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Namensliste (FAUD-Mitglieder)

Leider zum Teil nur Namen mit wenigen bis keinen Biographischen Angaben

Heinrich Bartling (geb. 22.09.1880) in Bielefeld

Beruf: Schlosser
Todesdatum: 30.01.1940
Todesursache: unbekannt
Todesort: KZ Sachsenhausen

von Hansi Oostinger

Heinrich Bartling wurde am 22. September 1880 in Bielefeld geboren. Über sein Leben lässt sich nur Bruchstückhaftes berichten. Er war Schlosser und lebte später in Kassel. Sein politischer Werdegang führte ihn gemeinsam mit anderen von der Kasseler Spartakus-Gruppe zur anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Sie gründeten 1920 in Kassel eine Ortsgruppe der FAUD. Bartling war Revisor in deren ersten Vorstand. 1925 wird Heinrich Bartling zudem als Leiter der Kasseler Gruppe der Föderation kommunistischer Anarchisten in deren Organ „Der Freie Arbeiter“ erwähnt.

Aufgrund der mangelnden Verankerung der Kasseler FAUD in den Betrieben – sie hatte nur etwa 35 Mitglieder, die zudem zum größten Teil erwerbslos waren – lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Agitation und Aufklärung der Arbeiter. Einen großen Einfluss hatten die Kasseler Anarchosyndikalisten allerdings in der lokalen Erwerbslosenbewegung.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Position der Kasseler FAUD in einer Debatte, die 1928 zum Tarifvertragswesen in der Gesamtorganisation aufkam, nachvollziehbar. Während andere Gruppen, die eine stärkere Verankerung in den Betrieben hatten, den Mitgliederrückgang ihrer Organisation durch einen pragmatischen Umgang mit der neuen, wenig revolutionären Institution Tarifvertrag aufhalten wollten, beharrten die Kasseler auf den Prinzipien der Direkten Aktion. So schrieb ein Mitglied der Kasseler Ortsgruppe, Willi Paul, im „Syndikalist“: „Dem Tarifvertragswesen liegt die Idee des Parlamentarismus zugrunde, der ja auch den Ausgleich schafft zwischen den verschiedenen Parteien, nur daß derselbe hier auf das Wirtschaftsgebiet übertragen ist. Parlamentieren heißt verhandeln, heißt die Arbeiterschaft ausschließen von der direkten Einflußnahme im Sinne ihrer eigenen Interessensforderungen. Der Arbeiter wird dadurch unselbständig gemacht, seines Klassendenkens beraubt, nicht zum Denken erzogen, er sucht nicht mehr nach neuen Mitteln und Methoden, um den Klassenkampf erfolgreich führen zu können, und er wird bar jeder Initiative, mutlos, der eigenen Kraft nicht mehr trauend, er wird degradiert zur Null, wartet auf seinen Führer, welcher am Verhandlungstisch bessere Lebensmöglichkeiten für ihn schaffen soll.“ (Der Syndikalist 33/1928)

Die FAUD gründete Ende 1930 in Kassel wie in anderen Städten auch die antifaschistische Wehrorganisation „Schwarze Schar“. Die FAUD Kassel hatte sich zwar am 15. Februar vorsorglich aufgelöst, um die Geld- und Sachwerte der Organisation vor dem Zugriff der Nazis zu sichern. Die Kasseler Anarchosyndikalisten versuchten aber auch nach der Machtergreifung der Nazis Widerstand zu leisten: So wurde etwa eine illegale Druckerei in einem Schrebergarten eingerichtet, und sie produzierten und verteilten mehrere Zeitungen. Über Kuriere fanden die Zeitungen auch eine überregionale Verbreitung. Neben illegalen Treffen führten sie auch Sammlungen für inhaftierte Genossen und deren Angehörige durch.

Am 1. September 1939 wurde Heinrich Bartling aufgrund einer Anti-Kriegs-Aktion verhaftet und kam am 16. September in „Schutzhaft“ ins KZ Sachsenhausen. Er bekam dort die Häftlingsnummer 002493 und war im Block 25 untergebracht. Am 30. Januar 1940 verstarb er dort.

Quellen:

AS, D1 A/1024, Bl. 305.
JSU 1/96, Bl. 033.
JSU 1/95, Bl 034.
StA Kassel, Wiedergutmachungsakte Heinrich Bartling.
Frenz, Wilhelm/Kammler, Jörg/Krause-Vilmar, Dietfrid (Hrsg.), Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2, Studien, Fuldabrück 1987.
Informationsstelle zur Geschichte des Nationalsozialismus in Hessen (Hrsg.), Bericht Willi Paul, Universität Kassel, 1979.
Linse, Ulrich, Die „Schwarzen Scharen“ – eine antifaschistische Kampforganisation deutscher Anarchisten, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, No. 9, 1989.
Mümken, Jürgen, Anarchosyndikalismus an der Fulda. Die FAUD in Kassel und im Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus. Mit einer Einleitung von Helge Döhring, Frankfurt/Main 2004.
Ders., Im Kampf gegen Hitler und Franco. Zum 25. Todestag des Spanienkämpfers Willi Paul, in: Direkte Aktion, Nr. 163, Mai/Juni 2004, S. 14.
Der Freie Arbeiter, Nr. 42, 1925.
Der Syndikalist, Nr. 45, 1920.

Veröffentlicht in: Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S. 237-238

August Benner (geb. 10.8.1912) in Barmen

Beruf: Maler
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Adressangaben liegen nicht vor
Jugendleiter in der FAU Deutschlands in W'Tal, Barmen
02.05.1933 bis 24.12.1933 Schutzhaft u.a. im KZ Börgermoor,  Gefängnis (W'tal), Polizeigefängnis (W'Tal); Grund: Politisch / Reichstagsbrandverordnung
02.03.1937 bis 02.03.1941 Zuchthaus u.a. in Münster (Zuchthaus) & Düsseldorf (Polizeigefängnis); Grund: Politisch / Vorbereitung zum Hochverrat


Fritz Benner (geb. 6.4.1906) in Solingen


Beruf:               Riemendreher
Todesdatum: 1966
Todesursache:  unbekannt
Haspeler Schulstr 19 (Barmen - 1935)
Betriebsrat
02.05.1933 bis 05.04.1934 in Schutzhaft; u.a. im KZ Börgermoor, KZ Oranienburg, KZ Lichtenburg, Wuppertal, Gefängnis, Wuppertal, Polizeigefängnis; Grund: Politisch / Reichstagsbrandverordnung
01.02.1935 bis 08.05.1945 Anklage am Oberlandesgericht Hamm; Grund: Politisch / Vorbereitung zum Hochverrat
Exil u.a. in Niederlande & Spanien

von Hansi Oostinga:

Fritz Benner wurde am 6. April 1906 in Solingen geboren. Von Beruf war er Riemendreher. 1927/28 trat er ebenso wie sein Bruder Willi der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) in Wuppertal bei. Zu diesem Zeitpunkt hatte diese revolutionäre Gewerkschaftsorganisation ihren Zenit bereits überschritten. Die FAUD, die die Sozialisierung der Produktionsmittel auf Rätebasis propagierte, Parteipolitik und Parlamentarismus ablehnte und durch die „Direkte Aktion“ ihre Ziele verwirklichen wollte, war zu diesem Zeitpunkt in Wuppertal nur noch wenige Dutzend Mitglieder stark. Ihre Aktivitäten verlagerten sich folglich mehr in Richtung Kultur und Propaganda. Besonders die jungen Arbeiter, die Ende der 1920er Jahre über die Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD) zur Bewegung stießen, entfalteten zahlreiche Aktivitäten. Die Brüder Benner traten die Nachfolge des sehr begabten Hauptagitators der FAUD Wuppertal, Hans Schmitz, an, der 1931 an den Folgen von Misshandlungen durch die Nationalsozialisten starb. Außerdem beherbergten sie zeitweise die Leihbibliothek der FAUD Wuppertal, die etwa 1.000 Bände umfasste.

