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Wer nicht hören will, muss fühlen

Im April 2007 ist in Speyer ein 22-jähriger Erwerbsloser verhungert. Er war vom "Jobcenter" schrittweise auf Null heruntergekürzt worden. Dieses Vorgehen auf Null ist im "Sanktionskatalog" des Sozialgesetzbuchs vorgeschrieben (§31 SGB II). Wem dann die Kraft fehlt, vor dem Sozialgericht auf Weiterzahlung zu klagen oder bei der ARGE um Lebensmittelgutscheine zu betteln, der verhungert eben.

Im ersten Quartal 2010 wurden ca. 180.000 Sanktionen und Kürzungen der Hartz-IV-Bezüge verhängt - soviel wie nie zuvor. Dass das ARGE-Personal jederzeit eine Sanktion verhängen kann, schüchtert ein und lässt viele Betroffene die ARGE schon mit Herzrasen betreten.

Vergangenes Jahr hat sich ein breites Bündnis gebildet, das ein Aussetzen der Sanktionen fordert. Zu den InitiatorInnen zählen der Wuppertaler Sozialhilfeverein Tacheles e.V., die Bundesarbeitsgemeinschaft Prekäre Lebenslagen e.V., die Professorinnen Helga Spindler, Franz Segbers, Stephan Lessenich und viele andere, z.B. auch die Bundestagabgeordneten Katja Kipping (DIE LINKE) und Markus Kurth (Bündnis 90/Die Grünen).

In dem Aufruftext wird betont: "Die Auswirkungen von Sanktionen werden dadurch verschärft, dass Widersprüche keine aufschiebende Wirkung haben, d.h. die Menschen müssen, auch wenn sie letztlich nach gerichtlicher Kontrolle Recht bekommen, unter den Sanktionen leiden." Es wird gefordert: "Das Existenzminimum darf nicht angetastet werden!" Dem Vorurteil, dass Arbeitslose an ihrer Arbeitslosigkeit selbst schuld seien, wird entschieden entgegengetreten: "Es fehlen Existenz sichernde Arbeitsplätze. Dieses Grundproblem, das durch die Wirtschaftskrise verschärft wird, kann mit Sanktionen nicht gelöst werden. Mit dem Sanktionsregime wird jedoch so getan, als hätten die Erwerbslosen ihre Lage verursacht und müssten zur Arbeit getrieben werden."

Sanktionen würden verstärkt auch vor dem Hintergrund von Sparvorgaben verhängt, welche das Bundesministerium für Arbeit und Soziales über die Bundesagentur für Arbeit den JobCentern auferlegt. Wenn es keine Arbeitsplätze zu vermitteln gibt, sähen Mitarbeiter vielfach "nur durch verstärkte Sanktionen die Möglichkeit, diese Zielvorgaben zu erreichen." Am Schluss des Aufrufs wird betont: "Es ist dringend notwendig, die Missstände in den JobCentern, die bislang in ihrem Ausmaß zu wenig bekannt sind, offenzulegen, für deren Beseitigung zu sorgen." Und vor allem: "Ein sofortiges Moratorium, ein Aussetzen des Sanktionsparagrafen, ist deshalb notwendig."

Die Liste der ErstunterzeichnerInnen ist beachtlich. Sie reicht von Elmar Altvater bis hin zu Heiner Geißler und Dieter Hildebrandt. Der Aufruf wurde bisher von 20.000 Personen unterzeichnet. In Düsseldorf sammelten das Mittwochsfrühstück und Arbeitsloseninitiative z.B. bei ihren monatlichen Aktionstagen vor den Düsseldorfer ARGEn Unterschriften (jedeR kann auch online unterschreiben unter: www.sanktionsmoratorium.de).

Den Aktiven der Düsseldorfer Arbeitsloseninitiative sind krasse Fälle bekannt. Sie sind von den Betroffenen jedoch um Stillschweigen gebeten worden. Auch SozialarbeiterInnen berichteten im Initiativkreis Armut, ihnen seien Fälle von Kürzungen bekannt.

