Vorausgesetzt, sie sind wirklich revolutionär und vernetzen sich gemeinsam mit all den vielen anderen libertären Projekten zu einer starken, virulenten Bewegung, die sich Schritt für Schritt verdichtet, die nicht nur träumt, sondern neue Realitäten schafft.

Schauen wir uns also an, was der Streifzug durch die anarchophilen Winkel Barcelonas in dieser Hinsicht gebracht hat. Welche ›therapeutischen Elemente‹ könnten die einzelnen Gruppen, Gruppierungen und Szenes, die wir kennengelernt und die sich vorgestellt haben, zu einer Anti-Aging-Kur beisteuern? Und wie ließe sich am Ende aus all diesen ›Anwendungen‹ vielleicht ein gescheiter ›Therapieplan‹ aufstellen, der der Anarchie nicht nur die Runzeln aus dem Gesicht vertreibt, sondern sie auch fit genug macht, um auf dem Tanzboden der sozialen Kämpfe wieder den heißesten Befreiungs-Rock ‘n’ Roll zu tanzen?


Was die CNT auténtica angeht, so hatten wir bereits gesehen, dass sie – zumindest in Barcelona – nicht gerade mit einer bestechenden Zukunftsstrategie aufwarten kann und wohl eher auf ›bessere Zeiten‹ zu warten scheint, in der die Arbeiter endlich ›aufwachen‹. Dass sie indes nicht passiv abwartet, sondern sich mutig und engagiert den deklassierten ›Randgruppen‹ zuwendet und sich hier mit radikaler Kampfeslust einen guten Ruf als radikal andere Gewerkschaft erstreitet, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn der Sektor des ›klassischen‹ Arbeiters, des gut bezahlten Angestellten mit anständigem Arbeitsvertrag, bröckelt überall in der globalisierten Welt des Neoliberalismus – das Prekariat wird allenthalben wachsen und zu einer bedeutenden sozialen Realität werden, die große Mengen an sozialem Sprengstoff in sich birgt. Auch die Versuche der CNT, sich nach Jahren des Niedergangs wieder vermehrt ihrer traditionellen Rolle als Gewerkschaft zuzuwenden – etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe –, ist ein positiver Ansatz. Hier könnte sich in praktischem Experiment und offenem Wettstreit zeigen, welches Konzept tauglicher ist: die Gewerkschaftssektionen der CNT oder die Betriebsräte der CGT. Im besten Fall könnten aus gemeinsamen Aktionen und kritischer Bilanz sogar neue, kämpferischere Formen entwickelt werden – vorausgesetzt, man betrachtet sich nicht länger als ›Feinde‹, sondern tauscht die Erfahrungen offen miteinander aus – als ›Genossen mit unterschiedlichen Konzepten‹.

Der wichtigste Beitrag, den die CNT auténtica jedoch zum Anti-Aging beisteuern könnte, ist sicherlich die Power ihrer Aktivisten, die ungetrübte jugendliche Radikalität ihres kämpferischen Elans. Würde diese Energie doch nur nicht in sterilen, rückwärtsgewandten  Fraktionskämpfen so sinnlos verpulvert!

Wenn diese CNT bei all ihrer Hingabe an die glorreiche Geschichte ihrer Organisation auch endlich die geschichtliche Dialektik der historischen CNT verstehen wollte, müsste sie eigentlich begreifen, dass sie heute zum klassischen ›Rezept‹ des Anarchosyndikalismus genau jene Zutaten beisteuern könnte, ohne die sich die anarchistische Pizza nicht backen lässt: das radikale Element – oder, um im Bild zu bleiben: die Peperoni, die Salami, das Salz, den Chili und den Majoran. Denn ohne diesen Part bliebe der gewerkschaftliche ›Hefeteig‹, den die im Vergleich zur CNT eher beschauliche CGT inzwischen angerührt hat, nur die sterile notwendige, aber eben nicht hinreichende Voraussetzung für eine Revolution, die den Leuten auch wirklich schmecken würde.

 

Bei der CNT desfederada hadert man offenbar intensiv mit der Vergangenheit und sitzt schimpfend auf einem Scherbenhaufen, redlich bemüht zu beweisen, dass man am Ende doch Recht hatte und die anderen Unrecht. Das ist vermutlich sogar richtig, führt aber nirgends hin.