In Wuppertal waren die Auseinanderstzungen zwischen Nationalsozialisten und der Arbeiterbewegung gegen Ende der Weimarer Republik besonders heftig. Die Wuppertaler Anarchosyndikalisten hatten wie in anderen Städten auch eine antifaschistische Wehrorganisation gegründet: die „Schwarze Schar”. Diese war innerhalb der FAUD allerdings ob ihrer schwarzen Uniformierung, aber auch wegen der Verlagerung des Kampfes vom ökonomischen zum politisch-militärischen nicht unumstritten. Die „Schwarze Schar” verschaffte sich allerdings durch ihr entschlossenes Auftreten einigen Respekt. Unter der Wuppertaler Arbeiterschaft herrschte ohnehin ein militanteres Auftreten als in anderen Städten, und so wagte es die SA bis 1933 nicht, in die Arbeiterviertel einzumaschieren. Fritz Benner berichtet in einem Artikel im „Arbeiterecho” recht anschaulich davon, wie Mitglieder anderer Arbeiterorganisationen anarchosyndikalistische Kampfmethoden wie Boykott oder Mieterstreiks übernahmen; unter anderem schreibt er: „In den letzten Monaten hat das Proletariat Anfänge gemacht, die Parolen der Anarcho-Syndikalisten, wenn auch unbewußt, anzuwenden. Als vor einigen Monaten an dem berüchtigten Schwarzen Sonntag in Wuppertal die Faschisten wie überall den Versuch machten, die Arbeiterviertel zu erobern, stand das Proletariat in ungewohnter Einheitsfront zusammen. Proleten, die schon viele Jahre in der SPD oder im Reichsbanner waren, vergaßen plötzlich die Parolen ihrer Führer, sich nur ruhig auf die Staatsmacht zu verlassen. Sie trieben Schulter an Schulter mit Kommunisten und Syndikalisten die braune Pest zu Paaren.” (Arbeiterecho, Nr.3, 1933)

Seit Anfang 1930 war Fritz Benner Betriebsrat bei der Firma Cosman-Villbrandt und Zehnder. Im Mai 1933 wurde er von der SS verhaftet, weil er auf einer Betriebsversammlung Stellung gegen die Nationalsozialisten bezogen hatte. Ihm wurde vorgeworfen, zum Streik aufgerufen zu haben. Da der zuständige Untersuchungsrichter keinen Haftbefehl ausstellen wollte, führte die Gestapo bei seinem Bruder Willi Benner, bei dem Fritz gemeldet war, und bei seinen Eltern eine Hausdurchsuchung durch. Einen im Keller von Willi Benner versteckten Revolver und einen im Garten vergrabenen Karabiner fanden sie zwar nicht, aber sie beschlagnahmten ausreichend Material, um eine Rechtfertigung für die Verhaftung der drei Brüder Fritz, August und Willi Benner sowie des Vaters zu konstruieren. Kunstdünger, der sich im Keller von Willi Benner befand, wurde kurzerhand zu Sprengstoff umdeklariert und Zyankali, das der Vater zur Rattenbekämpfung benutzte, wurde zum Beweis für einen seitens der Anarchosyndikalisten geplanten Anschlag aufs Trinkwasser. Außerdem fanden sie im Haus der Eltern den Brief eines Jugendlichen aus Solingen an ein FAUD-Mitglied. Der Jugendliche berichtete darin von der schlechten Behandlung im Arbeitsdienst. Beim Bruder stießen sie auf die bei den Nationalsozialisten besonders verhasste FAUD-Broschüre „Über Hildburghausen ins dritte Reich” und beschlagnahmten daraufhin die vorhandenen Bücher bis auf zwei Werke des russischen Anarchisten Kropotkin, die sie fälschlicherweise für landwirtschaftliche Literatur hielten.

Der politisch nicht organisierte Vater wurde nach wenigen Wochen wieder freigelassen. Die drei Brüder blieben in Schutzhaft. Fritz Benners Weg führte über das Gefängnis Bendahl zum Polizeigefängnis Bachstraße. Im August wurde er ins Konzentrationslager Börgermoor eingeliefert und etwa im September kam er ins Konzentrationslager Oranienburg. Dort freundete er sich mit dem anarchistischen Dichter Erich Mühsam an, der kurz zuvor selbst der FAUD beigetreten war. Er mußte mit ansehen, wie er später an Albert de Jong schrieb, „wie man den Menschen, den ich am meisten verehrte, den Menschen, durch dessen Schriften ich Revolutionär und Anarchist geworden war, langsam sadistisch zu Tode quälte.” (Zit. nach: Berner, „Die unsichtbare Front”, S. 112f.)

Im Februar 1934 wurde Fritz Benner ins Konzentrationslager Lichtenburg überführt, aus dem er am 5. April entlassen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die illegale FAUD in Wuppertal noch aktiv. Auch Benner setzte seine illegale Arbeit fort. Neben illegalen Treffen sammelte man für inhaftierte Genossen, stellte Propagandamaterial her und verteilte es. Im Oktober 1934 kam es zu mehreren Verhaftungen Wuppertaler Anarchosyndikalisten.

Fritz Benner konnte sich im Februar 1935 einer erneuten Verhaftung durch eine Flucht nach Holland entziehen. In Amsterdam arbeitete er in der Gruppe Deutscher Anarcho-Syndikalisten (DAS), der Organisation der exilierten FAUD-Mitglieder. Die Gruppe DAS stand in Kontakt mit der illegalen Geschäftskommision in Deutschland, versorgte die illegalen Gruppen in Deutschland mit Informationen und Zeitungen und kümmerte sich um deutsche Flüchtlinge. Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, in dem die spanischen Anarchosyndikalisten eine führende Rolle spielten, ging Fritz Benner gemeinsam mit Helmut Kirschey, einem weiteren Wuppertaler FAUD-Mitglied, nach Barcelona. Hier war er ebenfalls in der Gruppe DAS aktiv und schloss sich später der Kolonne Durruti an. An der Front brach erneut ein Lungenleiden aus, das er sich bereits im Konzentrationslager zugezogen hatte. Nach einem Lazarettaufenthalt ging er zurück an die Front. Das politische Klima hatte sich allerdings verändert. Helmut Kirschey war bereits von der stalinistischen Geheimpolizei GPU in einem Gefängnis in Valencia inhaftiert worden, aus dem ihn die Anarchisten kurz vor Einmarsch der Franco-Truppen befreiten. 1938 verließen Benner und Kirschey Spanien Richtung Schweden. In Dänemark wurde Fritz Benner nach Frankreich zurückgeschickt, da sein spanischer Notpass nicht anerkannt wurde. Es gelang ihm aber über Holland, wo Genossen ihm einen holländischen Pass besorgten, nach Schweden zu kommen. Dort wurde er festgenommen und wegen Passfälschung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, und man drohte ihm mit Abschiebung, die aber nicht durchgeführt wurde. Bis Kriegsende wurde er aber unter Polizeiaufsicht gestellt. Da er keine Arbeitserlaubnis erhielt, musste er bis 1943 von der Unterstützung der schwedischen syndikalistischen Gewerkschaft SAC leben. 1940 wurde er auf Verlangen der Gestapo erneut von den schwedischen Behörden interniert. Es wurde ihm vorgeworfen, Sabotage auf deutschen Schiffen zu betreiben. Mit Hilfe einer Kampagne der SAC, deren Tageszeitung „Arbetaren” und eines Hungerstreiks, wurde nach vier Monaten Benners Freilassung erreicht.

