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Kampf gegen Hitler - Zum politischen Widerstand gegen das NS-Regime im Rhein-Main-Gebiet

Im Zwischenfeld der beiden großen Arbeiterparteien bzw. links von diesen positioniert waren während der Weimarer Republik verschiedene kleinere Parteien und Organisationen entstanden, oftmals als Abspaltungen von SPD oder KPD.[30] Fast ausnahmslos hatten diese Kräfte, die ihre Anhänger ideologisch auf den proletarischen Klassenkampf orientierten[31], von vornherein für ein gemeinsames Vorgehen der gesamten Arbeiterbewegung gegen den heraufziehenden Nazi-Faschismus plädiert. Meist hatten sie sich schon früh auf die Fortführung ihrer politischen Arbeit unter konspirativen Bedingungen eingestellt, etwa durch Umstellung ihrer Strukturen auf das Fünfergruppensystem, und sich daher entsprechend zügig der Verfolgungssituation, die mit der Machtübertragung an Hitler eingetreten war, anzupassen vermocht. Wegen ihrer generell sowie örtlich vergleichsweise schwachen Strukturen kannten sich ihre Mitglieder untereinander vielfach recht gut, wodurch den faschistischen Verfolgungsbehörden das Einschleusen von Spitzeln deutlich erschwert wurde. Außerdem rückten sie ganz einfach auch wegen ihrer geringeren politischen Relevanz erst allmählich ins Visier der Nazi-Fahnder. Ihre Entschlossenheit zum Widerstand und ihr dabei unter Beweis gestellter Mut kompensierten ihre geringe Organisationsstärke allerdings bei weitem.[32] Dies belegen auch ihre konspirativen Strukturen im Rhein-Main-Gebiet.[33]

Widerstand proletarischer Kleinorganisationen

Die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) war die bedeutendste jener proletarischen Kleinorganisationen. Im Frühjahr 1933 waren reichsweit etwa 15.000 ihrer Anhänger zur Aufnahme der Untergrundarbeit bereit.[34] Um die Gefahr von Spitzeleinbrüchen zu verringern, wurden - so jedenfalls im Rhein-Main-Gebiet - schon bald keine neuen Mitstreiter mehr in die konspirativen Zellen aufgenommen. Die größten Gruppen in dieser Region, in der annähernd 200 SAP-Leute Widerstandsarbeit leisteten, waren die in Frankfurt und Höchst, erheblich kleinere bestanden in Offenbach, Hanau, Rüsselsheim, im Rodgau, in Langendiebach, Darmstadt, Wiesbaden und Mainz. Konspirative Verbindungen führten u.a. bis nach Anspach, Bad Ems, Worms, Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg.[35] Besonders eng war die Kooperation der Gruppen in Frankfurt und Höchst bzw. Darmstadt sowie die zwischen Mainz und Frankfurt, dies nicht zuletzt wegen der in diesen beiden Städten als eigenständige konspirative Zellen in die SAP-Konspiration eingeklinkten Trotzkisten. Die Zentrale für Süd- und Südwestdeutschland befand sich in Mannheim, von wo aus auch die Verbindungen zur illegalen Reichsleitung in Berlin sowie zur Auslandsleitung in Prag, ab Sommer 1933 dann in Paris liefen. Seit dem Herbst 1934 sorgte der spätere südhessische SPD-Vorsitzende, Staatssekretär und Chef der hessischen Staatskanzlei Willi Birkelbach für die Realisation der Kurierverbindung zwischen Frankfurt und Mannheim. Aus dem Ausland wurden die SAP-Publikationsorgane "Das Banner der revolutionären Einheit" und die "Neue Front. Organ für proletarisch-revolutionäre Sammlung" bezogen. Von der Herstellung eigener Flugblätter wurde indessen wegen des damit verbundenen hohen Verhaftungsrisikos im Rhein-Main-Gebiet bald wieder Abstand genommen. Während die Gesamtzahl der SAP-Aktivisten in Deutschland im Sommer 1934 bereits auf vermutlich weniger als ein Drittel zusammengeschmolzen war, wurde die SAP-Struktur im Rhein-Main-Gebiet erst zwischen 1935 und 1938 durch eine Serie von Verhaftungsschlägen zerrieben. Allein im Bereich Frankfurts kam es zu an die dreißig Festnahmen, Indiz gleichzeitig auch dafür, dass dort längst nicht alle Mitstreiter entdeckt worden waren. Zu den in der Region fortbestehenden kleineren Resistenzkernen der SAP versuchte Rolf Wenzel von der früheren Führungsgruppe weiterhin Kontakt zu halten, bis auch er im Frühjahr 1939 verhaftet wurde.