Dabei waren die wirklich relevanten Gründe für die Spaltung – nicht die zahlreichen vorgeschobenen rhetorischen Nebelkerzen – durchaus interessante Indizien für einen vorausschauenden und modernen anarchosyndikalistischen Diskurs bei den desfederados. Ging es dabei doch um so wichtige Fragen wie die interne Demokratie, die Autonomie der Syndikate und das Primat horizontaler Strukturen gegenüber der Macht der Komitees. Allesamt Strukturelemente, die, wenn sie in einer kämpferischen Gewerkschaft konsequent angewandt würden, diese auch heute noch für Arbeiter und Angestellte attraktiv erscheinen ließe – und sich so zu einer ernsten Konkurrenz für die reformistischen Gewerkschaften entwickeln könnten. Sogar bei uns in Deutschland. Aber leider werden hieraus offenbar keine wirklichen Konsequenzen gezogen, keine innovativen Schritte eingeleitet, keine vorausschauenden Strategien entwickelt. Stattdessen wartet man lieber auf eine ›Entschuldigung‹ – und alles verliert sich dadurch irgendwie im rückwärtsgewandten Groll. Dem aber immerhin solch ebenso apodiktischen wie zutreffenden Urteile zu verdanken sind wie die Einschätzung der heutigen FAI, deren einzige Funktion Genosse Lamata darin sieht, »sich die Komitees unter den Nagel zu reißen, um sie zu kontrollieren«.

Auch was die angeblichen anarchosyndikalistischen Todsünden angeht, zeigte sich zumindest mein Interviewpartner erstaunlich nachdenklich und offen für neue Wege. Denn Ignacio Lamata weiß als erfahrener Veteran der Bewegung natürlich, dass die Präsenz im Betriebsrat keinesfalls automatisch in Reformismus und Korruption enden muss, sondern gerade einer radikalen Gewerkschaft wie der CNT ein ganzes Bündel von Vorteilen bieten könnte: den Schutz der Aktivisten vor Repression, die Agitationsfreiheit im Betrieb, eine solidere Basis für die direkte Aktion. Und vor allem: den direkten Kontakt zur realen Arbeiterschaft, der beiden Fraktionen der CNT in den letzten Jahren Schritt für Schritt abhanden gekommen ist. Ignacio tritt sogar offen dafür ein, dass die Betriebsräte »eine Option« sein müssten, stößt in seiner Organisation jedoch noch überwiegend auf Skepsis. Bezeichnenderweise aus Angst davor, dass sich einmal gewählte Betriebsräte quasi automatisch zu korrupten Monsterfunktionären entwickeln müssten, zu »Lebemännern«, wie er sagt. Ist das Vertrauen in die Integrität der eigenen Genossinnen und Genossen wirklich so schwach? Hat man sich wirklich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie dieser Gefahr durch entsprechende Gegenmaßnahmen und Strukturen zu begegnen wäre? Bei der CGT ist dies längst geschehen und dort verfügt man inzwischen über einen Erfahrungshorizont von einem Vierteljahrhundert. Aber mit denen redet selbst ein so undogmatischer CNTista wie Ignacio Lamata nicht gerne…

Was bei alldem erstaunt, ist die tiefsitzende Angst vor Risiken. Man scheint ganz allgemein den Kontakt mit der realen Gesellschaft zu scheuen, weil man hier ja mit allem Bösen, was in Staat, Kapital, Medien und Konsum steckt, in Berührung kommen könnte! Und überall dort lauert ganz verführerisch die Gefahr der Korrumpierung. Von einem virtuosen und listigen Umgang mit der bürgerlichen Welt, einer taktischen Ausnutzung der Ressourcen unserer Gegner, wie sie bei der CGT mit geradezu subversivem Vergnügen betrieben wird, ist man hier noch weit entfernt. Andererseits ist alles, was mir bei der CNT desfederada aus der täglichen Praxis berichtet wird, ebenfalls inmitten der bürgerlichen Welt angesiedelt und Teil der legalen staatlichen Strukturen: die gewerkschaftliche Rechtsberatung ebenso wie die selbstverwalteten Betriebe oder der Kampf um höhere Abfindungen. Seit wann aber hält denn das bloße Risiko, eventuell zu scheitern oder sich zu irren, die Anarchosyndikalisten davon ab, zu handeln?! Fast bin ich geneigt zu fragen, ob man aus derselben Angst vor ›Ansteckung‹ nicht auch grundsätzlich ein Bankkonto ablehnen müsste oder die staatliche Rentenversicherung.