Die Fachhochschule wollte es genauer wissen. Am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften wurde im Rahmen eines Verwaltungs- und Organisationsseminars Mitte diesen Jahres eine Befragung von Erwerbslosen vor der Düsseldorfer ARGE Luisenstraße durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt vorgestellt. Titel der Studie: "Wer nicht hören will, muss fühlen." Einleitende Worte voller Sarkasmus: "Haben Ihre Eltern mal das Taschengeld gekürzt? Ja? Dann wissen Sie ja auch, welch enorme pädagogische Vernunft und erzieherische Kraft darin lag, oder? Oder haben Sie sich danach angepasster und braver und lieber und unauffälliger - und dankbarer - verhalten?" Weiter wird gefragt: "Und Ihr Arbeitgeber hat Ihnen auch schon mal den Lohn um ein Drittel gekürzt, oder? Nicht? Dann würden Sie sich aber ordentlich zur Wehr setzen?" Fazit: "Dann gehören Sie zu denen, die besser nicht in die Situation geraten, auf staatliche Subventionsleistungen angewiesen zu sein. Denn da müssten Sie schon mit solchen erzieherischen Maßnahmen im wahrsten Sinne des Wortes rechnen." Merke: Rohrstock war gestern. Das adäquate Sanktionsinstrument im Kapitalismus heißt: einem den letzten Euro nehmen.

Gern stellt sich die Düsseldorfer ARGE als vorbildlich dar. Die Ergebnisse der Befragung sind bedrückend, gleichwohl wenig überraschend: "Kürzungen stürzen die Beziehenden von ALG II in noch größere finanzielle Misere, Verschuldung und Not. Eine ausreichende Aufklärung über Kürzungen findet selten statt, die schriftlichen Vorankündigungen der Kürzungen sind in schwer verständlicher Sprache verfasst, Widersprüche sind aufwändig und oftmals nicht erfolgreich, sie haben außerdem keine aufschiebende Wirkung. Die psychische Belastung der einzelnen Menschen im ALG-II -Bezug ist nicht nur im Kürzungsfall, sondern schon durch die permanente Bedrohung mit einer potentiellen Kürzung groß." Hinzu kommt, dass Widersprüche gegen Sanktionen neben einer ausreichenden sprachlichen, schriftsprachlichen und rechtlichen Kenntnis auch eine ausreichende Beschwerdekompetenz erfordern. So sei es "nicht verwunderlich, dass zwar 80% der Menschen mit Abitur, aber nur 25% der Betroffenen ohne Schulabschluss einen Widerspruch einlegten." Bei MigrantInnen kommen oft sprachliche Probleme hinzu. JedeR zweite Befragte nicht-deutscher Nationalität hatte bereits Sanktionen erfahren.

Bagatellen können zu Sanktionen führen: Melde- und Terminversäumnisse, fehlende oder nicht rechtzeitig vorliegende Unterlagen, Versäumnisse bei der Aufnahme bzw. Wahrnehmung von Arbeits- und Schulungsangeboten. Oft ist den Betroffenen - so lassen die genannten Gründe vermuten - auch nur der Kragen geplatzt: "Ablehnung des wiederholten Besuchs eines Bewerbungstrainings, die Verweigerung der Teilnahme am x-ten Computerkurs, der Nachweis von nur 16 statt der geforderten 20 Bewerbungen in einem Monat, die nicht fristgerechte Beibringung von Arbeits- oder Scheidungspapieren."

Bei den aktuellen Jubelzahlen über sinkende Arbeitslosigkeit besteht die Gefahr, dass das ARGE-Personal versucht sein könnte, die Erwerbslosen noch stärker aus dem Bezug zu drängen. Denn welche ARGE will beim "Einsparen" nicht Vorbild sein? Das selbst organisierte Mittwochsfrühstück der Erwerbslosen und Geringverdienenden hat bereits angekündigt, in den nächsten Monaten verstärkt Unterschriften für das Sanktionsmoratorium zu sammeln.

THOMAS GIESE

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