In der KPD-Opposition (KPO) waren zu Beginn des "Dritten Reiches" mindestens 3.000 Kommunisten organisiert, die nahezu geschlossen die konspirative Arbeit aufnahmen.[36] Aber im Zuge der ersten Verhaftungswelle, welche die Kleinpartei im Sommer 1933 traf, fielen reichsweit bereits annähernd 600 ihrer Aktivisten aus. Im Rhein-Main-Gebiet bestanden Widerstandsstützpunkte lediglich in Frankfurt und Offenbach.[37] In der Mainmetropole waren etwa 20 Mitglieder konspirativ tätig, zumeist Linksintellektuelle und Erwerbslose, die aber über Kontaktleute in verschiedenen Betrieben verfügten. Das dort herausgebrachte illegale Publikationsorgan trug den programmatischen Titel "Die Einheit. Diskussionsorgan des Klassenkampfs" und erschien monatlich jeweils nur in Auflagen von 100 bis 200 Exemplaren. Nach nur zehn Ausgaben musste sein Erscheinen noch 1933 wieder eingestellt werden. Zusätzlich wurden in Frankfurt und in Offenbach das Periodikum "Gegen den Strom. Organ der KPD (Opposition)" und weitere antinazistische Schriften verbreitet, die sowohl von der illegalen Reichsleitung in Berlin als auch über den Stützpunkt im Saargebiet vom Auslandskomitee in Straßburg, bald darauf in Paris bezogen wurden. Die Offenbacher Gruppe, in der - wie in Frankfurt - auch SAP-Leute mitarbeiteten, bestand aus nur rund zehn Personen, zumeist frühere Weggefährten von Heinrich Galm, vordem Abgeordneter zunächst für die KPD, dann die KPO und schließlich die SAP im Landtag des Volksstaates Hessen, nach dem Krieg u.a. SPD-Stadtrat in seiner Heimatstadt.[38] Der Arbeit der Frankfurter Struktur war schon Anfang 1934 mit der vorübergehenden Festnahme und anschließenden Flucht ihres Anführers Philipp Pleß, später u.a. DGB-Landesvorsitzender in Hessen, ein schwerer Schlag versetzt worden. Die Offenbacher KPO-Konspiration wurde erst 1937 durch die Gestapo zerschlagen, letzte Reste der Frankfurter Gruppe waren hiervon mit betroffen. Auch Wolfgang Abendroth, der ab 1951 als Professor für Politische Wissenschaft in Marburg wirkte und dann eine Vielzahl von Studien zum Widerstand proletarischer Kleinorganisationen anregte und betreute, wurde Anfang 1937 festgenommen; er hatte bis dahin hauptsächlich von Frankfurt aus die Verbindung zu Widerstandskreisen der SPD, der KPD, zu solchen einzelner Gewerkschaften sowie ins Ausland realisiert und gleichzeitig als hoch konspirativ arbeitender Spitzenkader für die Gruppe "Neu Beginnen" gearbeitet. Nach der Verbüßung einer vierjährigen Zuchthausstrafe wurde er ins Strafbataillon 999 gezwungen, konnte jedoch in Griechenland zu den Partisanen überlaufen, mit denen er zuvor bereits eine ganze Weile verdeckt kooperiert hatte.[39]