Ansonsten herrscht in der Calle Joaquín Costa eher Ratlosigkeit. »Wie schafft man es«, werde ich gefragt, »überhaupt an das Bewusstsein von Leuten heranzukommen, die von den Medien auf Konsum und Individualismus getrimmt und entsolidarisiert worden sind? Weiß die FAU das? Sagt es mir!« Einstweilen versuchen es die desfederados mit kleinen Schritten und engem Schulterschluss: Nahziel ist der gemeinsame Auftritt auf der traditionellen Demo zum 1. Mai. Angesprochen sind nicht nur »alle Schwarzroten« (einschließlich der CGT!), sondern auch die zahlreichen antiautoritären und emanzipatorischen Bewegungen Barcelonas. Immerhin! Denn die ›offizielle‹ CNT pflegt zur übrigen libertären Szene der Stadt eher ein distanziertes Verhältnis. Aber auch dieser Bloque Negro ist wohl nicht der Knaller gewesen, den Ignacio Lamata sich gewünscht hätte. Eine gemeinsame Demo aller Anarchosyndikalisten kam auch in diesem Jahr nicht zu stande – und im Sommer erschien eine Sondernummer der dissidenten Solidaridad Obrera, in der seitenlang die interne Manöverkritik zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen zelebriert wurde.

Nach dem großen, zukunftsweisenden Entwurf sieht auch das alles nicht aus. Aber immerhin nach einer gewissen selbstkritischen Offenheit, bereit, eventuell auch neue Wege jenseits der alten Dogmen zu gehen.

Damit wäre die CNT desfederada prädestiniert, Brücken zu bauen. Mit der großen praktischen Erfahrung ihrer Aktivisten aus der mittleren Generation, ihrem geschärften Gespür für Gerechtigkeit und Anstand in den internen Strukturen der Organisation, ihrem Mix aus radikalem Denken und pragmatischem Realismus, was die Realität in den Betrieben angeht. Sie scheint heute ziemlich genau zwischen dem kämpferischen aber etwas reflexionsarmen Aktionismus der CNT auténtica und der soliden aber etwas routinierten Gewerkschaftsarbeit der CGT zu stehen. Und: sie unterhält zu beiden immerhin noch Kontakte. Somit könnte sie, sofern sie zum Dialog bereit ist, bei der Anti-Aging-Kur quasi für ein ausgewogenes peeling im verschrumpelten Gesicht der Anarchie sorgen, ohne gleich die ganze Haut mit abzurubbeln.

           

Beim Besuch der CGT erlebte ich im Vergleich zu all der Rat- und Perspektivlosigkeit bei Barcelonas traditionellen Anarchosyndikalisten die positivste Überraschung. Vor allem aus dem einfachen Grund, weil hier eine anarchosyndikalistische Organisation tatsächlich gewerkschaftliche Arbeit leistet. Nicht im Wolkenkuckucksheim von Historie und Theorie, sondern ganz real im Leben von millionen arbeitender Menschen. Mit zehntausenden von Mitgliedern überall im Land. Und ganz offenbar mit Lust und Dynamik, mit Kraft und undogmatischer Offenheit für Experiment und Risiko.

Ich habe mich seit meiner Rückkehr oft gefragt, ob ich mich in der Vía Layetana nicht habe blenden lassen. Ich weiß, ich bin ein begeisterungsfähiger Typ, der bisweilen zur Jovialität neigt, was nicht unbedingt von Vorteil ist wenn es darum geht, kritisch zu sein. Natürlich hat mir die freundliche und lockere Atmosphäre gefallen; auch die quirlige Geschäftigkeit in den Räumen der einzelnen Syndikate hat mir imponiert. Und ohne Frage habe ich mich in einem anarchistischen Archiv außerordentlich wohl gefühlt – fast wie zu Hause…