Fritz Benner heiratete eine Schwedin. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. 1949 kehrte er nach Wuppertal zurück, wo er sich in der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS), der Nachfolgeorganisation der FAUD, engagierte. Er pflegte zudem Briefkontakt mit dem in die USA emigrierten Rudolf Rocker, dem führenden Kopf des deutschen Anarchosyndikalismus. Da der Wiedergutmachungsausschuss in Wuppertal hauptsächlich aus Kommunisten bestand, wurde sein Antrag auf Wiedergutmachung abgelehnt, woraufhin er den Bearbeiter verprügelte. Im Juni 1949 wurde er als politisch Verfolgter anerkannt.

Anfang der 1950er zog er wegen seiner Famillie zurück nach Schweden, wo er sich aber nie wohl gefühlt hat. Am 11. November 1966 verstarb er in Stockholm.

Quellen:

SAPMO-BArch, R 58/318, Bl. 164.
R 58/2308, Bl. 3.
R 58/3254, Bl. 15.
RY 1/I 2/3/43, Bl 314-320 (KPD).
StA Wuppertal, Wiedergutmachungsakte Fritz Benner (11 017).
Berner, Rudolf, Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). Herausgegeben, annotiert und ergänzt durch eine Studie zu Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten von Andreas G. Graf und Dieter Nelles, Berlin/Köln 1997.
Degen, Hans Jürgen, Anarchismus in Deutschland 1945 – 1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten, Ulm 2002.
H. (FAU Bremen), Syndikalist aus Überzeugung. Erich Mühsams Entscheidung erfolgte nach gründlicher Abwägung zugunsten der FAUD, in: Direkte Aktion, Nr. 158, Juli/August 2003.
Interview mit Hans Schmitz [jun.], Dezember 2004.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, „Es lebt noch eine Flamme”. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau 1990.
Schmitz [jun.], Hans, „Umsonst is dat nie“, Widerstand – ein persönlicher Bericht, Grafenau 2004.


Veröffentlicht in: Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S.243-24
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Willi Benner (geb8.10.1907) in Barmen

Beruf: Maler
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
2. Vorsitzender (FAUD)
Gronau Str 48 [Barmen: König - 1945]
02.05.1933 bis 04.04.1934 Schutzhaft u.a. im KZ Börgermoor, KZ Kemna, Wuppertal, Gefängnis Wuppertal, Polizeigefängnis


Gustav Dereschewitz (geb: 15.8.1906) in Delmenhorst

Beruf: Fabrikarbeiter
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1935      Saurenhaus 6 (Vohwinkel)
04.03.1935 - 08.10.1935am Oberlandesgericht Hamm zu 14 Monaten Schutzhaft/Gefängnis u.a. im KZ Esterwegen; Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Heinrich Drewes (geb. 15.2.1876) in Hannover

Beruf: Drucker
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
Hain (Cronenberg: Spessartweg 78)
von 12.11.1933 bis 15.11.1934 in Schutzhaft im KZ Kemna; Grund: Politisch / Staatsfeindliche Einstellung

Jettchen Erlach (geb. 14.3.1904) in Elberfeld

Beruf: Hausfrau
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1933 & 1945 Grünewalderberg 48 (Elberfeld)
20.12.1938 - 20.12.1938 (Haft?)

Julius Grunewald (geb. 28.7.1882) in Elberfeld

Beruf: Schlosser
Todesdatum: 02.07.1942
Todesursache: Folgen von Haft
Mitglied der FAUD
von 02.03.1937 bis 02.07.1937 in Untersuchungshaft (Oberlandesgericht Hamm) in Düsseldorf, Gerichtsgefängnis; Grund:   Politisch / Vorbereitung zum Hochverrat

Hermann Hahn (geb. 23.1.1907)

Beruf: Bauarbeiter
Todesdatum: 1963
Todesursache:
Mitglied der FAUD
von 01.03.1937 bis 13.08.1941 durch das Landgericht Wuppertal zu Zuchthaus, Heil- & Pflegeanstalt veurteilt. U.a. in Düsseldorf, Gerichtsgefängnis; Herford, Zuchthaus & Münster, Zuchthaus gesessen; Grund: Politisch / Vorbereitung zum Hochverrat


Herrmann Hannibal (1898-1963)

Beruf: Schmied
Todesdatum: 13.8.1941
Todesursache: Tod in Haft
Mitglied der FAUD

Von Hansi Oostinger

Hermann Hannibal wurde am 8. Oktober 1898 in Kassel geboren. Über sein Privatleben lässt sich nur wenig sagen. Er war Schmied. Zwischen 1919 und 1925 wurde er zehnmal verurteilt, davon achtmal wegen Diebstahls. Er hatte zwei Kinder: Franz, der am 4. Januar 1930 geboren wurde, und Ilse, deren genaues Geburtsdatum sich nicht feststellen ließ, die aber auch in den 1930er Jahren geboren wurde.

Hannibal trat 1930 der Kasseler Ortsgruppe der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) bei. Die Kasseler FAUD bestand über den gesamten Zeitraum der Weimarer Republik aus nur wenigen Mitgliedern, die zudem meist von Dauerarbeitslosigkeit betroffen waren. Die Hauptaktivitäten der Kasseler Anarchosyndikalisten lagen deshalb auch gegen Ende der Weimarer Republik hauptsächlich in der Agitation und Propaganda. Sie organisierten Veranstaltungen mit bekannten Mitgliedern der Bewegung wie etwa Erich Mühsam, Rudolf Rocker oder Augustin Souchy, druckten Plakate, Flugblätter und verschiedene Zeitungen. Wenn die FAUD auch keine wirkliche Verankerung in den Betrieben hatte, so konnte sie doch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die lokale Erwerbslosenbewegung ausüben. Sie verhinderte beispielsweise Ende 1932 den Versuch der KPD, die Kasseler Erwerbslosenkomitees während des Berliner BVG-Streikes für Nationalsozialisten zu öffnen.

Ein anderes Mitglied der FAUD Kassel, Willi Paul, beschrieb ihre Organisation wie folgt: „Und vom Anarchismus getragen, lehnte eine solche Gewerkschaft jede Partei ab und auch die Bürokratie des Zentralismus ab, sie trat ein für die Eigenständigkeit, wie wir auch als Gruppe völlig eigenständig auftraten, so trat sie ein für die Eigenständigkeit in den Betrieben, aufgebaut auf einem Rätesystem, das zu jeder Zeit abrufbar war, das zu jeder Zeit ersetzt werden konnte von den Arbeitern selbst als unterste Basis einer Gesellschaft. Die oberste Instanz war eine Geschäftskommission, die hatte aber überhaupt keine Entscheidungsbefugnisse, sie war verantwortlich für die Einberufung von Kongressen, soweit sie im ganzen Reichsgebiet Geltung hatten, sonst handelten die einzelnen Industrieföderationen, wie etwa die Bauarbeiter, die Metallarbeiter in eigener Verantwortung. Und so handelten auch die einzelnen Ortsgruppen in eigener Regie.” (Bericht Willi Paul)

Der stärker werdenden nationalsozialistischen Bewegung begegnete die Kasseler FAUD 1930 mit der Gründung einer antifaschistischen Kampforganisation: der „Schwarzen Schar”. Diese soll laut Polizeiberichten (1930) im August 30-40 Mitglieder gehabt haben.

Die Kasseler Schwarze Schar gab zwei Zeitungen heraus: „Die Proletarische Front” und „Die Schwarze Horde”. Hermann Hannibal wurde Mitte Dezember 1930 beim Verkauf der „Proletarischen Front” vor einer Stempelstelle festgenommen. Gegen ihn wurde wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz ermittelt und Anklage erhoben. Die Anklage basierte auf folgender Passage aus der „Proletarischen Front”: „Durchkreuzt die Raubpläne Brünings! Stürzt die Hungerverordnung durch allgemeine Miets- und Steuerstreiks. Brüning, Wirth und die Sozialdemokratie spucken auf die Verfassung; wir Proleten scheißen drauf! Denn der Weg zum Rätedeutschland führt über den Misthaufen der Demokratie.“ (Proletarische Front, Nr. 4 vom 15. Dezember 1930) Hannibal wurde in seinem Prozess am 2. Juli 1931 allerdings freigesprochen.