Dem straff führerschaftlich organisierten, einem ethischen, gleichermaßen antimarxistisch wie antireformistisch ausgerichteten Sozialismuskonzept verpflichteten InternationalenSozialistischen Kampfbund (ISK) gehörten am Ende der Weimarer Republik insgesamt nicht mehr als 200 Mitglieder an; diese konnten sich auf ein Sympathisantenumfeld stützen, das 600 bis maximal 1.000 Personen umfasste.[40] Rund ein Drittel der Mitglieder waren Frauen. Zur Vorbereitung der konspirativen Arbeit wurde der ISK im Frühjahr 1933 formell für aufgelöst erklärt und auf das Fünfergruppensystem umgestellt. Etwa drei Viertel seiner Mitglieder bzw. Sympathisanten waren zur Aufnahme des Widerstandes bereit. Nach der Devise, dieser sei nur sinnvoll, wenn er sichtbar ist, trat die Organisation fortan durch recht spektakuläre antinazistische Propagandaaktionen hervor. Außerdem wurden u.a. die in Paris von Willi Eichler, dem im Herbst 1933 nach dort emigrierten Führer der Kaderorganisation, herausgegebenen "Neuen Politischen Briefe" in Deutschland illegal verbreitet, die nach dessen Tarnnamen später "Reinhart-Briefe" genannt wurden. Der Transfer des Propagandamaterials ins Rhein-Main-Gebiet erfolgte nicht selten durch Binnenschiffer. Noch 1935/36 gliederte sich die reichsweite Widerstandsstruktur des ISK in sechs Bezirkseinheiten, darunter der Bezirk Frankfurt/Rhein-Main-Gebiet mit Stützpunkten in Frankfurt, Offenbach, Mainz und Worms. Der größte dieser Stützpunkte war Frankfurt mit drei, zeitweise sogar bis zu sieben Fünfergruppen. Der regionale Leiter der Struktur war Ludwig Gehm[41], der zudem Kontakte unterhielt zum Widerstand u.a. von SAP und KPO. Die Frankfurter Vegetarische Gaststätte des ISK diente - wie die in Köln, Berlin und Hamburg - der Finanzierung der konspirativen Arbeit, aber auch als Anlaufstelle für Geheimkuriere bzw. als Depot für illegales Material. Geschäftsführerin war Anna Beyer[42], die dort zugleich einen Mittagstisch für jüdische Bürgerinnen und Bürger unterhielt. Die Gruppen im Rhein-Main-Gebiet wurden 1936 zerschlagen, bis 1938 auch die reichsweiten Widerstandsstrukturen. Gehm wurde nach Verbüßung einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren u.a. noch im KZ Buchenwald inhaftiert und später mit dem Strafbataillon 999 u.a. in Griechenland eingesetzt, wo er zu den Partisanen überlief; nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wirkte er vor allem als Organisationssekretär im SPD-Unterbezirk Frankfurt sowie als Stadtverordneter. Anna Beyer hatte über Belgien nach Frankreich, dann in die Schweiz und schließlich nach England entkommen können, wo sie sich im Rahmen der Jugendarbeit der Landesgruppe Deutscher Gewerkschafter in Großbritannien engagierte; im Sommer 1944 wurde sie als Teil einer Spezialeinheit über Frankreich abgesetzt und kam dort mit der Résistance in Berührung; nach dem Krieg wurde sie in Frankfurt Stadträtin sowie Mitglied des SPD-Bezirksvorstandes Hessen-Süd.