Es kann natürlich sein, dass mich all das in meinem revolutionären Standpunkt »korrumpiert« hat – ganz so, wie sich das die AIT-Hardliner in ihren schlimmen Albträumen vorstellen. Hat die CGT tatsächlich so viele Mitglieder wie sie angibt? Schafft sie es wirklich, das Primat der betrieblichen Basisdemokratie gegen den Einfluss der ›Funktionäre‹ durchzuhalten? Stimmt es, dass ihre Gewerkschaftsarbeit radikaler ist als die der Reformisten – und vor allem: verändert sie die Gesellschaft oder wird sie von der Gesellschaft geschluckt? Offene Fragen, die letztlich nur dann beantwortet werden können, wenn die anderen Anarchosyndikalisten in aller Welt sich dazu bequemen, die Erfahrungen der CGT überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und ihre Arbeit über längere Zeit genauso unvoreingenommen und solidarisch zu beobachten, wie sie das mit anderen libertären Organisationen tun. Ich selbst war nur eine Woche in Barcelona. Auch halte ich mich weder für einen ›Gewerkschaftsfachmann‹, noch fühle ich mich dazu berufen, den Weg der CGT als ›den richtigen‹ darzustellen. Ob es ein zielführender Weg zu einer libertären Gesellschaft ist, kann ich nicht wissen, ebensowenig, wie ich das bei der CNT oder der FAU weiß. Aber ein interessanter, ein vielversprechender Weg ist das, was diese Gewerkschaft auf die Beine stellt, allemal.

Eigentlich glaube ich auch nicht, dass ich so naiv bin, mich von ein paar chicen Büros, modernen Computern und schwarzroten Fahnen derart beeindrucken zu lassen, dass man mir mal eben einen ›potjemkinschen Anarchosyndikalismus‹ unterjubeln könnte. Aber letztlich ist das ohne Belang. Denn für die CGT wie für die CNTs gilt gleichermaßen, dass ich mich bei meiner Reportage nur auf den Augenschein verlassen konnte – und auf das, was man mir in den Interviews sagte. Und was das angeht, so gaben mir Auge und Ohr bei der CGT übereinstimmend dasselbe Signal: Was ich hier erfuhr, war sowohl das Innovativste wie auch das Plausibelste, was ich vom anarchosyndikalistischen Barcelona zu sehen und zu hören bekam. Wer die Interviews liest und vergleicht, mag sich sein eigenes Urteil bilden.

Überzeugend wirkte auf mich vor allem, dass Ángel Bosqued, mein Interviewpartner bei den CGTistas, nicht einmal den Versuch unternahm, die Kritiken aus dem anarchistischen Lager abzutun; sie werden nämlich durchaus ernst genommen. Und die Antworten, die er mir im Einzelnen gab, zeigten, dass manche Kritiken punktuell berechtigt sind, andere hingegen als törichter Humbug angesehen werden müssen. Am beeindruckendsten jedoch war die Offenheit, mit der man bei der CGT auch über Misserfolge spricht – und gleichzeitig im Detail erläutert, wie man in der Praxis versucht, die gefährlichen Klippen von Reformismus, Korrumpierung und Saturiertheit zu umschiffen. Hieraus ergab sich das Gesamtbild einer funktionierenden anarchosyndikalistischen Struktur, bei der es zwar stellenweise im Getriebe knirscht, die aber mit Sicherheit transparenter und basisdemokratischer – sprich: anarchistischer – ist, als die kläglichen Intrigenspielchen in den Komitees der CNT, von denen die desfederados so anschaulich zu berichten wussten. Zu guter Letzt hat mich als Journalist natürlich gefreut, dass ich in der Vía Layetana auf klare Fragen auch klare und kohärente Antworten bekam. Von meinen anderen Interviewpartnern lässt sich das nicht unbedingt behaupten.

Ohne Frage ist die CGT eine in der Wolle gefärbte anarchosyndikalistische Organisation, die sich selbst als Teil der libertären Bewegung versteht, in der sie auch bestens verankert ist. Das sieht man in Barcelona fast in jeder einschlägigen Lokalität. Gewiss entspricht ihr Konzept des Anarchosyndikalismus nicht den gegenwärtigen Statuten der AIT, aber gerade das scheint ihre Virulenz auszumachen und ihre Stärke zu begründen. Denn die CGT sieht sich exakt in der Tradition der historischen CNT in den Jahren vor der revolutionären Situation von 1936, als das Zusammenspiel von gewerkschaftlichen und revolutionären Kräften innerhalb einer einzigen, starken Konföderation überhaupt erst die Kraft generierte, die dann die Revolution möglich machte.

