Sie sind hier: Startseite / Archiv / Texte / Geschichte / Die kollektivierte Bierbrauerei DAMM

Die kollektivierte Bierbrauerei DAMM

Die Brauerei Damm wurde 1876 gegründet und 1910 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die größte Bierbrauerei Kataloniens befand sich im Häuserkarree zwischen den Carrers Rosselló, Cartagena, Còrsega und Dos de Maig. Der Haupteingang lag in Rosselló 515. Heute sind hier Büroräume und das Brauereimuseum untergebracht. 1936 belief sich das Gesellschaftskapital auf 21 Millionen Peseten.

von: Carrer Rosselló

In der Fabrik
waren insgesamt 682 Arbeiter beschäftigt.
Das Werk war in 17 Brauereiabteilungen
und 12 Wartungs- und Zuliefererwerkstätten
aufgeteilt.
Nach der Niederlage der Militärs am 19.
Juli 1936 übernahmen die Arbeiter der
Damm die Fabrik. Sie organisierten die
Arbeit und bildeten ein Aufsichts- und
Kontrollkomitee. Anfangs hatten sie die
früheren Manager auf ihren Posten belassen.
Diese missbrauchten jedoch das Vertrauen
und entwendeten 1.334.000 Peseten
aus der Firmenkasse. An Stelle des Geldes
ließen sie einen Zettel zurück, auf dem der
handschriftliche Vermerk stand: „Boykottverluste
November 1933, 600.000 Peseten“,
dem sie Quittungen über frühere Verwaltungskosten
beigelegt hatten. Die Vollversammlung
der Damm-Arbeiter beschloss
daraufhin, die Geschäftsführer zu
entlassen und die Fabrik zu beschlagnahmen
und vollständig zu kollektivieren.
Mit der Kollektivierung wurde die Vollversammlung
aller in der Firma angestellten
Fabrikarbeiter, Büroangestellten, Vertreter
und Techniker zum obersten Entscheidungsorgan
des Unternehmens. Die
Vollversammlung diskutierte und definierte
die allgemeinen betrieblichen Handlungsrichtlinien,
wählte die Mitglieder des
Betriebsausschusses und kontrollierte seine
Arbeit. Der Betriebsausschuss war mit
der täglichen technischen und wirtschaftlichen
Leitung des Unternehmens beauftragt
und musste der Vollversammlung regelmäßig
bzw. auf Antrag Rechenschaft
über seine Betriebsführung ablegen.
Bald machten sich die ersten positiven
Wirkungen der Kollektivierung bemerkbar:
Der Brauereibetrieb wurde technisch
verbessert, das Betriebsklima wurde solidarischer
und die materielle Lage der Arbeiter
besser. Die Produktion war seit dem
19. Juli monatlich um rund 1000 Hektoliter
gestiegen und erreichte im September
eine Jahresproduktion von 400.000 Hektolitern.
In der Brauerei wurden das Hellbier
„Estrella Dorada“ und das Dunkelbier
„Bock“ hergestellt.
Kurz nach der Kollektivierung beschlossen
die Arbeiter der Damm zusammen
mit den Arbeitern der Bierbrauerei
Moritz und der Malzbrauerei Moravia, die
ebenfalls kollektiviert worden waren, sich
zur Industría Maltería y Cervercera Socializada
(Sozialisierte Malz- und Bierbrauerei)
zusammenzuschließen. Auf diese Weise
wurden die drei Unternehmen zu einer
einzigen großen Wirtschaftseinheit vereint,
die sich im Kollektivbesitz befand
und von den Arbeitern geleitet und verwaltet
wurde. Die gesamten Aktiva und
Passiva der drei Firmen sowie alle Arbeiter
gehörten nun zu dieser neuen Produktionseinheit.
Das neue Unternehmen wurde auf ähnliche
Weise wie die kollektivierte Brauerei
Damm strukturiert und betrieben, wenn
auch in einem größeren Maßstab. Das
oberste Entscheidungsorgan der Industría
Maltería y Cervercera Socializada war die
Vollversammlung aller Arbeiter. Mit der
technischen und wirtschaftlichen Betriebsführung
war der Zentralrat beauftragt,
der aus jeweils drei Arbeitern der
drei Unternehmen und einem Delegierten
der Generalitat bestand. Das Gesellschaftskapital
belief sich auf insgesamt 38
Millionen Peseten.
Für alle Arbeiter der Industría Maltería
y Cervercera Socializada galten dieselben
Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen.
Die Vollversammlung der Arbeiter beschloss
unter anderem folgende Verbesserungen:
Man vereinbarte die Einführung der 40-
Stunden-Woche und einen Einheitslohn
für alle Arbeiter und Arbeiterinnen. Die
einzigen Lohnabstufungen galten für bestimmte
Altersklassen, so betrug der Wochenlohn
für 16- bis 18-Jährige 75 Peseten,
für 18- bis 20-Jährige 95 Peseten und
für alle über 20 Jahre 125 Peseten. Außerdem
wurde ein Zuschlag von 8 Peseten
wöchentlich für alle Arbeiter und Arbeiterinnen
mit einem minderjährigen Kind –
bis zu einer Höchstzahl von drei Kindern
– sowie für jeden Flüchtling bezahlt, der
bei einem Firmenangestellten untergebracht
war. Den Arbeitern, die an der Front
waren, wurde die Differenz zwischen dem
Lohn ausgezahlt, den sie als Brauereiarbeiter
verdient hätten, und dem Sold, den
sie als Milizionäre bezogen.
Kranken Arbeitern wurde nicht nur der
vollständige Lohn weitergezahlt, sondern
sie erhielten auch eine unentgeltliche medizinische
Betreuung und Versorgung.
Außerdem wurde eine betriebliche Invaliden-
und Witwenrente eingeführt.
Das Rentenalter wurde auf 60 Jahre herabgesetzt
und die Rentner erhielten eine
Wochenrente von 115 Peseten und einen
Anzug im Jahr.
Die Arbeiter aus gesundheitsschädlichen
Abteilungen wurden mit der notwendigen
Schutzkleidung ausgestattet und
mussten nur 36 Stunden in der Woche arbeiten.
Außerdem wurde eine Schule für die
Arbeiterkinder gebaut, die unter anderem
über ein Schwimmbad, Duschen, Kantinen,
einen Sportplatz und eine Turnhalle
verfügte.
ANTONI CASTELLS DURAN

Artikelaktionen