Die FAUD Kassel löste sich am 15. Februar 1933 auf, um Geld- und Sachwerte für die illegale Arbeit vor dem Zugriff der Nazis zu schützen. Die Kasseler Anarchosyndikalisten produzierten ihre Zeitungen von da an unter illegalen Bedingungen, zeitweise auch in der Wohnung von Hermann Hannibal. Es erschienen noch einige Nummern der „Proletarischen Front” und von „Die Kommenden”. Zum 1. Mai 1933 erschien erstmals „Die Internationale”, die sie später in „Internationaler Sozialismus” umbenannten.

Daneben hielten sie Kontakt zu anderen illegalen FAUD-Gruppen im In- und Ausland und führten Solidaritätssammlungen für inhaftierte Genossen und ihre Angehörigen durch.

Erst 1941 gelang es der Gestapo, die illegale FAUD in Kassel zu zerschlagen und die letzten in Kassel verbliebenen Mitglieder der FAUD zu verhaften. Hermann Hannibal wurde am 27. Mai 1941 festgenommen und in das Polizeigefängnis am Königstor eingeliefert. Bei Verhören durch die Gestapo stritt er jede illegale Betätigung für die FAUD ab, wurde aber durch die Aussagen eines anderen Mitglieds, Erna Paul, belastet. Alle männlichen Angeklagten kamen im August 1941 ins Zuchthaus Wehlheiden in Untersuchungshaft. Ende 1941 kam es zum Prozess gegen sieben Kasseler Anarchosyndikalisten. Mangels Beweisen wurden zwar alle sieben vom Vorwurf der Vorbereitung zum Hochverrat freigesprochen, bereits auf dem Gerichtsflur allerdings erneut von der Gestapo verhaftet und ins Polizeigefängnis eingeliefert. Ein Versuch Freislers, den Prozess gegen die Kasseler Anarchosyndikalisten an den Volksgerichtshof zu holen, scheiterte. Stattdessen fand im Mai 1942 gegen fünf von ihnen der Prozess vor dem Oberlandesgericht Kassel statt. Hermann Hannibal wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, die durch die Untersuchungshaft abgegolten waren. Dennoch wurde er direkt ins KZ Breitenau eingeliefert. Von dort kam er am 18. Juli 1942 ins KZ Sachsenhausen, wo er die Häftlingsnummer 044694 bekam und im Block 37 untergebracht wurde. Er blieb dort bis zum 2. Mai 1945.

Nach seiner Rückkehr nach Kassel besaß Hannibal ein Fuhrunternehmen. Seine Gesundheit war angeschlagen, unter anderem hatte er durch die Misshandlungen während seiner Haftzeit sein Gehör verloren. Er starb 1963.

Quellen:

AS, D 1 A/1034, Bl. 013 (Effektenkammerschein).
SAPMO-BArch, R 58/3101, Bl. 42 (Reichssicherheitshauptamt).
R 58/3102, Bl. 34 (Reichssicherheitshauptamt).
R 58/319, Bl. 22.
StA Kassel, WG-Akte Hermann Hannibal.
StA Marburg, 274 Kassel Acc 1983/86, Nr. 8 Prozessakte Willi Paul/Hermann Hannibal (1931).
Bericht Willi Paul, Informationsstelle zur Geschichte des Nationalsozialismus in Hessen, Universität Kassel, 1979.
Frenz, Wilhelm/Kammler, Jörg/Krause-Vilmar, Dietfrid (Hrsg.), Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945. Bd. 2. Studie, Fuldabrück 1987.
Linse, Ulrich, Die „Schwarzen Scharen” – eine antifaschistische Kampforganisation deutscher Anarchisten, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr. 9, S. 47-66, Bochum 1989.
Mümken, Jürgen, Anarchosyndikalismus an der Fulda. Die FAUD in Kassel und im Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus. Mit einer Einleitung von Helge Döhring, Frankfurt/Main 2004.
Ders., Im Kampf gegen Hitler und Franco. Zum 25. Todestag des Spanienkämpfers Willi Paul, in: Direkte Aktion, Nr. 163, Mai/Juni 2004, S. 14.
Schreiben von Helmut Hannibal, Enkel, vom 28.11.2004.

Veröffentlicht in: Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S. 351-352


Werner Henneberger (geb. 04.11.1904 Lübeck)

gest. 14.01.1977 Berlin,
Kaufmann und Architekt, Anarchosyndikalist, Sozialdemokrat.

von Ludwig Unruh:

H. erlernte zunächst einen kaufmännischen Beruf, war danach als Angestellter und später als Architekt tätig. In den 1920er Jahren lebte er in Magdeburg. Dort gehörte er ab Mitte der 1920er Jahre der Anarchistischen Propagandagruppe Sudenburg und der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), einer parteiunabhängigen sozialrevolutionären Organisation, die sich als Alternative zu den zentralistisch geführten sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften bzw. der kommunistischen Roten Gewerkschaftsopposition sah (siehe Fritz Kater). 1927 und 1930 vertrat H. als Delegierter die gewerkschaftliche Freie Vereinigung aller Berufe Magdeburg auf den Kongressen der FAUD, im Jahre 1928 war er Mitunterzeichner eines „Aufrufes zur Gründung von Wirtschaftsgemeinschaften“, einer libertären Produktivgenossenschaft in Magdeburg. Für die FAUD war er in verschiedenen Funktionen und Nebenorganisationen tätig. So arbeitete er Anfang der 1930er Jahre aktiv in der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde (GfB) und der Gemeinschaft proletarischer Freidenker (GpF) und leitete auch den Verlag Besinnung und Aufbruch, in dem die Zeitschrift der GfB herausgegeben wurde. Anfang der 1930er Jahre verlegte H. seinen Wohnsitz nach Berlin, wo er im März 1933 von der Gestapo verhaftet wurde. Er kam jedoch wieder frei und war während der Zeit des Nationalsozialismus als Werbeleiter der Großdeutschen Feuerbestattung tätig. Nach der Niederlage des Faschismus engagiert sich H. in der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) – einer Organisation in Westdeutschland und Westberlin, in der sich die verbliebenen Anarchisten und Syndikalisten sammelten. Nach deren Auflösung in den 1950er Jahren wurde er für verschiedene freireligiöse und humanistische Organisationen tätig. Er trat in die SPD und die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) ein. Seinen ursprünglichen Idealen blieb er aber verbunden – in den 1960er Jahren traf er sich im West-Berliner Rudolf-Rocker-Kreis mit anderen libertären Sozialisten.


Herbert Hilse, ehemaliger FAUD-Illegaler in Dresden

Auszug aus einem Brief:

"Ich kann Dir [A. Graf] nur ein großes Danke sagen. Es ist Dir und Dieter Nelles gelungen. Es ist ein gutes Stück meines Lebens von 1930-1945 darin enthalten. Obwohl ich manches aus begreiflichen Gründen nicht wußte, kann ich sagen, so ist alles gelaufen. Ja, in Sachsen und Mitteldeutschland ist alles so gewesen wie von Dir geschildert. Viele Namen, die im Bericht erscheinen, sind mir bekannt. [...] Zum Abschluß noch einmal, Eure Arbeit ist eine sehr gute, so kann ich das einschätzen, und ich bin Euch dankbar dafür."

(Herbert Hilse, Dresden)


Friedrich (Fritz) Kater (geb. 19.12.1861 Barleben bei Magdeburg)

gest. 20.05.1945 in Berlin,
Maurer, Verleger, anarcho-syndikalistischer Gewerkschafter.
   