Entsprechend klar sind die Vorstellungen, die man hier für die Zukunft des Anarchosyndikalismus entwickelt hat: Überwindung der Spaltungen mit Hilfe jener jungen Aktivisten der neuen Generation, die von den endlosen Polemiken die Nase voll haben – und schrittweiser Einstieg sowohl in den konstruktiven Dialog über die Theorie als auch in die punktuelle  Zusammenarbeit in der Praxis. All dies in dem klaren Bewusstsein, dass das anarchosyndikalistische Projekt die Power der radikaleren Kräfte, wie sie in der CNT und anderswo zu finden sind, genau so nötig braucht wie die solide gewerkschafliche Aufbauarbeit, wie sie die CGT leistet. Erst aus der Kombination beider Elemente könne jene Mischung entstehen, die im geeigneten Augenblick zur ›kritischen Masse‹ kulminiert.

Unverzichtbarer Bestandteil dieses Szenarios aber sei die Restauration der libertären Alltagskultur jenseits der Syndikate – jene virulente, an-archische Gegengesellschaft aus kulturellen, ökonomischen und politischen Projekten in den Städten und auf dem Lande, in jedem Viertel und in allen gesellschaftlichen Gruppen. Hier pflegt die CGT nicht nur den Kontakt, hier ist sie selbst seit Jahren aktiv und unterstützt beharrlich und unspektakulär die verschiedensten Iniativen, weit weg von der eigentlichen gewerkschaftlichen Arbeit. Denn schließlich, so ist Ángel Bosqued überzeugt, müssten »alle unsere Kämpfe in der Praxis und in der Theorie auf ein einziges Projekt zusammenlaufen, das jeder Mensch verstehen kann, ohne dass er vorher Bakunin oder Malatesta lesen muss.«

Klar, dass Organisationen wie die CGT in einem nach vorne schauenden anarchosyndikalistischen Zukunftskonzept die Funktion eines kraftvollen und zuverlässigen Motors bestens ausfüllen könnten. Ohne Motor fährt kein Auto, ohne Teig gibt’s keine Pizza und ohne Gewerkschaften keinen Syndikalismus. Die CGT ist jung, sie ist stark, sie ist dynamisch. Und sie ist – entgegen allen Gerüchten – libertär aus vollster Überzeugung. Da sie darüber hinaus auch offen ist und (ganz im Gegensatz zu vielen anderen Anarchoorganisationen) fähig zur kritischen Selbstreflexion, wäre es ebenso arrogant wie töricht, auf die ausgestreckte Hand zu spucken und diese innovative Kraft weiterhin zu ignorieren, wie das in manchen Anarchokreisen nach wie vor angesagt scheint.

            Und wenn wir noch einmal die Metapher vom Anti-Aging bemühen wollen: Die CGT scheint mir im Moment der einzige Körper im anarchosyndikalistischen Lager zu sein, der als Spender für eine Frischzellenkur überhaupt in Frage käme.

 

Jene libertäre Alltagskultur, deren Bedeutung bei der CGT so stark betont wird, bildete die letzte Station meiner Reportage – und zugleich die angenehmste. Nach all den Geschichten voller Ränke und Kabale, Spaltereien und Ausschlüssen tat es gut, tief durchzuatmen und einen intrigenfreien Raum zu betreten, in dem die verschiedensten Projekte und Initiativen sich offenbar nicht als Konkurrenten sehen, sondern als komplementäre Alternativen im gemeinsamen Bestreben für eine freie Gesellschaft.

Da ich hier nicht über anarchistische Exegese und Fraktionskriege berichten muss, fällt das Resümé dieses Besuches kurz aus:

 

Auch im ›alternativen Barcelona‹ sehen sich viele Menschen durchaus noch in der Tradition des klassischen anarchosyndikalistischen Diskurses – als aktiver Teil in der Dualität aus gewerkschaftlichem Kampf und dem zeitgleichen Aufbau einer aktiven, subversiven und virulenten Gegengesellschaft im Alltag der Menschen. Das zeigt sich nicht zuletzt an vielen gemeinsamen Aktionen, Projekten und Demonstrationen – naturgemäß am intensivsten mit der CGT, aber auch mit der CNT desfederada. Allerdings hat das Vertrauen auf die Durchschlagskraft des anarcosindicalismo in den letzten Jahrzehnten verständlicherweise sehr gelitten – man hat diese Krise zur Kenntnis nehmen müssen und sich mit ihr arrangiert. Aber nicht resigniert. Wenn sich die sindicalistas untereinander zerfleischen, muss es halt auch ohne sie weitergehen. Und dass es weitergegangen ist, habe ich bei meinem Besuch immer wieder feststellen können. Die meisten Projekte, die ich zuletzt auf meinen Reisen in den neunziger Jahren gesehen hatte, haben sich gut entwickelt und nachhaltig in ihrem sozialen Umfeld verankert. Einige haben sich beachtlich vergrößert und bei manchen hat eine zweite Generation inzwischen ›Ableger‹ gebildet. Und viele neue sind hinzugekommen, so dass der urbane Raum von immer mehr formellen und informellen Netzwerken durchzogen wird.