Die Gruppe "Neu Beginnen" arbeitete von Anfang an, d.h. seit 1929/30, und ausgehend von Berlin streng konspirativ, um innerhalb von SPD und KPD, ebenso in der KPO und in den Gewerkschaften unauffällig für den Einheitsfront-Gedanken zu werben.[43] Aus diesem Grund wurde auch auf eine bestimmte Organisationsbezeichnung verzichtet; statt dessen wurden sogar intern nur bestimmte Kürzel verwandt, so "O" oder "Org" für "Organisation" bzw. "LO" für "Leninistische Organisation". Selbst untereinander wurden Decknamen benutzt. 1933 verfügte die Gruppe reichsweit über lediglich knapp 100 Anhänger im konspirativen Kernbereich, später wuchs diese Zahl auf etwa 150 an. Hinzu kam aber noch ein Kontingent von rund 200 bis 300 Sympathisanten und Informanten an der Peripherie der Gruppe. Aus Sicherheitsgründen wurde die Bearbeitung des KPD-Apparates bald gestoppt. Demgegenüber wurde nun verstärkt die Kooperation mit bürgerlich-demokratischen Antinazi-Kreisen gesucht. Verbindungen führten u.a. auch zu Gruppen der Religiösen Sozialisten sowie zu etlichen gewerkschaftlichen Widerstandsstrukturen. Unter dem Pseudonym "Miles" erschien im Herbst 1933 in der Tschechoslowakei die programmatische Schrift "Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands"[44]. Verfasser war Walter Loewenheim, Initiator, theoretischer Kopf und bis 1934 unangefochtener Führer der Gruppe. Seither gaben das Verfasserpseudonym wie auch die Titulatur dieser Publikation der Organisation ihren Namen. Unter dem Tarntitel "Über Religion" von Arthur Schopenhauer wurde die Schrift in 5.000 Exemplaren nach Deutschland eingeschmuggelt und weit über den eigenen Strukturbereich hinaus im antinazistischen Untergrund verbreitet, wo sie für lebhafte Diskussionen sorgte. Antifaschistischer Massenpropaganda wurde gleichwohl eine entschiedene Absage erteilt. "Neu Beginnen" war auf eine langfristige Perspektive konspirativer Arbeit eingestellt: Nach der Niederringung des Faschismus sollte zunächst eine bürgerlich-demokratische Republik errichtet werden, dies freilich nur als Zwischenschritt hin zur weiterhin angestrebten sozialistischen Republik. Im Rhein-Main-Gebiet war "Neu Beginnen" in Offenbach und Frankfurt verankert. Von dort aus führten konspirative Verbindungen über die Auslandsleitung zur Inlandszentrale in Berlin und außerdem unmittelbar zum knapp ein Dutzend Mitstreiter zählenden Stützpunkt in Mannheim/Ludwigshafen; dieser wurde allerdings schon im Februar 1934 durch die Festnahme seines Leiters sowie dreier seiner Mitstreiter so schwer getroffen, dass die Arbeit dort eingestellt werden musste. Überregionale Kontakte realisierte von Frankfurt aus der schon erwähnte Wolfgang Abendroth, der darüber hinaus in seiner Heimatstadt besonders den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen sowie weiterhin - dies konträr zur offiziellen Linie - auch den kommunistischen Untergrund im Sinne der Einheitsfront-Politik zu bearbeiten suchte. In die im Exil produzierten Lageberichte der Gruppe flossen wenigstens bis 1936 u.a. mehrere Berichte aus Frankfurt ein, vereinzelt solche auch aus Koblenz, Mainz, Rheinhessen und der Pfalz. Bis Mitte der 1930er Jahre war die Gesamtstärke der Organisation auf etwa 500 Mitglieder angewachsen. Damals stellte jedoch ein Teil der Gesamtgruppe nach einer heftigen innerorganisatorischen Kontroverse die Widerstandarbeit ein und wich ins Ausland aus, während eine Mehrheitsgruppe die konspirativen Aktivitäten fortsetzte. Durch verschiedene Verhaftungsschläge schwer getroffen, war die Inlandsorganisation 1936 für eine Weile aktionsunfähig. Die Untergrundarbeit wurde dann zwar wieder aufgenommen, allerdings nur noch in erheblich reduziertem Umfang. Im Zuge der Zerschlagung der Gruppe "Deutsche Volksfront" in Berlin im Herbst 1938, mit der seit dem Vorjahr eng kooperiert worden war und die ihrerseits über konspirative Verbindungen in ganz Deutschland, u.a. nach Frankfurt am Main, verfügt hatte, fiel gleichzeitig die letzte in der Reichshauptstadt operierende Reststruktur in der Tradition von "Neu Beginnen" aus. Trotzdem bestanden vereinzelte Resistenzkerne der Kadergruppe besonders im süddeutschen Raum noch bis Anfang der 1940er Jahre fort.