Ludwig Unruh:

K. wurde als Sohn eines Landarbeiters geboren; seine Mutter starb, als er zwei Jahre alt war. Bereits in seiner Kindheit musste er zum Familieneinkommen beitragen. Er arbeitete in der Zuckerfabrik, als Ochsentreiber, Hausschlachter und bei der Bestellung des eigenen Pachtlandes, bevor er eine Maurerlehre begann. 1883 – zur Zeit des Sozialistengesetzes – trat er dem Magdeburger Fachverein der Maurer bei. Dort kam er in Kontakt mit aus Hamburg und Berlin ausgewiesenen Sozialdemokraten. Er begann sich mit dem Studium sozialistischer Literatur zu beschäftigen und nahm an der illegalen Arbeit für die sozialdemokratische Bewegung teil. 1887 trat er in die SPD ein und initiierte die Gründung eines Fachvereins der Maurer in Barleben, dessen erster Vorsitzender er wurde. 1890 wurde er zu zwei Monaten Gefängnis wegen „Abhaltung einer unerlaubten Versammlung“ verurteilt und musste 1891 wegen einer „aufrührerischen Rede“ eine weitere Gefängnisstrafe verbüßen. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes 1890 hatte K. enge Kontakte zur oppositionellen „Bewegung der Jungen“ in der Sozialdemokratie. 1890 war K. Redakteur des in Olvenstedt erscheinenden Parteiorgans Sozialdemokrat für den Wahlkreis Neuhaldensleben-Wolmirstedt, für den er 1890 und 1891 auch Delegierter auf den sozialdemokratischen Parteitagen in Halle und Erfurt war. Dort unterstützte er die oppositionellen „Jungen“, vollzog deren Austritt aus der Partei jedoch nicht mit. 1892 zog K. nach Berlin, wo er – neben seiner Tätigkeit als Maurer – als Vertrauensmann für die Berufsorganisation der Maurer und sozialistischer Agitator tätig war. Bei den Auseinandersetzungen über die zweckmäßigste Organisationsform der Gewerkschaften war er ein Verfechter des dezentralen Konzeptes der „Lokalisten“, die sich 1897 auf ihrem Kongress zur späteren Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG) zusammenschlossen. Als Nachfolger des verstorbenen Gustav Keßler wurde er 1904 Vorsitzender der Geschäftskommission der FVdG – ein Amt, das er bis 1930 ausübte. 1907 schlug er das Angebot eines Funktionärspostens in den Zentralgewerkschaften sowie ein Reichstagsmandat aus und verließ ein Jahr später nach 20 Jahren Zugehörigkeit die Sozialdemokratische Partei. K., der ursprünglich der anarchistischen Bewegung ablehnend gegenüberstand, entwickelte sich danach unter dem Einfluss des französischen Syndikalismus zu einem der führenden Köpfe des Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, einer Strömung der Arbeiterbewegung, die eine Aufspaltung in politische Partei und allein auf ökonomische Ziele ausgerichtete Gewerkschaften nicht mit vollzog. Die Entstehung des Syndikalismus um 1900 war zugleich eine Reaktion auf die einsetzende Bürokratisierung und Zentralisierung der Arbeiterbewegung, die die Initiative der Basis zunehmend einschränkte. Dagegen setzen die Syndikalisten eine basisdemokratische, föderalistische Organisierung, die sie als Voraussetzung für die Selbstemanzipation der Arbeiterinnen und Arbeiter sahen. 1913 nahm K. am ersten Internationalen syndikalistischen Kongress in London teil. Während des ersten Weltkrieges war er maßgeblich an der Aufrechterhaltung der syndikalistischen Organisation in Deutschland beteiligt. 1919 gehörte er zu den Mitbegründern der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) und war in der Folge für diese als Wanderredner und Publizist tätig. Die FAUD vertrat er auch mehrfach auf Kongressen der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), der 1922 gegründeten Internationale der Anarcho-Syndikalisten. Aus Altersgründen legte K. 1930 im Alter von siebzig Jahren sein Amt nieder. Zudem war K. Verleger der Wochenzeitung der FVdG, die unter dem Titel Die Einigkeit erschien, sowie nach dem I. Weltkrieg Inhaber des Fritz Kater Verlages und später des Verlages Syndikalist, in denen über einhundert Schriften anarchistischen und syndikalistischen Inhalts publiziert wurden. K. starb 1945 beim Entschärfen eines Blindgängers in Berlin.


Hans Kirschey (geb. 4.1.1915) in Elberfeld

Beruf: Maler und Anstreicher
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Todesort: Düsseldorf
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1934 Neuenteich 14 (Elberfeld
06.10.1934 - 09.10.1934 durch Oberlandesgericht Hamm in Schutzhaft u.a. in Wuppertal (Polizeigefängnis); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Helmut Kirschey (geb. 22.1.1913) in Elberfeld

Helmut KirscheyBeruf: Bandwirker
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1933 Haspeler Schulstr 19 (Barmen)
01.03.1933 - 08.05.1945 Schutzhaft (KZ Dinslaken) & Exil u.a. in Schweden, Frankreich, Niederlande & Spanien; Grund: Politisch/Staatsfeindliche Einstellung
siehe auch: Helmut Kirschey (23.08.2003)

Fritz Krüschedt (geb. 1.6.1910)

Beruf: Bauarbeiter
Todesdatum: 1978
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
1945      Oberbergische Str. [Barmen: Obere Ronsdorferstr]69
von 01.04.1937 bis 08.05.1945 u.a. Zuchthaus, Militärische Strafeinheiten und KZ nach Haft in Düsseldorf (Gerichtsgefängnis) KZ Sachsenhausen, Herford (Zuchthaus) und Düsseldorf (Polizeigefängnis); Grund: Politisch / Vorbereitung zum Hochverrat

von Hansi Oostinga:

Fritz Krüschedt wurde am 14. Juni 1910 in Wuppertal geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste die Mutter ihn und seine zwei Geschwister allein groß ziehen. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einer Elberfelder Obdachlosensiedlung auf. Die Mutter entstammte dem katholischen Milieu, bewegte sich aber in Kreisen der linken Arbeiterbewegung und schickte ihre Kinder auf eine freie weltliche Schule. Nach der Volksschule besuchte Fritz Krüschedt eine Fortbildungsschule. Er erlernte keinen Beruf und war als Bauhilfsarbeiter tätig. Im Juli 1929 wurde Fritz Krüschedt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu 70 Reichsmark Strafe oder sieben Tagen Haft am Landgericht Wuppertal verurteilt. Der Grund der Anklage ist nicht bekannt. Über Bekannte der Mutter kamen Fritz Krüschedt und sein Bruder Gustav auch in Kontakt mit der Gemeinschaft proletarischer Freidenker (GpF). In der GpF hatten die Anarchosyndikalisten einen nicht unerheblichen Einfluss. Über diese fanden die Brüder Krüschedt 1929 den Weg zur Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD), der Jugendorganisation der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).

Die FAUD vertrat in Abgrenzung zur kommunistischen wie auch sozialdemokratischen Arbeiterbewegung eine eigenständige Traditionslinie innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung, die bis zu den lokalistischen Gewerkschaften im 19. Jahrhundert zurückreichte. Wie diese setzte sie auf ein antiautoritäres, dezentrales Organisationskonzept, das die Trennung von politischem und ökonomischem Kampf ablehnte. Die revolutionäre Gewerkschaftsorganisation sollte die Keimzelle für die neue, freiheitlich-kommunistische Gesellschaft sein. Der Kapitalismus sollte mittels eines Generalstreiks überwunden und die Gesellschaft auf Basis eines gewerkschaftlichen Rätesystems neugestaltet werden. Für den gewerkschaftlichen Tageskampf setzten die Anarchosyndikalisten auf die Methode der „Direkten Aktion“.