Natürlich gibt es auch in Barcelona offene und hermetische Projekte, innovative und sterile, undogmatische und dogmatische – manche erreichen die Menschen der Stadt, andere kapseln sich lieber in ihren jeweiligen Szene-Ghettos ab. Aber in ihrer Gesamtheit scheint sich das alternative Barcelona unumkehrbar auf den Weg gemacht zu haben: weg von einer politfolkloristischen ›Nischenkultur‹, hin zu einer selbstbewussten ›Gegengesellschaft‹, die zunehmend auch in der Lage ist, die ›Normalbürger‹ anzusprechen. Als Franco 1974 starb, gab es von all dem nicht einmal eine Spur –  inzwischen ist eine Dichte erreicht, die es zunehmend schwerer macht, diese soziale Realität zu ignorieren.

Auffallend ist, wie unverkrampft sich hier politisch unterschiedlich gefärbte Gruppen begegnen, die in Deutschland vermutlich im Clinch miteinander lägen, fleißig bemüht, herauszufinden und zu kommunizieren, was sie trennt und warum diese Unterschiede so enorm wichtig sind… Hier scheint man – so war wenigstens mein Eindruck – eher das Gemeinsame zu suchen, nicht das Trennende. Eine junge Frau aus dem Projekt-A-Dunstkreis hat das in frappierender Schlichtheit so begründet: »Warum sollte ich meine knappe Zeit damit vergeuden, den anderen ständig in den Topf zu gucken und ihnen sagen, was sie alles anders machen müssten, weil ich es anders machen würde!? Ich hab’ doch genug damit zu tun, meine eigene Suppe zu kochen. Und weiß ich denn, ob ich alles richtig mache? Wichtig ist doch, dass überhaupt jemand kocht!« Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht, dass eine solche Sichtweise zum Anti-Aging der Anarchie mehr beitragen würde als alles peeling, alles politische Make-up und alle Frischzellenkuren zusamengenommen.

 

Wer eine Pizza backen will, braucht nicht nur Hefeteig und Belag, sondern auch einen heißen Backofen. Und wer eine anarchistische Gesellschaft anstrebt, braucht das richtige soziale Umfeld. Ein Milieu, in dem die Alternativen gedeihen, wo die Menschen ihre Ängste vor der Utopie verlieren können, weil sie in kleinen Schritten beginnen, das Utopische schon hier und heute im Alltag zu leben. Ein lebendige ›Gegenkultur‹, in der die neue Gesellschaft in der Gestalt vieler kleiner ›Embryos‹ ebenso heranreifen kann, wie in einer revolutionären Gewerkschaft, in der die Arbeiter ebenfalls Schritt für Schritt lernen, dass sie ihre Arbeit und ihre Interessen tatsächlich selbst und direkt in die eigenen Hände nehmen können.

 

Therapieplan für eine nachhaltige Anti-Aging-Kur

 

Auf beiden Baustellen – Gegengesellschaft und Gegengewerkschaft – wird in Barcelona seit Jahren fleißig gearbeitet. Nur scheint irgendwie der gemeinsame Bauplan abhanden gekommen zu sein. Die einen gießen das Fundament, während die anderen sich darüber zerstreiten, wie die Dachsparren aussehen sollen – derweil wieder andere schonmal anfangen, eine Suppe zu kochen, damit wenigstens was zum Essen da ist. Es herrscht Chaos auf der Baustelle…

Um den gemeinsamen Bauplan wiederzufinden und den krankhaften Streit zu beenden, braucht es einen Therapieplan, den alle akzeptieren. Und der ist im Prinzip ganz einfach.

Jeder, der im libertären Barcelona mitmischt, hat wertvolle Zutaten, die er in die Therapie einbringen kann. Keiner kann auf Dauer ohne die Zutaten des Anderen auskommen – und schon gar nicht erfolgreich sein. Das Rezept liegt auf dem Tisch und besteht im Grunde nur darin, die Zutaten vernünftig zusammenzubringen. Dem steht eigentlich nur ein Hindernis entgegen: der fehlende Blick auf’s Große und Ganze – der mangelnde Wille, die Gemeinsamkeiten auf der großartigen Baustelle des anarchistischen Gesamtprojekts zu suchen und zu erkennen – und folgerichtig auch die Begrenztheiten des jeweils eigenen Gewerks zu begreifen.