Auch die konspirative Arbeit jener Trotzkisten-Fraktion[45], die sich seit Herbst 1933 Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD) nannte, war bereits seit dem Vorjahr angebahnt und nach dem Fünfergruppen-, dann dem Dreiergruppensystem strukturiert worden. Insgesamt gehörten dieser trotzkistischen Mehrheitsgruppe zu Beginn des "Dritten Reiches" nur knapp 600 Mitglieder an, die sich allerdings noch auf ein größeres Sympathisantenumfeld stützen konnten. Anfänglich verfügten sie über Bezirksgliederungen in der Reichshauptstadt und u.a. in Mittel-, West-, Südwest- bzw. Süddeutschland. Daneben existierte eine Minderheitsgruppe, die sich gleichfalls auf Leo Trotzki berief; diese zählte reichsweit lediglich 80 Anhänger und war hauptsächlich in Berlin und einigen wenigen weiteren Städten verankert, so etwa in Ludwigshafen; bereits im Frühjahr 1934 wurden deren Strukturen praktisch vollständig zerrieben. Auch die konspirativen IKD-Kader waren um die Jahreswende 1934/35 auf nur noch 200 Regimegegner zusammengeschmolzen, weniger als ein Viertel davon in Berlin. Der politisch-ideologischen Unterrichtung und Stabilisierung der eigenen Anhängerschaft dienten das im Ausland hergestellte Periodikum "Unser Wort. Wochenzeitung der Internationalen Kommunisten Deutschlands", desgleichen ein interner "Informationsdienst" sowie diverse Broschüren und Flugblätter. Im Rhein-Main-Gebiet wirkten lediglich in Frankfurt und Mainz trotzkistische Widerstandsgruppen der Mehrheitsrichtung[46]: Die Frankfurter Gruppe, der zunächst noch rund 50 Personen angehörten, hatte sich fast komplett in die dortige SAP eingeklinkt; auch die fünf oder sechs Mainzer Trotzkisten wirkten konspirativ in jener proletarischen Kleinpartei. Beide Stützpunkte kooperierten eng miteinander, verteilten das von ihrer illegalen Reichsleitung in Berlin bezogene Propagandamaterial, verschiedentlich aber auch selbst hergestellte Flugschriften und Zeitungen sowie Materialien der SAP. Nachdem erste Festnahmen bereits im Herbst 1933 erfolgt waren, wurden die IKD-Gruppen im Rhein-Main-Gebiet im Frühjahr 1936 im Zuge einer gegen die SAP gerichteten Aktion zerschlagen. Zwischen 1935 und 1937 wurde reichsweit nahezu die gesamte IKD-Widerstandsstruktur durch die Gestapo aufgerollt.

Der im Herbst 1932 initiierte "Rote Stoßtrupp"[47], der sich vornehmlich aus widerstandsgewillten jungen Arbeitern und Studenten aus dem sozialdemokratischen Organisationsgefüge rekrutierte, war ebenfalls hauptsächlich in Berlin verankert, unterhielt ferner konspirative Verbindungen beispielsweise nach Norddeutschland, Sachsen, Schwaben, in die Pfalz, desgleichen nach Kassel und Frankfurt am Main[48]. Während die Zusammenarbeit mit linientreuen Kommunisten zurückgewiesen wurde, bestand mit der illegalen Reichsleitung der SAP eine Kooperationsvereinbarung, und auch mit der KPO und den Trotzkisten wurden konspirative Kontakte unterhalten. Außerdem gelang es, Verbindungen herzustellen zu bürgerlichen und kirchlichen Oppositionskreisen sowie zu jüdischen Jugendgruppen. Von der Sopade in Prag erhielt die Gruppierung, die seit dem Frühjahr 1933 das Publikationsorgan "Der Rote Stoßtrupp" herausbrachte, finanzielle Zuwendungen für die konspirative Arbeit, obgleich sich die gegenseitigen politischen Vorbehalte nicht gänzlich überwinden ließen. Ende 1933 wurde die Gruppenstruktur durch 240 Festnahmen, in deren Folge es zu ungefähr 180 Verurteilungen kam, weitgehend zerschlagen. Nicht enttarnte Organisationsreste führten die konspirative Arbeit gleichwohl fort, allerdings nun unter Verzicht auf die Herstellung und Verbreitung von Propagandamaterial. Eine Nachfolgeorganisation nannte sich "Neuer Roter Stoßtrupp" und war u.a. auch in Südwestdeutschland verankert. Die Stützpunkte in der Pfalz wurden noch im Sommer 1934 von Basel aus betreut. Aber auch dieser Reorganisationsversuch wurde im Herbst 1935 fast restlos zerschlagen.