Die FAUD konnte Anfang der 1920er Jahre regional und in einigen Branchen einen nicht unerheblichen Einfluss ausüben. Auch in Wuppertal war sie zu dieser Zeit in einigen Betrieben die stärkste Gewerkschaft. Ende der 1920er Jahre verfügte die FAUD Wuppertal allerdings nur noch über einige Dutzend Mitglieder und war nicht mehr in der Lage, eigenständige Aktionen in den Betrieben durchzuführen.

In dieser Zeit stieß aber eine neue Generation junger Arbeiter und Arbeiterinnen mit großem revolutionären Enthusiasmus zur FAUD, bzw. ihrer Jugendorganisation SAJD. Die kleine, fast familiäre Gruppe der SAJD Wuppertal zählte 1930 etwa 15 Mitglieder. Sie stellte in den Jahren 1930 bis 1933 auch für die Brüder Krüschedt den Lebensmittelpunkt dar, zumal Fritz 1930 seine Anstellung als Bauarbeiter verlor. Sie trafen sich fast täglich und hatten sich im Garten eines Genossen ein eigenes Vereinsheim gebaut. Sie lasen gemeinsam Klassiker, stellten Flugblätter, Plakate und eine Betriebszeitung her. Ein Höhepunkt ihrer Aktivitäten war im Jahr 1931 die Aufführung des von ihnen inszenierten Theaterstücks “Sacco und Vanzetti” von Erich Mühsam in der Wuppertaler Stadthalle.

Gustav Krüschedt beschrieb seinen damaligen Tagesablauf wie folgt: “Morgens mußte ich um sechs raus [...]. Nach der Arbeit haben wir uns meistens gleich irgendwo getroffen – damals war ja immer was los: Schlägereien mit den Nazis, Diskussionen am Rathaus mit den Kakaophilosophen, Flugblätter machen oder verteilen, am Gewerkschaftshaus oder auf der Straße. Abends gingen wir immer zu den anderen
Organisationen, in ihre Versammlungen, um uns da einzumischen. Oder wir waren unter uns zusammen. Ich bin damals, glaub ich, selten vor zwölf ins Bett gekommen – und dann hab ich oft noch bis drei gelesen.“ (Zit.nach: Graf, Familie Krüschet, S. 30)

Als Schutztruppe gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung gründeten die Wuppertaler Anarchosyndikalisten – ähnlich wie in anderen Städten – eine Schwarze Schar, die über mehrere Revolver und einen Karabiner verfügte. Auch Fritz Krüschedt schloss sich der schwarz uniformierten Truppe an. Ein anderes Mitglied der SAJD Wuppertal, Hans Schmitz, beschrieb die Motivation der jungen Anarchosyndikalisten damals so: “Wenn dich ein Nazi angegriffen hat, muß man zurückschlagen. Man konnte doch nicht bis zum nächsten Tag warten und dann in der Fabrik den Generalstreik fordern, so wie es die alten Genossen sagten.” (Zit. Nelles/Klan, Gustav Krüschedt, S. 52)

Die Schwarze Schar konnte einige Übergriffe der Nazis auf Versammlungen und in Arbeitervierteln verhindern. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass die Brüder Krüschedt ins Visier der SA gerieten. Zumal sie auch sonst keinen Hehl aus ihrer Haltung machten – aus ihrer Wohnung hing oft die schwarze Fahne der Anarchisten. Der SA war Fritz Krüschedt zudem in guter Erinnerung, weil er es gewagt hatte, einen SA-Mann, der auf Passanten geschossen hatte, anzuzeigen.

Anfang 1933 konnten die Brüder einer Verhaftung durch die SA noch durch einen raschen Umzug in den Stadtteil Barmen entgehen. Die verlassene Wohnung wurde verwüstet, 500 Reichsmark und die schwarze Fahne entwendet.

Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, hatte sich die SAJD vor der Machtübernahme offiziell selbst aufgelöst. Ihre Mitglieder blieben allerdings in Kontakt und leisteten mit einigen älteren Genossen gemeinsam Widerstand. Es wurden weiterhin Beiträge kassiert und Spendensammlungen für inhaftierte Genossen durchgeführt. Neben Kurierfahrten, Fluchthilfe für verfolgte Genossen und verdeckten Treffen mit Gleichgesinnten aus anderen Städten – auch aus anderen linken Jugendgruppen – versuchten sie mit ihren bescheidenen Mitteln Gegenpropaganda zu streuen. Davon berichtet Hans Schmitz in einem Erinnerungsbericht: “In den ersten Wochen der Nazidiktatur haben wir noch selbstgedruckte Zettel mit Linolschnitt und Wringmaschine hergestellt und verklebt. Selten, daß sie eine Stunde Tageslicht hatten, so schnell wurden sie von den gefangenen Genossen unter SA-Aufsicht entfernt. Kalk mit Heringsbrühe hatte sich schon vor dem 30. Januar als äußerst haltbar erwiesen. Als wir sahen, wie unsere Genossen die Parolen mit blutigen Händen, nur mit einem Stückchen Stein als Hilfsmittel, abkratzen mussten, gaben wir auch diese Methode auf. Dann gingen wir dazu über, mit Stempelkissen und kleinen Linolschnitten und Kinderdruckkästen zu arbeiten, das Linoleum erwies sich als zu hart. Danach nahmen wir Gummi von dickwandigen Autoschläuchen, schnitten es aus und klebten es auf ein Holzbrettchen. Tagsüber wurden helle Stellen auf Plakaten ausgeguckt und nachts bedruckt. Unsere Parolen blieben einige Stunden sichtbar, bis sie überklebt wurden. Mit der Methode ,Koffer abstellen’ haben wir auch versucht, uns bemerkbar zu machen; was schwierig war. Um Bodenunebenheiten auszugleichen, mußten wir feinporiges Schaumgummi beschaffen. Normale Schwämme mußten geteilt werden, es war schwierig, gleich hohe Buchstaben herzustellen. Es folgten Buchstaben aus gebrauchter Baumwollunterwäsche, fünffach aufeinander genäht, dann von Hand auf Pappe genäht. Der Koffer wurde in Gehrichtung abgestellt und wieder aufgehoben, wenn jemand in der Nähe zu sehen war. Dann mußte man schnell in eine stille Ecke verschwinden, wo ein zweiter Mann wartete, um neue Farbe aufzutragen.” (Schmitz, Hans, “Umsonst is dat nie”, S. 7/8)

Ende 1936, Anfang 1937 deckte die Gestapo den anarchosyndikalistischen Widerstand im Rheinland auf. Über 100 Personen wurden verhaftet. Fritz Krüschedt wurde am 7. April 1937 festgenommen. Die Untersuchungen der Gestapo Düsseldorf zogen sich über ein Jahr hin. Während dieser Zeit wurden die Inhaftierten schwer misshandelt. Eine der Foltermethoden, um Namen aus Fritz Krüschedt herauszupressen, war es, ihn stundenlang im kalten Wasser der Wupper stehen zu lassen. Er verriet dennoch niemanden. In zwei großen Prozessen im Januar und Juni 1938 wurden ingesamt 88 Anarchosyndikalisten wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” verurteilt. Fritz Krüschedt, der jede Betätigung für die illegale FAUD abstritt, wurde im Juni zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt.

Nach seiner Haftentlassung am 1. Juli 1939 wurde er umgehend in “Schutzhaft” genommen und ins Gefängnis Düsseldorf-Derendorf überstellt. Am 10. August kam er ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er die Häftlingsnummer 001252 bekam und im Block 65 untergebracht wurde. Auf einem Effektenkammerschein, der auf den 9. März 1941 datiert ist, und in einer Veränderungsmeldung des Krankenbaus, in den er am 20. Oktober 1941 eingewiesen wurde, wird für ihn die Häftlingsnummer 011923 und die Unterbringung im Block 23 angegeben.