Ich weiß, das klingt ebenso schwülstig wie naiv. Aber das haben Metaphern so an sich. Trotzdem glaube ich, dass ein anschaulicher  Vergleich – ebenso wie eine treffende Polemik – bisweilen mehr Klarheit schafft als jedes theoretische Manifest. Und obwohl ich die Verbissenheit und Intransingenz meiner anarchistischen Genossinnen und Genossen nur allzu gut kenne, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass hin und wieder doch der gesunde Menschenverstand über die ideologische Rechthaberei zu siegen vermag. Vielleicht gerade deshalb, weil jemand es wagt, ein völlig verfahrenes Problem im richtigen Moment mit der frechen und erfrischenden Naivität eines Kindes zu betrachten.

Der Stufenplan der Therapie wäre also abgesteckt: Dialog – Vertrauen schaffen – schrittweise Annäherung in Praxis und Theorie – offene Debatte der Erfahrungen – Wiedervereinigung aller Anarchosyndikalisten in einer gemeinsamen Konföderation aller Strömungen… Und parallel dazu den Aufbau und die intensive Pflege einer Vernetzung mit allen Gruppen, Initiativen und Projekten, die ebenfalls im weitesten Sinne eine libertäre Gesellschaft anstreben. Ein erstes hoffnungsvolles Indiz für die Möglichkeit dieses Weges flatterte mir übrigens kurz vor Fertigstellung dieses Buches auf den Schreibtisch: das gemeinsame Manifest libertärer Gewerkschaften aus dem Gesundheitsbereich gegen die Privatisierung der Krankenhäuser von Madrid. Einträchtig unterschrieben von CGT, CNT und der ebenfalls dissidenten madrider Gruppe Solidaridad Obrera. Es geht also.

 

Voilà…! Mit den Anwendungen unserer Anti-Aging-Kur könnten wir also alle noch heute beginnen. Der erste Schritt, der bekanntlich immer am schwersten fällt, bestünde ja nur in einer ganz simplen Übung: Einfach die Erfahrungen, die andere Gesinnungsgenossen in anderen Zusammenhängen mit anderen Strategien gemacht haben, unvoreingenommen anzuschauen.

 

 

*  *

 

Postskriptum:  Ich fürchte, man könnte den Eindruck gewinnen, ich hätte in diesem Essay versucht, den Anarchistinnen und Anarchisten von Barcelona Nachhilfeunterricht zu erteilen, um ihnen als typisch deutscher Besserwisser mal zu zeigen, wo’s lang geht. Das war natürlich nicht meine Absicht; weder in der Reportage, noch in meinen Reflexionen. In der Hauptsache wollte ich die deutsche Leserschaft informieren und inspirieren, im Besonderen natürlich die deutschen Libertären und meine Weggefährtinnen und -gefährten in der wackeren, kleinen FAU. Gerade uns Deutschen stünde es schlecht zu Gesicht, zum spanischen Anarchismus mal fix ein Urteil abzusondern. Vergessen wir nicht, dass es alleine in Barcelona vermutlich mehr libertäre Menschen gibt als in ganz Deutschland, die – trotz aller Querelen und Probleme – jeweils auf ihre Weise versuchen, die Idee der Anarchie voranzubringen. Genau aus diesem Grunde bin ich auch der Meinung, dass wir in Deutschland viel aus den Erfahrungen lernen können, die in Spanien gemacht wurden und werden. Und deshalb habe ich mir im Essay das Recht zugestanden, den Gedanken, die sich mir als Libertärer aus Deutschland zur Situation in Spanien aufdrängten, frei zu folgen und ihnen keinen diplomatischen Maulkorb zu verpassen. 

Falls aber die Libertären in Spanien oder anderswo auch Anregungen aus diesen Gedanken eines forastero curioso ziehen, sollte mich das natürlich freuen.

 

Vorabdruck aus dem Buch »Anti-Aging für die Anarchie? – Das libertäre Barcelona und seine anarchistischen Gewerkschaften 70 Jahre nach der Spanischen Revolution« (187 S.), das in Kürze im Verlag Edition AV erscheint.


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