Die "Roten Kämpfer" waren ein geheimbündlerischer Zusammenschluss zumeist jüngerer früherer Funktionäre der ultralinken Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) und anderer linksradikaler Sozialisten mit rätekommunistischem Hintergrund, die - obwohl vielfach zur SPD übergewechselt - einen eigenständigen organisatorischen Zusammenhalt dennoch bewahren wollten.[49] Seit Mitte 1932 bereitete sich die inzwischen auf etwa 400 Mitstreiter geschrumpfte Gruppierung auf die Untergrundarbeit vor. Ihren Namen verdankte sie ihrer alle zwei Monate erschienenen Zeitschrift "Der Rote Kämpfer", die im Frühjahr 1936 schließlich in "Der Arbeiterkommunist" umbenannt wurde. Die "Roten Kämpfer", die sich als intellektuelle Avantgarde der Arbeiterklasse begriffen und vor allem gegenüber den beiden großen Arbeiterparteien überaus kritisch eingestellt waren, verfügten über Stützpunkte in Berlin, wo sich zudem ihre illegale Reichsleitung befand, im Rhein-Ruhr-Gebiet und in Sachsen, in Hamburg, Bremen, Stuttgart, Karlsruhe, Frankenthal/Ludwigshafen sowie in Frankfurt am Main. Da die Gruppierung auf Außenwirkung fast völlig verzichtete - wobei es lokal oder regional durchaus zu Kontakten mit KPD, SAP oder ISK kam -, um sich dafür vermehrt mit Strategiediskussionen zu beschäftigen, stieß die Gestapo erst Ende 1936 im Zuge von Ermittlungen gegen die KPD auf ihre Spur. In den folgenden Monaten kam es reichsweit zu rund 150 Festnahmen, womit ihre Organisationsstruktur zerschlagen war.

Die anarcho-syndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), welche die Umstellung auf die konspirative Arbeit schon im Frühjahr 1932 beschlossen hatte, verfügte im Jahr darauf wohl noch über 6.000 bis 10.000 Anhänger insgesamt.[50] Organisatorische Zentren bestanden in Berlin, in Westdeutschland, Mitteldeutschland und Südwestdeutschland, dazu in Hamburg, Breslau, Königsberg und einigen anderen Städten. Indem sie sich am 15. Februar 1933 zum Schein freiwillig auflöste, kam sie dem drei Wochen später erlassenen Verbot zuvor. Ihre Geschäftskommission wurde von Berlin zunächst nach Erfurt, später nach Leipzig verlegt. Die südwestdeutsche Widerstandsstruktur konzentrierte sich auf Gruppen im Rhein-Main-Gebiet und im Raum Mannheim/Ludwigshafen.[51] Letztere waren die größten konspirativ arbeitenden Gruppen jenes Strukturbereichs überhaupt mit zusammen zwischen 45 und 70 Aktivisten. Die Stützpunkte in Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Münster bei Dieburg, Mörfelden, Flörsheim und Wiesbaden waren erheblich kleiner, ebenso die in Worms und in Alzey. Als Leiter der Rhein-Main-Struktur fungierte bis zu seiner Flucht im Herbst 1933 Gustav Doster aus Darmstadt, wo sich auch die zentrale Anlaufstelle für Kuriersendungen befand. Da solche Materiallieferungen immer mit erheblichen Verhaftungsrisiken behaftet waren, gaben die Mannheim/Ludwigshafener Gruppen 1934 zwei eigene hektografierte Propagandaorgane heraus: das "Fanal. Revolutionäre-sozialistische Monatsblätter" sowie "Der Hessische Landbote". Im Odenwald kamen Abgesandte der diversen Stützpunkte aus der Region verschiedentlich zu konspirativen Unterredungen zusammen. Ihre überregionalen Verbindungen reichten u.a. nach Kassel und Leipzig, auch bis ins Saargebiet sowie nach Amsterdam zur dortigen Exilgruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS), die seit Ende 1933 unter Dosters Regie wichtige logistische Funktionen für die antinazistische Inlandsarbeit der FAUD ausübte. Ende 1934 gelang es der Gestapo infolge einer Denunziation, in die südwestdeutsche Struktur einzubrechen. In kurzen Abständen erfolgten bis zum Frühjahr 1935 Festnahmen führender Anarchosyndikalisten in Darmstadt, Frankfurt, Offenbach, Mannheim und Ludwigshafen; später kam es zu weiteren Verhaftungen in Heilbronn, Ulm, Stuttgart und Göppingen. Während damit die FAUD südlich der Mainlinie zerschlagen war, wurden ihre konspirativen Verbindungen reichsweit erst 1937/38 weitgehend zerstört. Bestimmte Reststrukturen blieben trotzdem erhalten, was sich etwa daran zeigte, dass den Angehörigen der Inhaftierten die unauffällige Solidarität und Hilfeleistung ihrer in Freiheit verbliebenen Freunde weiterhin zuteil wurde.