Auch im Kozentrationslager Sachsenhausen wurde er misshandelt. So musste er er über Stunden gemeinsam mit anderen Häftlingen im kniehohen Wasser stehen und wurde an den auf dem Rücken zusammengebundenen Armen an den Pfahl gehängt. Bei späteren Schilderungen musste er, wenn er auf den Spitznamen eines KZ-Aufsehers – Puppe – zu sprechen kam, in Tränen ausbrechen.

Im Herbst 1944 gehörte er zu den 770 Häftlingen, die für die SS-Sonderformation Dirlewanger zwangsrekrutiert wurden. Ihm gelang es aber, beim ersten Fronteinsatz zu den sowjetischen Truppen überzulaufen. Diese betrachteten ihn nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Kriegsgefangenen, was für ihn eine sehr schmerzhafte Erfahrung war. Er wurde dennoch relativ früh, im September 1945, entlassen.

Nach Deutschland zurückgekehrt, schloss er sich, nach einem kurzem Intermezzo in der KPD, der Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) an. Die FFS, die einige hundert Mitglieder zählte, verstand sich zwar als Nachfolgeorganisation der FAUD, sah für eine revolutionäre Gewerkschaftsbewegung im Nachkriegsdeutschland allerdings keine Perspektive. Die FFS konzentrierte sich vornehmlich auf die Bewahrung freiheitlicher Ideen und versuchte diese in andere Organisationen hineinzutragen, wie etwa in die neu gegründeten Gewerkschaften.

Auch Fritz Krüschedt und sein ebenfalls – nach einer Odyssee durch halb Europa – zurückgekehrter Bruder Gustav arbeiteten in diesem Sinne.

Fritz Krüschedt hatte nach dem Krieg verschiedene Anstellungen. Er arbeitete als Reparateur, Dachdecker und in der Stadtverwaltung Wuppertal. 1949 heiratete er Erna Sondern-Rutkies, die einen Sohn mit in die Ehe brachte. Am 11. Juli 1950 wurde ihre gemeinsame Tochter Marianne geboren. Nach einem Motorradunfall im Jahr 1959 wurde ihm ein Bein amputiert und er arbeitete danach als Platzwart eines Sportplatzes. Fritz Krüschedt verstarb 1978.

Quellen

AS, D1 A/1024, Bl. 234 (Veränderungsmeldung des Gefangenen-, Geld- und Effektenverwalter).
D1 A/1054, Bl. 093 (Veränderungsmeldung des Krankenbaus)
D1 C/01, Bl. 298 (Effektenkammerschein).
NRW-HstA, RW 58-62 533, Bl. 2.
SAPMO-BArch, FBS 110/2339 (NJ 5683).
R 58/318.
StA Wuppertal, Wiedergutmachungsakte Fritz Krüschedt (11 649).
Berner, Rudolf, Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937), hrsg., annotiert und ergänzt durch eine Studie zu Widerstand und Exil deutscher Anarchisten und Anarchosyndikalisten von Andreas G. Graf und Dieter Nelles, Berlin/Köln 1997.
Graf, Andreas, Die Familie Krüschet im Widerstand, in: IWK, Heft 1/2000, S. 29-33.
Linse, Ulrich, Die „Schwarzen Scharen“ – eine antifaschistische Kampforganisation deutscher Anarchisten, in: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr. 9, S. 47-66, Bochum 1989.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, “Es lebt noch eine Flamme”. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau 1990.
Nelles, Dieter/Klan, Uli, Gustav Krüschedt, in: Schwarzer Faden, Nr. 39, 3/ 9, S. 51-52.
Rübner, Hartmut, Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus, Berlin/Köln 1994.
Schmitz, Hans, „Umsonst is dat nie“, Widerstand – ein persönlicher Bericht, Grafenau 2004.
Theissen, R../Walter, P./Wilhelms, J., Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Antiautoritäre Arbeiterbewegung im Faschismus, Bd. I, Meppen 1980.
Interview mit der Ehefrau des Stiefsohnes von Fritz Krüschedt, Frau Sondern, Juni 2001.
Interview mit Hans Schmitz, Dezember 2004.

Veröffentlicht in: Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S. 414-417


Gustav Krüschedt (geb. 31.3.1912) in Elberfeld

Beruf: Bauarbeiter und Maschinist
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1945 Haderslebener Str 5 [Barmen: Auer Schulstr.]
06.03.1937 - 06.06.1939 am Oberlandesgericht Hamm zu Zuchthaus u.a. in Düsseldorf (Gerichtsgefängnis) & Herford (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
15.11.1942 - 08.05.1945 Militärische Strafeinheiten; Grund: Politisch


Otto Müller

Der Göppinger Otto Müller (geb. am 06.10.1902) besuchte die Volksschule (heute Hauptschule) und wurde danach zum Mechaniker ausgebildet. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schloß er sich der sozialdemokratischen "Sozialistischen Arbeiterjugend" (SAJ) an und wohnte in direkter Nachbarschaft zum Anarcho-Syndikalisten Karl Dingler in der Osterbachstrasse. Seine Mitgliedschaft in der FAUD ist ab 1933 belegt. Er beteiligte sich an der illegalen anarcho-syndikalistischen Widerstandsgruppe in Württemberg, und wurde wegen dieser Zugehörigkeit im Jahre 1935 verhaftet. Daraufhin verbrachte er 13 Monate in Haft, u.a. im KL Welzheim. Er schrieb Gedichte, welche er 1947 unter Zulassung der US- Militärbehörden mit dem Titel "Hinter Gittern" als Bändchen im "Kulturaufbau-Verlag" Stuttgart unter Leitung des Anarcho-Syndikalisten Hermann Zipperlen in einer Auflage von 3.000 Exemplaren herausbringen konnte. Müller war Mitglied der Göppinger Gruppe der Föderation freiheitlicher Sozialisten (FFS).

Sein Bruder Eugen Müller schrieb ihm folgendes Gedicht:

Dem Politischen
Wenn dich die rohe Staatsgewalt
ergreift und durch die Straßen schleift
und in den Straßen Jung und Alt,
dir Haß und Spott entgegengeift,
und wenn dich Weib und Kinder seh'n
gefesselt zum Gerichtshof gehn;
senk nicht den Blick!

Sei stolz auf deine Missetat,
sei stolz auf deinen Dornengang,
sei stolz auf die gestreute Saat,
die lustig in den Schollen sprang
und keimt und reift zu ihrer Zeit,
die schöne Frucht der Menschlichkeit.
Senk nicht den Blick!

[aus: Otto Müller: Hinter Gittern, Kulturaufbauverlag Stuttgart]

Paul Oberhemm (geb. 14.11.1913)

Beruf: Maler und Anstreicher
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
1939 Neuenteich 40 (Elberfeld)
01.04.1937 - 01.04.1939 am Oberlandesgericht Hamm zu 27 Monaten Zuchthaus, u.a. in Münster (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Max Sachser (geb. 18.12.1892) in Wermelskirchen

Beruf: Monteur
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
01.04.1933 - 08.04.1933 in Schutzhaft, in Wuppertal, Polizeigefängnis; Grund: Politisch/Staatsfeindliche: Einstellung
01.05.1933 - 01.05.1933 in Schutzhaft, Wuppertal, Polizeigefängnis; Grund: Politisch/Staatsfeindliche: Einstellung
01.06.1937 - 01.07.1937 durch Oberlandesgericht Hamm in Untersuchungshaft in Düsseldorf, Polizeigefängnis; Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Hans Saure (geb. 8.5.1914)

Beruf: Hilfsarbeiter
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
05.10.1934 - 05.10.1936 am Oberlandesgericht Hamm zu 24 Monaten Zuchthaus in Remscheid-Lüttringhausen (Zuchthaus), Grund; Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
08.03.1937 - 08.05.1945 Zuchthaus (Münster & Remscheid-Lüttringhausen) & Illegales Leben; Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Hans I Schmitz (geb. 16.5.1914 † 22.03.2007)