[30] Ein Sonderfall stellt hierbei die 1919 gegründete anarcho-syndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) dar, die sich klar von jedem parteipolitischen Organisationsprinzip distanzierte.

[31] Häufig dies sogar mit deutlicher Affinität zum Leninismus. Deshalb sollten sie auch nicht euphemistisch als "linke" oder "linkssozialistische" Kleinorganisationen bzw. als "linke Splittergruppen" oder aber als - was ebenfalls oft genug geschieht - dem sozialdemokratischen Organisationsgeflecht zugehörig deklariert werden.

[32] Siehe hierzu den exzellenten Gesamtüberblick: Jan Foitzik: Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 bis 1939/40 unter besonderer Berücksichtigung des Exils. Bonn 1986 (Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung - Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 16).

[33] Siehe die knappe Überblicksdarstellung zur Situation in Hessen: Barbara Bromberger: Widerstand linkssozialistischer Kleinorganisationen, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 179-197.

[34] Jörg Bremer: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Untergrund und Exil 1933-1945. Frankfurt/M., New York 1978; Foitzik (wie Anm. 32) S. 23 f., 47-59, 101 f., 108-122, 176 ff. u. 203 ff.

[35] Bromberger (wie Anm. 33) S. 181-185; siehe auch die autobiografischen Berichte: Peter Lang: Mein Leben in der Arbeiterbewegung. Molkenborn 1974 (hektografiertes Typoskript); Fritz Schmidt: SAP in Höchst für Einheitsfront, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 192-196; Willi Birkelbach: Fazit. Gelebt - Bewegt. Unter Mitarbeit von Luise Maria Dreßler. Marburg 2000; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der SAP in Hessen sowie im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 169 u. Nr. 300.

[36] Siehe hierzu vor allem: Karl Hermann Tjaden: Struktur und Funktion der "KPD-Opposition" (KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur "Rechts"-Opposition im deutschen Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik. Erlangen 1970 (Politladen-Reprint, No. 6); Theodor Bergmann: "Gegen den Strom". Die Geschichte der Kommunistischen-Partei-Opposition. Hamburg 1987; Foitzik (wie Anm. 32) S. 24 f., 60-65, 102 f., 122 ff. u. 176 ff.

[37] Bromberger (wie Anm. 33) S. 185-188; siehe hierzu auch meinen Beitrag: Philipp Pleß und die Frankfurter Gruppe "Einheit", in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 214-217; ebenso: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der KPO mit Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet, StadtA WI Best. NL 75 Nr. 312.

[38] Heinrich Galm: Ich war halt immer ein Rebell. Politische Erinnerungen von Heinrich und Marie Galm, nach Gesprächen zusammengestellt von Werner Fuchs u. Bernd Klemm. Hrsg.: Studienkreis "Geschichte der Offenbacher Arbeiter und ihrer Organisationen". 2. Aufl. Offenbach 1981.

[39] Wolfgang Abendroth: Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche, aufgez. u. hrsg. von Barbara Dietrich u. Joachim Perels. Frankfurt/M. 1976; Ders.: 999er kämpfen mit den griechischen Partisanen, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 294-297.

[40] Werner Link: Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Meisenheim am Glan 1964 (Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 1); Sabine Lemke-Müller (Hrsg.): Ethik des Widerstands. Der Kampf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) gegen den Nationalsozialismus. Quellen und Texte zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933-1945. Bonn 1996; Foitzik (wie Anm. 32) S. 29, 85 ff. u. 155 ff.

[41] Antje Dertinger: Der treue Partisan. Ein deutscher Lebenslauf: Ludwig Gehm. Bonn 1989; zum ISK im Rhein-Main-Gebiet siehe auch: Bromberger (wie Anm. 33) S. 188-192..

[42] Siehe hierzu den autobiografischen Bericht: Anna Beyer: Mit dem Frankfurter ISK im Widerstand, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 202-205; ebenso: Dies.: Meine Jahre im Exil, in: Ulrich (wie Anm. 29) S. 247-249; Dies.: Politik ist mein Leben. Hrsg.: Ursula Lücking. Frankfurt/M. 1991.

[43] Walter Loewenheim: Geschichte der Org [Neu Beginnen] 1929-1935. Eine zeitgenössische Analyse. Hrsg.: Jan Foitzik. Berlin 1995 (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Reihe B: Quellen und Berichte, Bd. 1); Richard Löwenthal: Die Widerstandsgruppe "Neu Beginnen". Hrsg.: Informationszentrum Berlin/Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße. Berlin 1982 (Beiträge zum Thema Widerstand, 20); Kurt Kliem: Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich, dargestellt an der Gruppe "Neu Beginnen". Phil. Diss. Marburg 1957; Konstanze Wegner: Die Gruppe "Neu Beginnen", in: Matthias, Weber (wie Anm. 20) S. 233-243; Foitzik (wie Anm. 32) S. 26 ff., 70-85, 130-140, 185 ff., 202 f. u. 211 ff.; Bernd Stöver (Bearb.): Berichte über die Lage in Deutschland. Die Lagemeldungen der Gruppe Neu Beginnen aus dem Dritten Reich 1933-1936. Bonn 1996 (Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 17); siehe auch: Bromberger (wie Anm. 33) S. 192-195. - Zur Gruppe "Deutsche Volksfront", auch als "10-Punkte-Gruppe" bekannt, siehe: Hermann Brill: Gegen den Strom. Offenbach 1946 (Wege zum Sozialismus, Heft 1); Foitzik (wie Anm. 32) S. 211 ff.

[44] Abgedruckt in: Kurt Klotzbach (Hrsg.): Drei Schriften aus dem Exil. (Miles: Neu Beginnen! - Otto Bauer: Die illegale Partei - Curt Geyer: Die Partei der Freiheit). Berlin, Bonn-Bad Godesberg 1974 (Internationale Bibliothek, Bd. 76), S. 1-88.

[45] Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930. Frankfurt/M. 1987; Foitzik (wie Anm. 32) 25 f., 65-69, 103, 125-130 u. 176 ff.

[46] Axel Ulrich: Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus? Zum Widerstand von Trotzkisten gegen das NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung des Rhein-Main-Gebietes, in: Mainzer Geschichtsblätter. Veröffentlichungen des Vereins für Sozialgeschichte Mainz. Heft 12: Mainz, Wiesbaden und Rheinhessen in der Zeit des Nationalsozialismus. Mainz 2000, S. 101-134; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand von Linke Opposition der KPD (Bolschewiki-Leninisten)/Internationale Kommunisten Deutschlands [Trotzkisten], StadtA WI Best. NL 75 Nr. 260, 261 u. 263.

[47] Rudolf Küstermeier: Der Rote Stoßtrupp. Hrsg.: Informationszentrum Berlin/Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße. 3. Aufl. Berlin 1980 (Beiträge zum Widerstand, 3); Foitzik (wie Anm. 32) S. 149 f. u. 192 f.; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand des "Roten Stoßtrupps" sowie des "Neuen Roten Stoßtrupps", StadtA WI Best. NL 75 Nr. 1027.

[48] Mausbach-Bromberger (wie Anm. 28) S. 67 u. S. 103.

[49] Olaf Ihlau: Die Roten Kämpfer. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Meisenheim am Glan 1969 (Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 14); Foitzik (wie Anm. 32) S. 32 f., 90 f. u. 159 f.; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum Widerstand der "Roten Kämpfer", StadtA WI Best. NL 75 Nr. 258.

[50] Siehe hierzu z.B.: Hartmut Rübner: Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus. Berlin, Köln 1994 (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Bd. 5); Andreas G. Graf, DieterNelles: Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten (1933-1945), in: Rudolf Berner: Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). Hrsg.: A. D. Graf, D. Nelles. Köln 1997 (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Bd. 7), S. 71-129; Andreas G. Graf: Selbstbehauptung und Widerstand deutscher Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten, in: Ders. (Hrsg.): Anarchisten gegen Hitler. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten in Widerstand und Exil. Berlin 2001, S. 35-61; Foitzik (wie Anm. 32) S. 29 ff., 88 ff. u. 158 f.

[51] Axel Ulrich: Syndikalistischer Widerstand in Hessen und im Raum Mannheim-Ludwigshafen, in: Knigge-Tesche, Ulrich (wie Anm. 2) S. 198-212; siehe auch: Materialsammlung A. Ulrich zum dortigen Widerstand der FAUD-(Anarcho-Syndikalisten), StadtA WI Best. NL 75 Nr. 164-166.

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