1995 1.MaiBeruf: Dreher
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
16.10.1934 - 19.10.1934 duch Oberlandesgericht Hamm in Schutzhaft in Wuppertal (Polizeigefängnis); Grund; Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
10.02.1938 - 01.04.1939 am Oberlandesgericht Hamm zu 27 Monaten Zuchthaus u.a. in Herford (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
siehe auch: Hans Schmitz zum 90. Geburtstag

Hermann Sickmann (geb. 19.5.1908) in Vohwinkel

Beruf: Matratzenmacher
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
1945      Höhe 4 (Vohwinkel)
06.10.1934 - 09.10.1934 durch Oberlandesgericht Hamm in Schutzhaft in Wuppertal, Polizeigefängnis; Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
02.03.1937 - 01.03.1938 durch Oberlandesgericht Hamm zu 42 Monaten Zuchthaus u.a. in Oberems (Strafgefangenenlager), Düsseldorf (Gerichtsgefängnis), Herford (Zuchthaus) & Düsseldorf (Polizeigefängnis); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
01.01.1943 - 08.05.1945 in Militärischen Strafeinheiten; Grund: Politisch

Ernst Steinacker (geb. 21.4.1914) in Elberfeld

Beruf: Schneider
Todesdatum: 28.3.1942
Todesursache: Front
Mitglied der Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)
05.10.1933 - 08.10.1933 durch Oberlandesgericht Hamm in Schutzhaft; Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
01.04.1937 - 31.07.1939 am Oberlandesgericht Hamm zu 27 Monaten Zuchthaus in Herford (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Johann Baptist Steinacker (geb. 20.11.1870) in Odenheim

Beruf: Schneider
Todesdatum: 14.4.1944
Todesursache: Mord / Tod im KZ
Mitglied der FAUD
1937      Auer 14 (Barmen: Heinkel und Elberfelder)
06.10.1934 - 05.07.1936 am Oberlandesgericht Hamm zu 21 Monaten Zuchthaus in Remscheid-Lüttringhausen (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat
19.01.1937 - 14.04.1944 am Oberlandesgericht Hamm zu 120 Monaten Zuchthaus und KZ nach Haft verurteilt, u.a. in Düsseldorf (Gerichtsgefängnis) & Münster (Zuchthaus); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Walter Tacken (geb. 19.12.1901) in Elberfeld

Beruf: Kesselheizer
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
1937 & 1945    Vogelsaue 42 [Elberfeld: Vogelsauer]
01.04.1933 - 01.05.1933 in Schutzhaft in Wuppertal (Polizeigefängnis); Grund: Politisch/Staatsfeindliche: Einstellung
23.02.1937 - 02.05.1941 am Oberlandesgericht Hamm zu 52 Monaten Zuchthaus u.a. in Oberems (Strafgefangenenlager), Herford (Zuchthaus), Münster (Zuchthaus) & Düsseldorf (Polizeigefängnis); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat

Emil Voss (geb. 15.5.1902) in Elberfeld

Beruf: Arbeiter
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD
1937 & 1945 Grünewalderberg 27 (Elberfeld)
01.05.1937 - 30.07.1937 durch Oberlandesgericht Hamm in Untersuchungshaft u.a. in Düsseldorf (Gerichtsgefängnis), Düsseldorf (Polizeigefängnis); Grund: Politisch/Vorbereitung zum Hochverrat




Enno Wolf (1903-?)

Beruf: Arbeiter
Todesdatum: unbekannt
Todesursache: unbekannt
Mitglied der FAUD

von Hansi Oostinga

Enno Wolf wurde am 30. August 1903 geboren. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. 1926 hielt er eine Rede auf dem Bundestag der Arbeiterschützen. Er war Mitglied der Kasseler Ortsgruppe der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).

Die FAUD hatte ein radikaleres Selbstverständnis als die dominierenden Gewerkschaftsorganisationen der Weimarer Republik. Für die Anarchosyndikalisten war die Gewerkschaft die entscheidene Kampforganisation der Arbeiterklasse, die letzlich den Kapitalismus mittels eines Generalstreiks überwinden sollte. Sie lehnte politische Parteien und den Parlamentarismus ebenso ab wie zentralistische Funktionärsapparate und baute auf die selbsttätige, unvermittelte, direkte Aktion der Arbeiterklasse.

Anders als in anderen Regionen, konnte die FAUD in Kassel nie wirklich Fuß fassen, sie verfügte nie über mehr als drei dutzend Mitglieder, die zudem überwiegend erwerbslos waren. Sie war in Kassel letztlich “eine propagandistische Gruppe für den Syndikalismus”. (Bericht Willi Paul) Die Kasseler Anarchosyndikalisten organisierten Veranstaltungen und druckten Plakate, Flugblätter und Zeitungen. Mit großem Enthusiasmus vertrieben sie auch Zeitungen, die sie von der Geschäftskommission der FAUD aus Berlin bezogen. Ein anderes Mitglied der Kasseler FAUD, Willi Paul, berichtet beispielsweise vom Verkauf des “Syndikalist”: “Wir standen fast jeden Tag, aber hauptsächlich Sonnabends auf der Königstraße. Und verkauften. Oft ging er wie frische Semmeln weg und dann bestellten wir sofort telegrafisch neue – wir waren so fasziniert von der Bewegung!”. (Bericht Willi Paul)

Einzig in der Kasseler Erwerbslosenbewegung konnte die FAUD einen größeren Einfluß ausüben. In den Erwerbslosenkomitees, an denen sich auch Sozialdemokraten und Kommunisten beteiligten, nahmen neben Enno Wolf die Kasseler Anarchosyndikalisten Willi Paul und Fred Schröder führende Positionen ein. In der Wohnung von Enno Wolf wurde das gesamte Propagandamaterial der Kasseler Erwerbslosenbewegung geschrieben und gedruckt.

Ende 1930 gründeten die Kasseler Anarchosyndikalisten - wie andere FAUD-Gruppen auch - eine antifaschistische Kampforganisation: die “Schwarze Schar”. Am 15. Februar 1933 löste sich die Kasseler FAUD versorglich auf, um Geld- und Sachwerte vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu sichern, bestand aber illegal weiter. Die Kasseler FAUD-Mitglieder betrieben eine illegale Druckerei, stellten Zeiungen her und vertrieben diese. Es gab verdeckte Treffen und Solidartätssammlungen für inhaftierte Genossen.

Erst 1941 gelang es der Gestapo die FAUD in Kassel endgültig zu zerschlagen. Es kam zu mehreren Verhaftungen. Enno Wolf muß schon vorher verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert worden sein, da die politische Abteilung des Konzentrationslagers Sachsenhausen am 20. Dezember 1938 seine Entlassung anordnete, die dann auch am 22. oder 23. Dezember erfolgte. Vermutlich ist er dann aber erneut verhaftet worden. Nach Angaben von Willi Paul soll Enno Wolf im Konzentrationslager ums Leben gekommen sein.

Im Adressbuch der Stadt Kassel taucht er 1939 noch auf, 1940 wird seine Ehefrau als Witwe geführt.

Quellen

AS, D1 A/1022, Bl. 595.
Bericht Willi Paul, Informationsstelle zur Geschichte des Nationalsozialismus in Hessen, Univerität Kassel, 1979.
Mümken, Jürgen, Anarchosyndikalismus an der Fulda. Die FAUD in Kassel und im Widerstand gegen Nationalsozilismus und Faschismus. Mit einer Einleitung von Helge Döhring, Frankfurt a.M. 2004.
Mümken, Jürgen, Im Kampf gegen Hitler und Franco. Zum 25. Todestag des Spanienkämpfers Willi Paul, in: Direkte Aktion, Nr. 163, Mai/Juni 2004, S. 14.

Veröffentlicht in: Siegfried Mielke (Hrsg.) in Verbindung mit Günther Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch. Band 3, Berlin 2005, S. 414-417

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